Gedenken an einen Pionier: Otto Kallir und die Neue Galerie

Eingang der Neuen Galerie 1923, Grünangergasse 1 (Mit dem Plakat der Egon Schiele Ausstellung) © APA/Courtesy Kallir Research Institute,NY

Zwei sehenswerte Ausstellungen, die am Mittwochabend in Wien eröffnet werden, würdigen das Werk des Verlegers, Galeristen und Kunsthändlers Otto Kallir (1894-1978), der wie kein anderer mithalf, der österreichischen Moderne Weltgeltung zu verschaffen. Bei Wienerroither & Kohlbacher stellt man Künstler ins Zentrum, die von Kallir entscheidend gefördert wurden: Schiele, Kubin, Gerstl, Kokoschka … In der Galerie nächst St. Stephan widmet man sich der Geschichte der Räume.

„Bis zur Zwischenkriegszeit hatte Wien keine entwickelte Galerieszene für zeitgenössische Kunst. Bis dahin mussten die Künstler selbst für sich Werbung machen“, erzählt Jane Kallir. Die Enkelin Otto Kallirs, die in New York das Werk ihres Großvaters weiterführt, zählt zu einer der profiliertesten Expertinnen für eine Epoche, die erst ihr Großvater in den Fokus amerikanischer Sammler und Museen gerückt hat und nach seinem Tod zu einer Weltmarke wurde: „Wien um 1900“. „Ich habe ihn als Gentleman der Alten Welt erlebt, dadurch war er mir etwas fremd. Aber mit der Kunst, die ihm wichtig war, bin ich aufgewachsen. Das hat mich ohne Zweifel beeinflusst.“

„Mein Großvater war enorm energiegeladen und wechselte von einer Idee zur anderen“, erinnert sich Jane Kallir. Als etwa in der wirtschaftlichen Depression die Lebenshaltungskosten enorm stiegen und die Galerieumsätze einbrachen, habe er das „pay-as-you-wish“-Prinzip erfunden. Auch die 69-Jährige sprüht vor Leben und erzählt mit großer Begeisterung von den Großtaten ihres Großvaters, der 1923 mit der ersten großen Schiele-Ausstellung seit dem Tod des Künstlers 1918 seine Neue Galerie eröffnete und 1941 die erste Einzelausstellung Schieles in den USA zeigte. Ein Ölbild wurde von einem Emigranten um 250 Dollar erworben, keine einzige der um Preise zwischen 20 und 60 Dollar angebotenen Papierarbeiten wurde verkauft.

Später, als die Preise bereits deutlich angezogen hatten, bot er Schiele-Bilder US-Museen vergleichsweise billig an. „Er wusste, wie wichtig es für Bedeutung und Preisentwicklung war, dass Museen Werke von Schiele besaßen“, erzählt die Enkelin. So, wie er Jahre zuvor wusste, was die Machtübernahme der Nazis für ihn als Juden und als Händler „entarteter Kunst“ bedeuten werde.

1938 übergab Otto Kallir die Neue Galerie (die heute in dem 2001 von Ronald Lauder gewählten Namen für sein New Yorker Museum weiterlebt) an seine Mitarbeiterin Vita Künstler und floh in die Schweiz, dann weiter nach Paris. Dort gründete er die nach dem Wiener Stephansdom benannte Galerie St. Etienne, die er nach seiner Migration in die USA 1939 in New York eröffnete. Heute wird sie von Jane Kallir geleitet. Schon der Großvater habe ihr prophezeit, dass sie denselben Beruf wie er einschlagen werde, erzählt sie von einem einst geführten Küchengespräch: Als Künstler hätten sie nämlich beide nicht genügend Talent gehabt …

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Wie umfassend die Talente Otto Kallirs waren, der 1931 das in einem Lagerhaus verstaubende restliche Werk Richard Gerstls vor der Vernichtung rettete, davon berichtet die zweite Ausstellung, die in den ehemaligen Räumen der Neuen Galerie besichtigt werden kann. „Im 100. Jahr wollten wir uns bewusst unserer eigenen Geschichte stellen“, sagt Rosemarie Schwarzwälder, die hier die Galerie nächst St. Stephan führt, im Gespräch mit der APA. „Ich glaube, es gibt nur wenige Galerien, die vergleichbar auf eine hundertjährige Aktivität zurückblicken können.“ Dass dies nun in einer von einer 56-seitigen Broschüre begleiteten Kabinettausstellung möglich ist, verdankt sich auch dem Umstand, dass Otto Kallir das gesamte Archiv der Neuen Galerie 1973 dem Belvedere überantwortet hat, wo es seither beforscht wird und auch digitalisiert zugänglich ist.

Fast 130 Ausstellungen hat Kallir in den 15 Jahren der Neuen Galerie ausgerichtet, eine unfassbare Zahl, deren Eindruck nur noch von der breiten Themenvielfalt übertroffen wird, die diese Ausstellungen umfassten. Personalen und Künstlergruppen wurden abgewechselt von Präsentationen wie „Von Kunst und Alltag in der Sowjetunion“, „Aussee und das Salzkammergut“ oder „Bauernmalerei aus drei Jahrhunderten“. Dazu kamen Kakteen-, Briefmarken- oder Luftpostausstellungen. Kallirs Interessen waren vielfältig.

Nach 1945 übernahm Kallir zwar formal wieder seine Galerie in Wien, die etwa in Kooperationen mit dem Art Club erneut Avantgarde-Funktion hatte, beschäftigte sich aber nicht mehr aktiv mit der Leitung. Während er sich auf seine Aktivitäten in den USA konzentrierte, vermietete er 1954 die Räumlichkeiten an Monsignore Otto Mauer, der sie 1973 für die von ihm gegründete Galerie nächst St. Stephan kaufte. Als sie 1978 hier zu arbeiten begann, sei ihr das große Erbe bewusst gewesen, erzählt Rosemarie Schwarzwälder: „Man merkt immer, dass man in Räumen steht, in denen seit Jahrzehnten Kunst ausgestellt wird.“

Ausstellungen „100 Jahre Neue Galerie Wien. Hommage an Otto Kallir“, Vernissage: 29.11., 19 Uhr, bis 2.2.2024, Montag – Freitag 10-18 Uhr. Wienerroither & Kohlbacher, Wien 1, Strauchgasse 2; „Grünangergasse 1. Otto Kallir und die Neue Galerie in zeithistorischen Dokumenten 1923-1954“, Vernissage: 29.11., 17.30 Uhr, bis 20.1.2024, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien 1, Grünangergasse 1

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