Immer Opfer: „Iphigenia“ bei den Salzburger Festspielen

Iphigenia (Rosa Thormeyer, 3.v.l.) im Kreise ihrer Familie © APA/NEUMAYR/LEOPOLD/NEUMAYR/LEOPOLD

Griechische Tragödie in eine heutige Geschichte verpackt? Das kommt einem bekannt vor. Tatsächlich erinnert das, was die polnische Theaterregisseurin Ewelina Marciniak bei den Salzburger Festspielen aus dem Iphigenie-Stoff gemacht hat, stark an die Aneignungen des Australo-Schweizers Simon Stone. Es ist Stone mit Tanz allerdings. Denn die spannendsten Momente der zweieinhalbstündigen „Iphigenia“-Uraufführung auf der Perner-Insel verdankten sich am Donnerstag den Tanzeinlagen.

„Frei nach Euripides/Goethe von Joanna Bednarczyk“ heißt es im Programmheft, doch die von der polnischen Dramatikerin ersonnene Grundgeschichte beweist starke Eigenständigkeit und führt in den Haushalt einer nur scheinbar glücklichen Familie. Der Philosophieprofessor Agamenon (Sebastian Zimmler) ist kurz davor, sein Opus Magnum herauszubringen, eine Analyse der vielschichtigen Täter-Opfer-Beziehung unter Bezugnahme auf aktuelle Diskurse. „Der Verlag glaubt, das wird ein Bestseller“, trumpft die stolze Gattin auf, die divenhafte Schauspielerin Klytaimnestra (Christiane von Poelnitz). Stolz ist der Vater aber besonders auf Tochter Iphigenia (Rosa Thormeyer). Der 20-Jährigen scheint eine Karriere als Klaviervirtuosin sicher. Auch ihr Freund Achilles (Jirka Zett) ist zwar kein Kopfarbeiter, sondern Fußballer, wird aber im Familienkreis willkommen geheißen.

Alles könnte also eitel Wonne sein. Doch alles ändert sich im Verlauf weniger Stunden. Denn da sind noch die schöne, flittchenhafte Helena (Lisa-Maria Sommerfeld) und ihr Mann, Onkel Menelaos (Stefan Stern). Helena kennt das dunkle Geheimnis zwischen Iphigenia und Menelaos, und als die brave Tochter nicht mehr schweigen und mitspielen will und über den jahrelangen Missbrauch durch den Onkel spricht, bekommt sie von ihrer Mutter als erstes zu hören: „Warum hast Du das getan?“ Auch der Vater, der Tochter (zu) innig verbunden, ist konsterniert: Das wird ein Skandal. Seine Karriere ist ruiniert. Sein Buch kann er einstampfen. Es sei denn, Iphigenia bringt ein Opfer – und hält den Mund.

Aus dieser Ausgangslage könnte sich ein echter Thriller entwickeln, eine zeitgemäße Mischung aus Familientragödie und Soap mit dem Claim „Iphigenia, du Opfer!“ Nichts von alledem. Bednarczyk hat mit der Entwicklung der Grundkonstellation bereits ihr Pulver verschossen. Statt Verwicklungen und Verstrickungen, Vorwürfe, Erpressungen und Befreiungsschläge gibt es ziemlich biedere Rekurse auf die Vorlagen vom Alten Testament bis zu den Alten Griechen – und noch unspektakulärere Bebilderungen. Mit Ausnahme der erwähnten Tanzszenen, „Body Expressions“, mit denen die Emotionen laut der Regisseurin „intensiver und authentischer“ vermittelt werden können. Auch die Verdoppelung der Iphigenia-Figur (die mit Oda Thormeyer, der Mutter der Hauptdarstellerin, ideal besetzt ist) wirkt dramaturgisch zwar nicht sehr schlüssig begründet, ist eine Bereicherung.

Ob es dieser Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg tatsächlich gelingt, das Frauenopfer der griechischen Mythologie neu zu hinterfragen, ist zu bezweifeln. Szenisch ist der lange Abend jedoch ein Reinfall. Dass man sich kurzfristig entschlossen hat, die Umbaupause zu streichen und man nun zwischendurch einer großen Riege an Arbeitern auf offener Bühne bei einem komplett unnötigen Umbau von hölzernem Bühnenpodest auf wassergeflutetes Bühnenbassin zusehen darf, ist ein zusätzliches Ärgernis. Der zweite Teil liefert dann den „Iphigenie auf Tauris“-Teil, also quasi das Sequel, Jahrzehnte danach. Aus dem süßen Buben Orest ist der Muttermörder geworden (gespielt vom Darsteller des Achilles), Helena hat sich trotz ihrer 60 Jahren noch gut gehalten und Iphigenia betreibt ein Inselhotel. Soweit, so gut. Soweit, so unnötig.

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Am Ende brennt das Klavier und ertönt Händel: „Lascia la Spina“. Lass den Dorn und pflück die Rose! Das dachte sich auch das Premierenpublikum und spendete ausgiebig Beifall. Die Jünger der Theatergöttin Thalia sind offenbar bereit, so manches Opfer zu bringen. Die letzte Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele ist jedenfalls geschlagen. Die Saison 2022/23 kann kommen.

Salzburger Festspiele: „Iphigenia“. Frei nach Euripides/Goethe von Joanna Bednarczyk. Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg. Regie: Ewelina Marciniak, Bühne: Mirek Kaczmarek, Kostüme: Julia Kornacka. Uraufführung, Perner-Insel, Hallein. Mit Lisa-Maria Sommerfeld, Oda und Rosa Thormeyer, Christiane von Poelnitz, Stefan Stern, Jirka Zett, Sebastian Zimmler. Weitere Termine am 19., 21., 23., 24., 26., 27. und 28. August. salzburgerfestspiele.at; Premiere in Hamburg: 22. September

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