Getty-Museum-Chef will mehr Diversität und Nachhaltigkeit

Timothy Potts, Direktor des Getty Museums in L.A. © APA/Wolfgang Huber-Lang/APA

Das Getty Museum gilt als eines der reichsten Museen der Welt. Steigende Kosten für Mieten, Heizung und Personal bereiten Timothy Potts daher anders als seinen Kollegen keine schlaflosen Nächte. Doch der Australier, der seit 2012 das Museum in Los Angeles leitet, macht sich dennoch nicht nur über schöne Ausstellungen, sondern über künftige Aufgaben von Museen Gedanken. Am Freitag hielt er die erste „Gerda Schwarz Lecture“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Das Getty habe in den vergangenen Jahren auch andere Institutionen bei manchen Forschungs- oder Ausstellungsvorhaben unterstützt, schilderte Potts im Interview mit der APA. Als ein finanziell besonders gut ausgestattetes Museum spüre man die Verantwortung, in schwierigen Zeiten anderen unter die Arme zu greifen. Denn auf Ticketeinnahmen ist das vom Milliardär J. Paul Getty gegründete Haus, das vor der Pandemie knapp zwei Millionen Besucher jährlich begrüßte, nicht wirklich angewiesen (weswegen der Eintritt frei ist). Dennoch freut er sich: „Die Besucher kommen zurück. Sie scheinen uns vermisst zu haben und wieder hungrig auf Museumserlebnisse zu sein. Wir sind fast wieder auf den Besucherzahlen vor Corona. Nur die Besucher aus China und anderen ostasiatischen Ländern sind noch immer weniger als früher.“

Doch neue Anforderungen sind dazugekommen. Viel mehr als früher wird der ökologische Fußabdruck des Museumsbetriebs mitberücksichtig. „Nachhaltigkeit ist ein großes Thema geworden. Niemand kann es sich mehr leisten, das zu ignorieren.“ Die Aufbewahrung von wertvollen Kunstobjekten bedinge alleine aus konservatorischen Gründen einen erhöhten Energieaufwand, den man durch Einsatz von Technologie zu reduzieren versuche. Dennoch sei das Erlebnis, mit Originalen konfrontiert zu werden, durch nichts zu ersetzen, glaubt Potts und sieht sich durch die Besuchernachfrage bestärkt. „Wenn die Onlinewelt und Social Media eine wirkliche Alternative wäre, würden wir das spüren. Tun wir aber nicht.“

Die Besucher kommen allerdings auch dann gerne, wenn das Original nur digital vorgegaukelt wird. Immersive Ausstellungen seien eine gute Idee, Menschen mit untergegangenen Epochen oder Schauplätzen zu konfrontieren, sagt der studierte Archäologe und nennt etwa die altpersische Residenzstadt Persepolis als Beispiel, wo man mit Partnern selbst aktiv geworden worden sei. „Wir nützen neue Technologien dort, wo man Erlebnisse schaffen kann, die man sonst nicht haben könnte, und diese auch unserem Bildungsanspruch entsprechen.“ Von immersiven Ausstellungen, die als Multimediaspektakel über Klimt, Van Gogh oder Monet durch die Städte touren, hält der Museumschef weniger: „Natürlich sind auch uns zahlreiche solcher Projekte angeboten worden. Wir machen das nicht, denn wir stehen ja für Originale – sofern sie verfügbar sind. Dennoch sollten wir darüber nicht urteilen. Es gibt offenbar Menschen, die sich für so etwas begeistern können. Warum auch nicht? Es ist eine freie Welt. Jeder soll selbst entscheiden können, was er bevorzugt. Ich bin für Pluralismus.“

Den fordern auch Randgruppen ein, respektive Gruppen, die sich in Museen unterrepräsentiert fühlen. Museen reflektieren immer auch die Gesellschaft und ihre Fragestellungen. Frauen, queere Personen, People of Colour fordern mehr Diversität in den Sammlungen. „Das ist ein Thema, das tatsächlich alle Institutionen derzeit vor schwierige Aufgaben stellt. Alle suchen nach Wegen, marginalisierten, unterrepräsentierten oder vergessenen Gruppen besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Zu Recht! Aber es ist darum ein regelrechter Wettkampf entstanden. Man muss jedoch darauf achten, dass nicht die Qualität darunter leidet. Aber es gibt eine guten Grund, mehr Diversität anzustreben. Wir werden nachher ein besseres Museum sein. Es wird uns weiterbringen, auch als Gesellschaft. Es ist Zeit, auch anderen Narrativen Raum zu geben.“

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Geht es auch um künftige Narrative, die westliche Kunst und Kulturgeschichte nicht mehr so in das Zentrum stellen? Es sei wohl ganz natürlich gewesen, in Europas Museen den Fokus auf europäische Kunstgeschichte zu legen. Als auf europäische Kunst seit der Antike spezialisiertes Museum könne man den Kurs nicht in Richtung eines Universalmuseums ändern. „Dazu sind wir zu spät dran. Das gibt unsere Sammlungsgeschichte nicht her. Wir haben uns 50 Jahre auf europäische Kunst konzentriert, das ist der Kern unserer Sammlung. Und um die Lücken etwa in chinesischer, indischer oder afrikanischer Kunst adäquat zu füllen, fehlen selbst uns die Mittel. Bei unserer Manuskriptesammlung unternehmen wir aber vorsichtige Schritte, bei Ankäufen auch darüber hinaus aktiv zu werden, sobald sich eine Brücke in eine andere Richtung eröffnet.“

Am Dienstag sorgte der britische Premierminister Rishi Sunak für einen diplomatischen Eklat, als er kurzfristig ein Treffen mit seinem griechischen Amtskollegen absagte. Grund sollen die „Elgin Marbles“ sein. Griechenland fordert seit langem das Parthenon Fries aus London zurück. Auch die Herkunft etlicher antiker Objekte aus dem Getty Museum waren in den vergangenen Jahren umstritten, manche wurden auch zurückgegeben – etwa im Vorjahr Terrakottafiguren, die offenbar aus unrechtmäßigen Grabungen stammten, an Italien. „Ich bin erst seit zwölf Jahren an der Spitze des Museums und nicht dafür verantwortlich, was vor meiner Zeit geschah. Aber ich glaube, dass wir in meiner Amtszeit sehr offen und kooperativ mit Rückgabeforderungen umgegangen sind. Wenn die Rechts- und Beweislage eindeutig ist, wird natürlich zurückgegeben. Bei einigen Objekten sind wir auch aus eigenen Stücken aktiv geworden. Aber bei manchen gibt es noch keinen Konsens darüber, das stimmt.“

Im Wiener Weltmuseum, wo etwa Benin-Bronzen umstritten sind, sei er noch nicht gewesen, bedauert Timothy Potts, und hebt die Weltgeltung der Wiener Institutionen hervor. Warum sind dann in Wien die Besucherzahlen bei weitem nicht so hoch wie etwa in Paris oder London? „An der Bedeutung der Wiener Sammlungen liegt es sicher nicht. Die sind fantastisch. Es muss eine andere Erklärung dafür geben, vielleicht eine psychologische. Da geht es aber Wien nicht anders als Berlin. Das ist auch eine der großen Museumsstädte der Welt. In der Gemäldegalerie sind Sie von Meisterwerken umgeben – aber häufig gibt es dort weniger Besucher als Kunstwerke.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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