Jan Philipp Gloger übernimmt Leitung des Volkstheaters

Jan Philipp Gloger packt demnächst im Volkstheater an © APA/GEORG HOCHMUTH

Jan Philipp Gloger, derzeit Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg, wird ab der Saison 2025/26 mit einem 5-Jahres-Vertrag neuer künstlerischer Leiter des Wiener Volkstheaters und folgt damit auf den derzeitigen Direktor Kay Voges, der nach Köln wechselt. Bei seiner Vorstellung am Donnerstag unterstrich der 42-jährige Deutsche sein Bekenntnis zur (österreichischen) Dramatik, die beiden Säulen seiner Arbeit seien „Breitenwirksamkeit“ bei gleichzeitiger „Kunstfühligkeit“.

Gloger brachte bei seiner Vorstellung seine „pure Freude“ zum Ausdruck: „Ich fühle mich hier wirklich am richtigen Ort, am richtigen Haus in der richtigen Stadt“. Gerade in einem Haus, das sich Volkstheater nennt, gehe es ihm künftig darum, „Gemeinschaft zu stiften und ein heterogenes Publikum, das sich der Diversität der Stadt annähert, zusammenzubringen“. Mit starkem Vertrauen zur Dramatik, zum Dialog, wolle er künftig „den großen Vereinfachungsmaschinerien unserer Zeit mit Komplexität und Differenziertheit“ begegnen. „Da können wir im Theater den Volksbegriff für uns verteidigen“, so Gloger, den man in Wien bereits von seinen Inszenierungen am Burgtheater („Die Nebenwirkungen“) und an der Volksoper („Die Dubarry“) kennt und der bereits in einigen Vorstellungen im Volkstheater im Publikum zu Gast war.

Einen starken Fokus wolle er auch auf das Ensemble legen, „denn Menschen werden von Menschen gelockt. Man muss sich in diese Menschen auf der Bühne verlieben können.“ Während er bei Schauspielerinnen und Schauspielern noch keine Namen nennen wollte, gab er bekannt, künftig regelmäßig mit der Regisseurin Rieke Süßkow zusammenzuarbeiten: „Sie öffnet Texte, statt sie mit Soße zuzuschütten“, so Gloger über die Nestroy-Preisträgerin mit starkem Wien-Bezug, die etwa für Handkes „Zwiegespräch“ am Akademietheater verantwortlich zeichnete. Als weiteren Kollaborateur nannte er den Musiker Kostia Rapoport, den er als Hausmusiker engagieren werde, zumal die Kombination „Schauspiel und Musik“ einer der vielen Schwerpunkte sein werde, die er setzen wolle. Darunter habe man aber nicht „einen Liederabend nach dem anderen“ zu verstehen. Es gebe „viele verschiedene Arten, wie man die Kraft von Musik nutzen kann, auch als Recherchefeld für künstlerische Forschung“.

Gloger sprach weiters vom „Zauber der Anwesenheit als eines der Alleinstellungsmerkmale des Theaters“. Seine bisherigen Inszenierungen in Wien hätten ihn auch deshalb besonders erfreut, weil das Publikum „laut und schallend“ gelacht habe. „Ich sage das nicht, weil ich stolz bin, dass ich Komödie nach Wien bringen kann, sondern weil Lachen eine Grundqualität am Theater ist. Und Lachen produziert wieder Anwesenheit und verbindet Leute, die vielleicht nichts miteinander zu tun haben.“ Dieser Umstand sei gerade in „Zeiten von wachsender Spaltung wichtig“.

„Jan Philipp Gloger ist der optimale zukünftige Direktor des Volkstheaters, so die einhellige Meinung der Findungskommission“, versicherte Roland Geyer, Vorstandsvorsitzender der Volkstheater-Privatstiftung, in seiner Funktion als Vorsitzender der Kommission. Ihm zur Seite standen Theresia Niedermüller vom Kulturministerium, Eva Kohout von der Stadt Wien, Andreas Beck (Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel) und Rita Thiele (bis 2021 Chefdramaturgin und stv. Intendantin am Schauspielhaus Hamburg). Gloger werde das Volkstheater „auf künstlerisch inspirierende und ökonomisch verantwortungsvolle Weise leiten“, ließ Thiele in einem Statement wissen.

