Inszenierung mit Angst vor Bühnentradition

„Höllenangst“ von Johann Nestroy feiert im Linzer Schauspielhaus Premiere

Joachim Wernhart, Lorena Emmi Mayer, Theresa Palfi, Sebastian Hufschmidt und Benedikt Steiner
Joachim Wernhart, Lorena Emmi Mayer, Theresa Palfi, Sebastian Hufschmidt und Benedikt Steiner © Prammer

Muss Nestroy entstaubt werden? Nicht mehr so gespielt werden wie seit Jahrzehnten? Abkehr von der morbiden Atmosphäre des Biedermeier hin zu einem sozialen Heute, das genug Anknüpfungspunkte für Nestroys pointierte Kritik bietet? Nimmt man das Stück „Höllenangst“ jetzt am Schauspielhaus in Linz als Maßstab, muss die Frage des Entstaubungsbedarfs mit Nein beantwortet werden. „Höllenangst“ vielmehr als Inszenierung mit Angst vor einer langen Bühnentradition! Auch wenn es ein groß angelegtes Theaterereignis mit engagierten, motivierten Schauspielern ist, es bleibt alles in allem unbefriedigend.

„Politische“ Komödie

„Höllenangst“ zählt zu den „politischen“ Komödien Nestroys. Geschrieben 1849, nach den letztlich gescheiterten Aufständen der Bevölkerung gegen den Absolutismus, für mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen. Nestroy verpackt in „Höllenangst“ genau diese Thematik, wenn auch verklausuliert als Schicksal der Schusterfamilie Pfrim einerseits und der Intrigen und Machtspiele der „besseren“ Kreise andererseits. Wendelin Pfrim geht, um für zehn Jahre ein „Leben in Saus und Braus“ führen zu können, einen Pakt mit dem vermeintlichen „Teufel“ ein. Dass dieser in Wahrheit ein hoher Justiziar ist, der nach einer Liebesnacht über die Dächer flieht und im wörtlichen Sinn in die Behausung der Pfrims fällt, das wird diesem erst am Schluss klar, ist aber der rote Faden, der sich durch das komplexe Handlungs- und Beziehungsgeflecht zieht. So gesehen ist es nicht schlecht, wenn man als Theaterbesucher ein Quäntchen Vorwissen zum Inhalt mitbringt.

Die Inszenierung von Dominique Schnitzer stellt die soziale Problematik in den Mittelpunkt, die Schusterfamilie dominiert das Geschehen, vor allem, indem sie sich nicht ihrem Schicksal ergibt sondern jede Gelegenheit zum Widerstand gegenüber den „Oberen“ nützt.

Schmutzig-graue Wände

Ein wesentlicher Punkt für die gesamte Produktion ist das Bühnenbild (Christin Treunert): Hohe, schmutzig-graue Wände, mehr nicht. Authentisch für die armen Schustersleute. Irritierend allerdings ist, dass die Amtsräumlichkeiten des Oberrichters genauso schmutzig-grau und ohne Interieur gestaltet sind. Der Grund dafür erschließt sich nicht wirklich.

Nicht gespart wurde, was die Besetzung durch das Ensemble betrifft. Das Landestheater bietet die Riege seiner besten Darsteller auf, auch die zahlreichen Nebenrollen sind klug und mit engagierten Typen besetzt. Nestroys Sprachspiele und sein hintergründiger Witz werden gut bewältigt, wenngleich die Textverständlichkeit phasenweise zu wünschen übrig lässt. Zum Beispiel auch bei den typischen Couplets mit ihren manchmal sprachlich holprigen Aktualisierungen von der Ökologie über die Genderproblematik bis zur Tagespolitik. Die Idee, ein Quartett von „Straßenmusikanten“ auf die Bühne zu bringen, ist als gelungen zu werten.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind mit großem Einsatz bei der Sache, so mancher Szenenapplaus ist der verdiente Lohn. Schade, dass die Figuren fallweise überzeichnet sind und so an Wirkung verlieren.

Und insgesamt hätte der – inklusive Pause — zweidreiviertel Stunden dauernden Produktion auch eine Straffung gut getan.

Von Werner Rohrhofer

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