Die Zukunft derer, die zurückblieben

Bashollis Nachkriegsdrama „Hive“ über mutige Frauen und tiefe Gräben

Beim letztjährigen Sundance-Festival wurde „Hive“ mit drei Hauptpreisen ausgezeichnet.
Beim letztjährigen Sundance-Festival wurde „Hive“ mit drei Hauptpreisen ausgezeichnet. © Polyfilm

Es sind nur ein paar Euro, die der örtliche Frauenbund auszahlen kann. Warum erscheint eine der Frauen nicht, um das so wichtige Geld abzuholen? „Man fand ihren Mann und ihren Sohn.“ Die Frauen leben in Warteposition.

Jeden Moment könnte die Tür aufgehen, der geliebte Mann dastehen, unversehrt, bereit, sein Leben da weiterzuführen, wo er es damals zurücklassen musste. Oder es öffnet sich die Tür zur Hölle, wenn sich bestätigt, was wie ein Damoklesschwert über dem Dorf schwebt, seit zig Männer vor sieben Jahren wie vom Erdboden verschwunden sind.

Fahrije (sehr einnehmend: Yllka Gashi) lebt mit ihrer Tochter, ihrem Sohn und ihrem Schwiegervater in einem kleinen Haus, über Wasser halten soll die Familie der Verkauf von Honig. Sie hat die Ruhe nicht, um das Ernten des Honigs aus den Waben ohne Stiche zu überstehen. Ihr Mann konnte es.

Er war schon als Kind so ruhig, erzählt sein Vater. Er fehlt, doch das Leben muss weitergehen und so findet sich der Debütfilm „Hive“ der Regisseurin Blerta Basholli genau an jenem Punkt, an dem die Vergangenheit auf die Zukunft trifft. Stehen Schwiegervater und Tochter für das Andenken an den verschwundenen Sohn und Vater, wird Fahrijes die Rolle der Zukunft zuteil.

Sie will und muss einen Weg ohne Ehemann finden und beginnt unter schwierigen Umständen mit anderen Frauen Ajvar zu produzieren, im Kosovo eine Paste aus gegrillten, passierten Paprikaschoten. Doch geht es nach den verbliebenen Männern im Dorf, sollten sie alle die Traditionen bewahren, sich um Haus und Familie kümmern.

Eine reale Frau mit einer großen Vision

Bashollis Film beruht auf einer wahren Begebenheit: 1998 besetzten serbische paramilitärische Kräfte Teile des Kosovo, die reale Fahrije machte sich mit ihren Kindern nach Albanien auf und kehrte 1999 in ihr zerstörtes Dorf zurück, die Männer des Ortes waren verschwunden.

Um für das Dorf eine Zukunft zu schaffen, gründete Fahrije ein Lebensmittelunternehmen, das ausschließlich von Frauen geführt wurde, zum größten Teil Witwen des jüngsten Kosovo-Krieges.

Basholli erwähnt den Krieg kaum in ihrem Film, aber sie erzählt von einer männerlosen Gesellschaft, eine prägende Auswirkung jeden Krieges — auch Jahre und Jahrzehnte nach dessen Ende. Damit gewinnt „Hive“ an grausamer Aktualität, wenn sich die Frauen, um Aufklärung bettelnd, mit den Fotos ihrer verschwundenen Männer aufreihen. Besonders berührend sind jene Szenen, in denen deutlich wird, wie unterschiedlich die Familienmitglieder mit dem Verlust des Mannes umgehen, und dies Barrieren zwischen ihnen aufbaut, sie auseinandertreibt.

Anders als Jasmila Zbanic’ „Quo vadis, Aida?“, in dem das Massaker von Srebrenica bedrückend und detailgetreu behandelt wird, arbeitet „Hive“ viel mehr die Kollateralschäden eines Krieges auf, die Einsamkeit derer, die zurückblieben.

Von Mariella Moshammer

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