Ionescos „Kahle Sängerin“ in Graz als Komödie zum Mitsingen

Das Absurde manifestierte sich nicht nur in der Sprache © APA/Schauspielhaus Graz/Karelly Kindler

Das Absurde lässt sich in einer Zeit mit Corona, Blackout-Angst, wahnwitzigen Machthabern und himmelstürmenden Preisen nur schwer noch irgendwo festmachen, zu sehr hat es bereits den Alltag eingeholt. Eugene Ionesco schrieb mit seinem Drama „Die kahle Sängerin“ eine groteske Komödie, die von der haarscharf aneinander vorbeigeführten Sprache und dem Nicht-Inhalt lebt. Im Grazer Schauspielhaus hatte am Freitag eine bunt-harmlose Bühnenshow mit weichgespültem Schluss Premiere.

Zwei Paare, ein Dienstmädchen und ein Feuerwehrmann treffen aufeinander, reden, reden und reden immer weiter, ohne jemals wirklich miteinander zu kommunizieren. Ob das Abendessen besprochen wird oder das andere Paar in sprachlichen Verrenkungen seine Verbundenheit kundtut, niemals werden die Erwartungen des Zuhörenden erfüllt, immer passiert etwas völlig anderes, manchmal auch etwas Absurdes. Die Uhr spielt eine Rolle, die Zeit selbst hält sich hier an keine Naturgesetze, und am Ende sind alle verwirrter als am Anfang.

Als Eugene Ionesco sein Anti-Theater, wie er es selbst bezeichnete, schrieb, wollte er auch das konventionelle Theater persiflieren. Das läuft heute etwas ins Leere, da es konventionelles Theater sowieso kaum noch gibt und viele Aufführungen von ehemaligen Klassikern absurder sind als alles, was Ionesco je hätte ersinnen können. Also nahm Regisseurin Anita Vulesica die Vorlage ziemlich genau und hielt sich an viele Details wie beispielsweise die Uhr mit ihren genau festgelegten Schlägen. In einem Ambiente (Bühne: Henrike Engel) zwischen Theaterfoyer und Nachtlokal, bei dem alles mit roten Samtvorhängen verkleidet ist und die Spielenden auf einer langen Couch sitzen, vollzieht sich die Sprechorgie. Das Absurde manifestiert sich hier nicht nur in der Sprache, sondern wird im Spiel, in Körperdrehungen, in Gesten fortgesetzt, wobei etwas weniger Schreien, Grunzen und Kieksen vielleicht mehr gewesen wäre.

Beim Ende hat die Regisseurin allerdings nicht auf Ionesco vertraut, sondern die letzten 20 Minuten in eine Musiknummer umgewandelt. Die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler erscheinen in bunten Satinumhängen und lassen ihrer Begeisterung für Startum der anderen Art freien Lauf. Zuletzt darf auch das Publikum mitsingen: „I love you“ wird da in einer Endlosschleife wie von einer Gruppe bekiffter Blumenkinder intoniert – die Zuschauer fanden’s lustig, und so endete der Abend in einlullendem Wohlgefallen.

Beatrice Frey, Moritz Grove, Evamaria Salcher und Frieder Langenberger im 70er-Jahre Look (Kostüme: Janina Brinkmann) geben präzise die beiden Paare, Katrija Lehmann setzt als Dienstmädchen schräge Slapstick-Akzente und Raffael Muff bringt als trocken-witziger Feuerwehrmann eine etwas andere Nuance ins sonst eher gleichförmige Spiel. Roland Fischer taucht am Ende als kahle Sängerin auf und sorgt für weitere Heiterkeit. Der Abend bringt viel Witz, auch wenn der nicht immer absurd ist – aber das scheint auch der Zeit geschuldet.

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„Die kahle Sängerin“ von Eugene Ionesco im Grazer Schauspielhaus. Regie: Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Camill Jammal. Mit: Beatrice Frey (Mrs. Smith), Moritz Grove (Mr. Smith), Evamaria Salcher (Mrs. Martin), Frieder Langenberger (Mr. Martin), Katrija Lehmann (Mary), Raphael Muff (Feuerwehrmann), Roland Fischer (Kahle Sängerin). Nächste Aufführungen: 18., 23., 25., 30. November, 3., 15., 20., 31. Dezember. schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com

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