Josef Hader: „Schreiben ist das Beste“

Josef Hader hat Weltpremiere in Berlin gefeiert © APA/ROLAND SCHLAGER

Zum zweiten Mal ist der österreichische Kabarettist Josef Hader mit einem eigenen Film bei der Berlinale vertreten. Diesmal ist es die Tragikomödie „Andrea lässt sich scheiden“, in der er selbst einen Religionslehrer spielt. Kurz vor der Premiere in Berlin gab er der APA am Sonntag ein Interview über die hässlichsten Orte Österreichs, die Frage, warum er auch Religionslehrer hätte werden können und über seine langsame Arbeitsweise.

Sie waren bei „Andrea lässt sich scheiden“ Regisseur, haben am Drehbuch mitgeschrieben, waren Schauspieler. Gibt es etwas von diesen dreien, was Sie besonders gern gemacht haben?

Hader: Schreiben ist das Beste. Wenn ich könnte, würde ich nur schreiben. Ich wäre gerne Romanautor. Ich kann es nur leider nicht. Drehbuchschreiben ist auch sehr schön. Schnitt ist auch sehr schön, weil man auch so kontemplativ zu zweit sitzen kann und noch einmal schürfen, was in dem Film alles zu entdecken ist und wie man ihn noch einmal neu aufsetzen kann. Ich mag die Logistik nicht so gern, bis man alle technischen Sachen und viele Motive und Kostüme und alles beisammen hat, bevor der Film beginnen kann. Ich mag das Drehen gerne, weil es meistens so schöne Zusammenarbeiten sind. Aber ich mag überhaupt nicht den Zeitdruck.

Wie ist es zur Idee zum Film gekommen?

Hader: Die Idee war sehr banal. Ein zweiter Film ist immer was Schwieriges. Auch das zweite Kabarettprogramm war vor vielen Jahren etwas Schwieriges, und ich habe mir gedacht, ich versuche, dem so zu begegnen, dass ich was riskiere. Eine Tragikomödie, wo Komödie und Drama wirklich fifty-fifty sind. Zum einen deswegen, weil ich solche Filme als Zuschauer so gern sehe. Zum anderen, weil ich immer Witze machen wollte unter erschwerten Bedingungen.

Fifty-fifty war aber auch „Indien“.

Ich überlege gerade, ob das stimmt, aber wahrscheinlich stimmt es.

Für mich war in der Mitte ein Bruch.

Der Unterschied zwischen „Indien“ und „Andrea lässt sich scheiden“ ist, dass dort am Anfang die sorglose Komödie steht und in der Mitte des Filmes etwas Schlimmes passiert. Dann hat ein Drama begonnen, und diesmal ist es umgekehrt. Da passiert am Anfang was Schlimmes, und man schaut, welche Witze gehen sich dann aus?

Warum haben Sie gerade den Osten von Niederösterreich gewählt? Weil es da die scheußlichsten Orte von Österreich gibt?

Absolut nicht. Ich finde nicht, dass es dort die scheußlichsten Orte von Österreich gibt. Die scheußlichsten Orte von Österreich gibt es dort, wo viel Geld da war, wo das Gemeindeamt aus den 90ern, die Schule aus den 80ern ist, ganz viele Häuser mit vielen Erkern sind. Alles ist bunt angestrichen. Das sind die hässlichen Orte. Die Straßendörfer des Weinviertels haben eine herbe Schönheit. Es war kein Geld da, viel zu verändern. Die schauen ein bissel aus wie Westernstädte.

Welchen Bezug haben Sie selbst zum Land?

Ich bin die ersten 20 Jahre meines Lebens auf dem Land aufgewachsen. Zuerst in einem Dorf und dann in einer Kleinstadt, im Internat. Da kriegt man schon viel mit. Ich bin dann in die Stadt gegangen. Sehr bewusst, schon als Kind wollte ich nach Wien. Als ich als Kind zum ersten Mal Rolltreppe gefahren bin im Kaufhaus Herzmansky, habe ich gewusst, ich muss in die Stadt. Das Landleben ist nichts für mich. Ich habe aber trotzdem den Kontakt nicht abgebrochen. Mein Bruder hat den Bauernhof der Familie. Es gibt einen sehr guten Schulfreund, den ich besuche. Das war auch vielleicht ein theoretischer Gedanke bei der zweiten Filmarbeit: Ich möchte einmal einen Film machen über das Land, so wie ich es sehe.

Haben Sie sich die Figur des Religionslehrer Leitner auf den Leib geschrieben? Oder haben Sie später gesagt: Den spiele ich?