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Gloger habe mit seinen bisher zwei Inszenierungen in Wien „bewiesen, dass er die österreichische Seele und Mentalität gut versteht und das Publikum mit seinen Interpretationen begeistern kann“, so Geyer. Den von Voges geleisteten Aufbau des Publikums werde Gloger sicherlich fortsetzen: „Sodass das Publikum möglichst in großen Schlangen vor dem Volkstheater steht.“ Für Staatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) ist Gloger „ein Mann, der Theater mit jeder Faser seines Körpers lebt, auf Menschen zugehen und sie begeistern kann“. Mayer hob auch Glogers „Zugang zum Thema Zusammenarbeit und Führung“ hervor: „Vor dem Hintergrund der Fairness-Diskussion ist das nicht nur ein Asset, sondern unverhandelbar. Wer die Führung einer großen Kulturinstitution antritt, muss nach innen wie nach außen tadellos auftreten können“, so Mayer, die Gloger als „Ermöglicher und Verbinder“ bezeichnete. Natürlich hätten sie und Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) sich „auch gefreut, eine weibliche Führung zu präsentieren“, aber: „Ein Bewerbungsprozess hat eben seine eigene Dynamik und am Ende ist es das Wichtigste, dass die richtige und am besten geeignete Person aus dem Prozess herauskommt.“

Kaup-Hasler zeigte sich von Gloger angetan: Nürnberg sei unter der Schauspieldirektion Glogers „zu einer Stadt geworden, wo man sagt, da ist in den letzten Jahren etwas passiert“. In seinem Konzept sei „so vieles enthalten, das Verbindungen zu Wien schafft“, von dramatischen Texten bis zu Regie-Handschriften. Gloger wisse, „dass er sich auf ein Haus einlässt, das sich immer wieder neu erfunden hat“. Voges habe es geschafft, jüngeres und auch theaterferneres Publikum ins Haus zu bringen, Gloger werde diesen Weg fortsetzen. „Kay Voges ist so vieles gelungen auch in schwierigen Zeiten. Dass er geht, das war nicht unbedingt das, was man gebucht hat“, verwies die Stadträtin darauf, dass Voges nach nur einer Vertragsperiode wieder geht.

Apropos Vertragslaufzeit: Gloger, der in Nürnberg eigentlich einen Vertrag bis 2028 inne hat, hat eine Ausstiegsklausel genützt, um nach Wien kommen zu können. Wie oft der umtriebige Regisseur künftig in- und auch außerhalb seines Engagements am Volkstheater inszenieren soll bzw. darf, wollten weder Geyer noch er selbst verraten. Wen er aus Nürnberg mitbringen wird und inwiefern sich darunter Familienmitglieder – wie etwa bei Voges – befinden, sei noch nicht klar. Seine konkreten Pläne will er im Mai 2025 bekannt geben. Bis dahin wird Kay Voges – der einst aus Dortmund nach Wien kam und nun nach Köln wechselt – seine Vertrag „vollumfänglich erfüllen“, so Geyer.

Für die künstlerische Leitung des Volkstheaters waren 47 Bewerbungen von Einzelpersonen bzw. Teams eingegangen, wobei der Frauenanteil bei rund 50 Prozent lag. Zum Zug kam jedoch neuerlich ein Mann, was Geyer auf Nachfrage verteidigte: „Die Findungskommission war sich ganz klar darüber, dass er unter allen Kandidaten in der ganzen Komplexität dieser Position – sowohl in künstlerischer als auch organisatorisch-menschlicher Hinsicht – der mit Abstand Beste war. Er war nicht mit anderen gleichrangig, er war führend.“

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