„FurchtBlasen“ im Hamakom seziert Clash der Echokammern

Es ist ein etwas anderes Weihnachtsstück: Ein alter Vater, seine drei erwachsenen Kinder und ganz schön viele Bubbles. Das sind die Ingredienzien der Stückentwicklung „FurchtBlasen“, die am Mittwoch in Sam’s Bar im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde. 90 Minuten lang ist man hautnah dabei, wie sich die Familienmitglieder über drei Jahre hinweg in ihren Echokammern verstricken, um sich dann beim weihnachtlichen Familientreffen aneinander zu reiben.

Das erste Weihnachtsfest findet 2019 statt, Corona hat noch niemand auf dem Schirm. Die Geschwister verabreden sich über WhatsApp: Aline-Sarah Kunisch, Birgit Stöger und Ludwig Wendelin Weißenberger treten abwechselnd an das Mikrofon, das sich im Zentrum der Kaffeehaustische findet, an denen das Publikum Platz genommen hat. Es geht darum, wer die Mayonnaise mitbringt und ob man „es“ diesmal ansprechen wird. „Es“, das ist der zunehmende Alterungsprozess des Vaters, den Florentin Groll als leicht schrulligen, aber immer noch sehr selbstsicheren Senioren gibt. Dass man einander unter dem Jahr wohl eher selten getroffen hat, wird deutlich, wenn sich die Familie im Wohnzimmer auf der Bühne versammelt und schon die Frage „Und, wie geht es DIR?“ so einiges an Sprengstoff bereithält. Und die Frage nach der Zukunft des Vaters wird natürlich nicht geklärt.

Das restliche Jahr kann dann an unterschiedlichen Stationen im Raum im Schnelldurchlauf beobachtet werden. Corona hält Einzug, damit einher geht die Abschottung. Man soll sich auf die Kernfamilie beschränken, doch was tun, wenn man alleine lebt? Gaby, die Älteste der drei Geschwister und alleinerziehende Mutter, macht erste zaghafte Schritte als Mom-YouTuberin. Kommen die ersten Versuche, die live auf die Bühnenrückwand projiziert werden, noch schüchtern und stolpernd daher, entwickelt sich Birgit Stöger als Gaby im Laufe des Abends zu einer hyperaktiven Influencerin mit eigener Beauty-Linie. Ihre jüngere Schwester Nina (Kunisch) zelebriert ihre Einsamkeit in einem eigenen Podcast, während sich der fesche Valentin (Weißenberger) ängstlich mit seinem Spiegelbild herumschlägt. Und der Vater? Der trifft sich – gegen die Abstandsregeln – mit ein paar Menschen, die sein Weltbild auf den Kopf stellen.

Beim nächsten und übernächsten Weihnachtsfest hat man sich noch weiter voneinander entfernt. Valentin hat sich vom unsicheren Loser zum großen Sprachrohr der unzufriedenen Masse verwandelt, Gaby zelebriert ihr Dasein als YouTube-Star und Nina versucht die Welt zu retten, indem sie sich bewusst ernährt und ihren Müll trennt. Die ursprünglich zaghaften Versuche, dem Vater eine Heimhilfe zu besorgen, haben sich in Richtung Altersheim verschoben. Das Haus soll ausgeräumt und am Besten gleich verkauft werden. Doch der Vater hat bei seinen neuen Freunden von „Fridays for Future“ etwas gelernt, das jetzt auch im Privaten Sinn macht: Er klebt sich einfach fest.

Mit „FurchtBlasen“, an dem Hanscho gemeinsam mit Dramaturgin Maike Müller und dem Ensemble geschrieben hat, ist ein humorvoll-trauriges Porträt eines gesellschaftlichen Wandels gelungen, der sich im Privaten schmerzvoll zuspitzt. Ein sehenswerter Abend, der zum gemeinsamen Besuch mit Geschwistern und Eltern einlädt. Vielleicht ist Weihnachten heuer doch zu retten.

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(Von Sonja Harter/APA)

„FurchtBlasen“ in Sam’s Bar im Nestroyhof Hamakom. Regie: Thyl Hanscho. Mit Florentin Groll, Aline-Sarah Kunisch, Birgit Stöger und Ludwig Wendelin Weißenberger. Weitere Termine: 8., 10., 12., 13., 15., 19., 20. und 22. Dezember. hamakom.at

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