Kušej setzt mit „Orpheus steigt herab“ auf Ausgestoßene

Kušej will sich künftig auf seinen Beruf als Regisseur fokussieren © APA/HANS KLAUS TECHT

Mit Tennessee Williams‘ „Orpheus steigt herab“ setzt Martin Kušej zum Abschluss seiner Burgtheaterdirektion noch einmal auf seine „Herzensbotschaft“ und widmet sich den Ausgestoßenen und Unangepassten. Vor der Premiere am Samstag sprach er mit der APA über den „unglaublichen Egoismus in der Gesellschaft“, sein Ansinnen, Williams mit Horváth zu verbinden und seine Pläne für die Zukunft. Nach 13 Jahren als Theaterleiter will er wieder auf seinen Beruf als Regisseur fokussieren.

APA: Vergangenen Sonntag wurde auf der Burgtheaterbühne in der Matinee „Demokratie hat Zukunft“ eine Studie zu Demokratie und Autoritarismus in Europa präsentiert. Eine der Erkenntnisse war, dass sich die Menschen zunehmend einen starken Führer wünschen und gleichzeitig das Gefühl haben, keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

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Martin Kušej: Ich empfinde diese Entwicklung insgesamt – nicht nur auf Österreich bezogen – höchst bedenklich und auch ein bisschen so, dass man sich fürchten muss. Ich bin da leider sehr pessimistisch. Wahrscheinlich deswegen, weil ich erkannt habe, dass sich das Rad der Geschichte, was Rechtsrucke und antidemokratische Bestrebungen betrifft, einfach wieder dreht und wir wieder in einem Zustand von vor 1933 ankommen könnten. Ich verstehe das nicht, weil wir doch alle in einem Zustand höchster Prosperität leben. Unsere Freiheit ist wirklich im Vergleich zu damals sehr, sehr, sehr groß. Zugleich ist aber die Werteskala komplett aus den Fugen geraten. Die Fragen von Respekt, von Rücksichtnahme, von Nächstenliebe, einfach Verständnis für die Menschen um einen rundherum sind komplett durch den Wind. Es gibt einen unglaublichen Egoismus in der Gesellschaft.

APA: Sie haben als Theaterleiter immer klar Haltung bezogen und auch abseits der Bühne Veranstaltungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen realisiert. Haben Sie das Gefühl, dass Sie da etwas bewirken konnten?

Kušej: Wir haben sehr viel positiven Zuspruch bekommen und ich bin sicher, dass das eine Wirkung hat. Wir sind als öffentliche Institution aufgerufen, eine Haltung zu haben und uns gesellschaftlich zu positionieren und zu kritisieren, auch wenn wir keine Menschenrechtsbewegung, keine Bürgerbewegung und kein politisches Organ sind. Wir sind Künstler, unser Metier ist die Kunst. Und das ist ja ein ganz besonderer Bereich, der sich eben auch mit diesen gesellschaftlichen Tendenzen und Problemen auseinandersetzt. Auch der Dialog – etwa bei Gastspielen in anderen Ländern und Kontinenten – sorgt dafür, dass wir in Kontakt mit anderen Menschen und Kulturen kommen können.

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APA: Zurück zur Botschaft auf dem Spielplan: Vielen Stücken eilt ihre Aussage ja voraus, und das Publikum weiß, was es zu erwarten hat. Tennessee Williams‘ „Orpheus steigt herab“ wird relativ selten gespielt und ist hierzulande wenig bekannt. Warum haben Sie gerade diese Stück ausgesucht, um sich als Regisseur am Burgtheater zu verabschieden?

Kušej: Im Grunde ist mir der Grundkonflikt, der in diesem Stück enthalten ist, eine Herzensbotschaft, seit ich Theater mache. Ich mache Theater, weil ich mich immer für die Position und Situation des Einzelnen, des Sensiblen, des Ausgestoßenen, des Fremden, des Unangepassten interessiert habe. Und für ihren Konflikt mit einer Gesellschaft, die restriktiv ist, die ausschließt und schlussendlich meistens diese Individuen eliminiert und auslöscht. Das hat ein bisschen mit meiner Biografie zu tun. Ich habe das – natürlich nicht so drastisch – auch erlebt, als Teil einer Minderheit aufzuwachsen und mit Beschimpfungen und bedrohlichen Situationen umgehen zu müssen.

APA: Wie manifestiert sich diese Herzensbotschaft jetzt auf der Bühne?

Kušej: Es gibt sehr viel Musik in der Inszenierung, die Oliver Welter eigens komponiert hat. Seine Gitarrenmusik trifft die Menschen auf einer emotionalen Ebene. Und man hat auch eine Liebe zu den Figuren, insbesondere zu Val, der Hauptfigur. Das ist dieser Außenseiter, der quasi als eine heilsbringende Figur in eine total brutale, restriktive Gesellschaft gerät und dort seinerseits auf zwei Außenseiterinnen trifft: Auf Carol, die dort aufgewachsen ist und für große Ablehnung sorgt, weil sie so eine unglaublich unberechenbare, tiefe, wilde Freiheit verkörpert. Und dann natürlich die andere Hauptfigur, Lady, eine Italienerin, deren Vater im Dorf von unbekannten Menschen Jahre vorher verbrannt wurde. Sie ist schon eine ältere Frau, die sich mit ihrer Situation abgefunden hat, die aber plötzlich in diesem jungen Mann, der da auftaucht, eine Möglichkeit sieht, sich zu befreien. Es ist also ein Dreieck von hochinteressanten, komplexen Figuren, die schlussendlich alle ausgelöscht werden.

