„Extra Life“ im Tanzquartier: Bilder für Unaussprechliches

Hier lichtet sich der Nebel der Vergangenheit nur langsam © APA/Tanzquartier Wien/Estelle Hanania

In den frühen Morgenstunden einer durchfeierten Nacht bricht so manches hervor. In Gisèle Viennes neuestem Stück „Extra Life“ gerät dieser Moment für ein Geschwisterpaar, das sich lange nicht gesehen hat, zu einer harten Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, die Sci-Fi-Anleihen ebenso bereithält wie Horrorsequenzen. Am Freitag war diese Tour de Force, die vom Wiener Tanzquartier koproduziert wurde, in der Halle G im MQ zu erleben.

Die französisch-österreichische Choreografin und Regisseurin Vienne ist bekannt für Arbeiten, die nicht nur mit extremer Verlangsamung spielen, sondern im Wechsel von Licht, Nebel, dröhnender Musik und Tanzperformance auch meist viele Assoziationen zulassen. Diesmal ist es aber etwas anders gelagert: Felix (Theo Livesey) und Klara (der französische Schauspielstar Adèle Haenel) sitzen in einem schwarz lackierten Auto, das am Rand der sonst freigeräumten Bühne wie zufällig platziert wirkt. Die Freude über das Wiedersehen und die anregende Party ist groß, doch schnell schiebt sich etwas Unheilvolles in ihr Gespräch.

Es ist der sexuelle Missbrauch durch einen nahen Verwandten, den die Geschwister als Kinder erleben musste, der den folgenden zwei Stunden ihren Rahmen gibt. Anfangs quergeschnitten mit einer Radiosendung über Entführungen durch Aliens („Da ist es wahrscheinlicher, dass dich dein Onkel vergewaltigt“, entfährt es den beiden), erfährt man im ersten Drittel immer weitere Details, ohne dass das Geschehen konkret fassbar wäre. Viele dürften es gewusst, dürften es geduldet haben – und die Kinder selbst scheinen erst jetzt Worte, mehr aber noch einen körperlichen Ausdruck für dieses unaussprechliche Grauen und seine Folgen zu finden.

Denn natürlich lässt Vienne ihre Performer auf der wie eine Mondlandschaft von zig kleinen Steinchen übersäten und immer wieder im Bühnennebel verschwindenden Bühne ihre Körper im Zeitlupentempo zur druckvollen Musik von Caterina Barbieri tanzen, sich dabei gegenseitig umspielend, während im Hintergrund langsam eine dritte Person (Katia Petrowick) hinzutritt. Es bleibt bis zuletzt unklar: Ist sie eine weitere Schwester? Ist sie eine Erinnerung oder doch eher eine zukünftige Möglichkeit? Spät stellt sie sich ebenfalls als Klara vor, was die Verwirrung nur verstärkt – letztlich aber auch irrelevant bleibt.

Immerhin geht es Vienne nicht um eine eindeutige Narration, sondern vielmehr unterschiedliche emotionale Zustände. So wird etwa Petrowick bei einem ausdrucksstarken Solo von Lasern wie in ein imaginäres Gefängnis gesperrt, während später alle drei Figuren (sowie eine unheimliche Puppe am Rücksitz) eine kleine, ganz in rot getauchte Horrorfahrt mit dem Auto unternehmen. „Jedes Mal, wenn er uns angegriffen hat, zerstörte er uns“, mündet dieser Schrecken schließlich auch in Worte. „Und als die Kinder tot waren, durften sie ihren Lieblingscartoon schauen.“

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Mit „Extra Life“, das auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, gelingt Vienne ein sehr spezieller Zugriff auf dieses schwierige Thema. Ihre Charaktere pendeln zwischen Verdrängung und Erkenntnis, wenn einerseits das Alienmotiv als Analogie für die Einsamkeit der Opfer genutzt wird, nur um an anderer Stelle wieder die Party und damit die Gemeinschaft ins Blickfeld zu holen: „All diese Menschen hatten ähnliche Geschichten“, wissen Felix und Klara. Und tanzen schlussendlich aus diesem Albtraum in die Ferne. Das Stück ist am heutigen Samstag ein weiteres Mal zu erleben.

(Von Christoph Griessner/APA)

„Extra Life“ im Tanzquartier, Halle G, 1070 Wien. Konzept/Choreografie/Regie/Szenografie: Gisèle Vienne, Performance: Adèle Haenel, Theo Livesey, Katia Petrowick, Musik: Caterina Barbieri, Sounddesign: Adrien Michel, Licht: Yves Godin in Zusammenarbeit mit Gisèle Vienne, Text: Adèle Haenel, Theo Livesey, Katia Petrowick, Gisèle Vienne, Kostüme: Gisèle Vienne, Camille Queval, FrenchKissLA, Puppen: Etienne Bideau-Rey, Nicolas Herlin. Französisch mit englischen Übertiteln. Weitere Aufführung am 2. März um 19.30 Uhr. tqw.at

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