Kiss feiern Abschied mit Rock und Raketen in New York

Kiss zum letzten Mal mit Make-up auf der Bühne © APA/GETTY IMAGES NORTH AMERICA/EMMA MCINTYRE

1973 haben Kiss ihr Debüt gegeben. 50 Jahre später – nach Höhenflügen, schwierigen Zeiten, einer gefeierten Reunion samt Rückkehr zur Maskerade und Umbesetzungen – ist die US-Rockgruppe ihrem letzten Tour-Motto entsprechend am „End Of The Road“ angekommen. In der Nacht auf Sonntag zelebrierte sie beim Heimspiel im New Yorker Madison Square Garden noch einmal ihre spektakuläre Show und spielte ihre Klassiker. Am Ende präsentierte man Avatare der Musiker – die Zukunft von Kiss.

„Ja, es ist traurig“, meinte der 71-jährige Gitarrist und Sänger Paul Stanley in der vollgepackten Halle über den Abschied von der Bühne. „Aber wir sollten froh darüber sein, was wir geschaffen haben.“ So zogen Kiss noch einmal alle Show-Register: Zum Opener „Detroit Rock City“ schwebten die beiden Gründungsmitglieder Stanley und Gene Simmons (74, Bass, Gesang) sowie Tommy Thayer (Leadgitarre) auf Plattformen herab. Später fuhr Drummer Eric Singer mit seinem Schlagzeug in luftige Höhen.

Explosionen, Feuersäulen, lauter Rock – so donnerten Kiss durch 23 Songs ihrer Karriere. Simmons zeigte seine berühmte Zunge, spuckte Blut und Feuer, Stanley segelte über die Köpfe des Publikums, um auf einer kleinen Extrabühne „Love Gun“ und „I Was Made For Lovin’ You“ zu singen. Bei „War Machine“ schien es, als wolle man die Bühne komplett abfackeln.

Die stampfende Hymne „I Love It Loud“ lud zum Mitgrölen ein, beim flotten „Makin’ Love“ duellierten sich Stanley und Thayer mit den Gitarren, letzterer schoss bei seinem Solo in „Cold Gin“ Raketen aus dem Instrument ab. Zum Finale hieß es „Rock and Roll All Nite“ mit Konfetti-Sturm, die Musiker auf Hebebühnen über den Köpfen der Fans rockend. Stanley beschwor die „großartigen Erinnerungen“ und erzählte, dass man es ihm seinerzeit, als er 1972 noch Taxi fuhr, seine Vision nicht glauben wollte, eines Tages im Garden aufzutreten. Es war die erwartete Party, aber ohne Überraschungsgäste: Ehemalige Mitmusiker, etwa die Gründungsmitglieder Peter Criss (Drums) und Ace Frehley (Leadgitarre) wurden nicht geladen.

Die „Übernahme von New York“ haben Kiss seit Tagen vor ihrem allerletzten Auftritt in den legendären Kostümen und dem ebensolchen Make-up propagiert. Es fuhren Taxis mit Kiss-Branding, es wurden Zeitungen als Kiss-Sonderausgaben verteilt, Pop-up-Stores eröffnet und das Empire State Building mit dem Logo der Band und Abbildern ihren Mitgliedern in Megagröße bestrahlt.

New York City sei ein Teil der Geschichte von Kiss, ließen diese via Instagram wissen. „Deshalb fanden wir es passend, unsere Karriere auf der Bühne im Garden zu krönen.“ Das Abschiedskonzert wurde im zahlungspflichtigen Stream übertragen. Wer aber live dabei sein wollte, konnte noch schnell über den verifizierten Weiterverkauf über Ticketmaster eine Karte erwerben – etwa für 14.500 Dollar für die erste Reihe.

„Man sollte dann aufhören, wenn die Band noch immer großartig ist und eine großartige Show liefert – also jetzt“, sagte Stanley in einem APA-Interview, als die „End Of The Road“-Tour in Wien Station machte. Die mehr als 20 Kilo schweren Kostüme und die Plateaustiefeln und die damit verbundenen Strapazen auf der Bühne wurden als Gründe für den Abschied angegeben. Fans diskutierten aber auch über die Stimme Stanleys, die nicht mehr frühere Höhen makellos erreicht.

Simmons schließt das eine oder andere Konzert ohne Bemalung und Kostümen nicht gänzlich aus. Und Stanley verkündete am Ende des großen Finales, Kiss werde ohnehin weiter überall sein. Zum Abspann „God Gave Rock ‚n‘ Roll To You“ sah man computergenerierte Avatare der Kiss-Charaktere auf dem Screen: Die Band wurde unsterblich, tönte es.

Kiss hatten im Jänner 1973 in einem New Yorker Club ihr Debüt gegeben und waren in wenigen Jahren zu den erfolgreichsten Rockbands der Welt avanciert. Anfang der Achtziger galt es eine Durststrecke zu überstehen, einige Jahre traten Kiss ungeschminkt auf, 1983 auch beim ersten Gastspielen in Österreich.

Längst genießt die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommene Formation Kultstatus. Nach einer Reunion der Originalmitglieder ging es schon einmal auf „Farewell“-Tour. Stanley und Simmons machten aber mit veränderter Besetzung weiter. Die Fans im Garden und an den Bildschirmen weltweit feierte nun wirklich ein letztes Mal ausgelassen „Rock and Roll All Nite“ mit den leibhaftigen Kiss. Ihre Avatare stehen für die Dienstübergabe bereit.

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)

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