Am Anfang ist beim Schreiben immer die Geschichte. Man schreibt keine guten Geschichten, wenn man zu stark an eigene oder fremde Rollen denkt. Sondern die Geschichte muss funktionieren. So schreibt man wahrscheinlich intuitiv auch irgendeine Rolle, die man selber spielen könnte. Mich verbindet mit dieser Figur, mit dem Religionslehrer Franz, natürlich meine katholische Erziehung, die in einer sehr liberalen Atmosphäre stattgefunden hat. Wäre ich in dieser liberalen Atmosphäre tatsächlich Religionslehrer geworden und hätte dann ab den Achtzigern erleben müssen, wie alles immer enger und konservativer wird, hätte ich vielleicht auch zum Saufen angefangen. Es ist eine mögliche Biografie, wenn ich falsch abgebogen wäre.

Sie gedenken im Abspann des Films eines verstorbenen Religionslehrers. War er ihr Berater im Film?

Genau. Er war ein Mitschüler von mir, der den Beruf ergriffen hat. Beraten ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe ihn öfter besucht. Mich hat seine Meinung zum Drehbuch interessiert. Er ist leider gestorben, bevor der Film fertig geworden ist.

Bei Andrea hat man den Eindruck, sie habe wenig Empathie für das, was passiert ist. Wenn man jemanden überfährt, wirft einen das doch völlig aus dem Gleis. Bei ihr hat man eher das Gefühl, sie ist in erster Linie darauf bedacht, dass die Wahrheit nicht herauskommt.

Ich glaube, dass es schon in ihr innerlich brodelt und sie das nach außen hin versteckt, wofür Frauen nicht so bekannt sind, sondern was man eher Männern zurechnet. Vielleicht ist es das Eigenartige in dem Film, dass Andrea so reagiert wie ein Mann reagieren würde. Ich habe mir beim Schreiben immer gedacht, die Andrea ist der Cowboy in meinem Western, die darf auch genauso sein wie ein Cowboy. Die darf das alles innen vergraben, so wie das bestimmte Männer machen. Man spürt den Druck, aber nach außen hin hat sie ein Pokerface, und die Augen sind zu Schlitzen zusammengezogen.

Sie sind zum zweiten Mal bei der Berlinale. Ist die Perzeption der Filme, in denen Sie mitgewirkt haben, beim deutschen Publikum anders als in Österreich?

Ja, das ist auch im Kabarett so: Man wird immer belohnt dafür, dass man den Weg hierher gefunden hat. Und in Österreich ist man eh schon immer da gewesen.

Lacht das deutsche Publikum an anderen Stellen?

Die Filmpremieren in Berlin sind ehrlicherweise immer viel besser als in Wien. In Wien sitzen viel zu viele Filmleute drinnen. Die schauen das mehr an so wie ein Fleischhauer dem anderen zuschaut. Das ist aber völlig in Ordnung so. Ich habe gestern ein Essen gehabt mit einer Prager Regisseurin. Die hat gesagt, in Prag ist es dasselbe. Und die Deutschen haben gesagt in Deutschland ist auch dasselbe. Das ist ein Naturgesetz.

Und was bedeutet Filmen für Sie generell? Ein zweites Standbein oder nimmt das mehr überhand, sodass Sie sagen, jetzt habe ich genug Kabarett gemacht, oder steht bei Ihnen weiter Kabarett im Mittelpunkt?

Kabarett ist im Zentrum, und ich mache gerne Ausflüge in den Film. Und zwar genau dann, wenn ich mag und mit wem ich mag – das reicht mir. Wenn es zu stark zu einem Beruf ausarten würde, wo ich dauernd arbeiten müsste mit anderen Menschen, dafür bin ich nicht so gemacht. Es gibt irgendeinen Grund, warum ich Solokabarettist geworden bin. Und der Grund liegt vielleicht darin, dass ich ein Einzelkind war. Und deshalb verlasse mich gerne auf mich selber. Aber es ist eine große Freude, sich auch mal auf andere zu verlassen. Zu oft darf ich es nicht machen, weil das die Nerven zu stark angreift.

Haben Sie schon ein nächstes Projekt im Kopf?

Nein, ich kann Dinge nicht parallel machen. Ich muss tatsächlich jetzt das abschließen. Und dann kann man überlegen, was man als nächstes angeht. Ich mag das gerne, dass ich mich in meine Projekte in Ruhe hinein schrauben kann. Dadurch brauche ich aber auch sehr lang. Leider.

(Das Gespräch führte Stefan May/APA)

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