APA: Das Stück wurde in den 1940er in den USA geschrieben, könnte aber auch in einem österreichischen Dorf spielen …

Kušej: Ja, es könnte auch irgendwo im Südostburgenland sein, das kann in einem Bergtal in Tirol sein, in der russischen Taiga oder eben auch in Amerika. Ich habe mich bemüht, das Stück in Absprache mit dem Verlag in eine Allgemeingültigkeit zu bringen. Also zeige ich eine sehr künstliche Darstellung von einem zeichenhaften, symbolhaften Ort in der heutigen Zeit.

APA: Mit Val steht ein Außenseiter im Zentrum, dem einerseits nicht vertraut wird, der andererseits aber auch für die Hoffnung steht, aus der Gesellschaft auszubrechen. Wie legen Sie und Tim Werths die Rolle an? Was macht ihn da zum Orpheus?

Kušej: Dieser Orpheus-Mythos ist nicht so eindeutig, aber zentral für den griechischen Orpheus ist sicherlich sein Gesang, mit dem er viel Einfluss hatte. Val ist ein Mensch, der in seiner Jugend mehr oder weniger im Wald aufgewachsen ist, später in der Stadt in kriminelle Gesellschaft geraten ist und nun ausgerechnet in einer noch viel restriktiveren Gesellschaft einen Platz sucht, um all dem zu entfliehen. Tim ist ein wirklich extrem talentierter Schauspieler und vor allem ein extrem musikalischer Spieler, er spielt auch selber live auf der Gitarre und singt und die Zusammenarbeit mit ihm ist mir eine große Freude.

APA: Tennessee Williams hat – was das Bühnenbild betrifft – sehr genaue Vorgaben gemacht. Wie gehen Sie damit um?

Kušej: Ich schaffe einen anderen, moderneren, heutigeren und auch mir näheren Zugang. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Ich hoffe, mir gelingt es, Tennessee Williams und Ödön von Horváth in eine Querverbindung zu bringen. Das heißt, ich verzichte ganz auf die versteckten psychologischen Feinheiten der Figuren, sondern stülpe es gleich nach außen. Das ist ein sehr riskanter Weg, aber wir arbeiten sehr viel mit Rhythmuswechsel, mit den sogenannten Stillen, die man von Horváth kennt. Ich liebe es, wenn es einfach still ist zwischen einem Dialog. Es herrscht dann immer eine Art von Mühseligkeit zu sprechen und zu kommunizieren. Das hat für mich wahrscheinlich schon mit der Herkunft vom wortkargen Land zu tun. Und in dem Bühnenbild von Annette Murschetz, das einer Brandruine gleicht, ist man schon gezwungen, anders zu spielen und kann die Geschichte nicht naturalistisch erzählen.

APA: „Orpheus steigt herab“ ist Ihre letzte Inszenierung am Burgtheater, im Herbst übernimmt Stefan Bachmann. Wie gestaltet sich die Übergabe?

Kušej: Etwas hört auf, etwas beginnt. Ich freue mich noch auf vier Premieren, die ich verantworte und dann wird es im laufenden Spielbetrieb naturgemäß viele Aufführungen geben, von denen wir uns mit Dernièren verabschieden werden. Die Kolleginnen und Kollegen, die neu kommen, beginnen zu proben. Das läuft alles in geregelten Bahnen ab.

APA: Sie selbst haben in einem Interview mal gesagt, dass Sie dann erst einmal auf Reisen gehen wollen. Die „Kronen Zeitung“ hat geschrieben, Sie gehen nach Shanghai?

Kušej: So schnell sind die Wiener Gerüchte … Ich war mit einem Gastspiel in Shanghai und wir fahren im Juni mit der „Geschlossenen Gesellschaft“ nochmal für ein Gastspiel hin. Es gibt also tatsächlich eine sehr starke Verbindung zwischen dem Burgtheater und chinesischen Kulturinstitutionen. Da ist im Hintergrund das österreichische Kulturforum und das Außenministerium beteiligt. Wir sind in einer diplomatischen Mission unterwegs und ich vertrete das Burgtheater. Dabei habe ich dort viele Leute kennengelernt, die Interesse an meiner Arbeit haben, darunter die dortige Theaterakademie, wo viele bedeutende europäische Regisseure auch unterrichtet haben, und man hat mich eingeladen, dort eventuell eine Gastprofessur zu übernehmen. Mehr war es nicht und schon wurde mir vorgeworfen mich mit autokratischen Führern einzulassen – eine der üblichen Boshaftigkeiten, die zeigt, wie falsch und wie tendenziell hier Sachen kolportiert werden.

APA: Aber das heißt, von Österreich haben Sie jetzt dann einmal eine Zeit lang genug?

Kušej: Weiterhin arbeite ich noch als Professor am Reinhardt Seminar. Aber mir ist vor allem wichtig, dass ich jetzt nach 13 Jahren Theaterleitung einmal Distanz zu dem Ganzen bekommen kann. Einfach um Energie zu tanken und mich dann wieder auf meinen Beruf als Regisseur zu fokussieren.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

„Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams im Burgtheater. Premiere am 23. März, 19.30 Uhr. Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Oliver Welter. Mit u.a. Tim Werths, Lisa Wagner, Nina Siewert, Sarah Viktoria Frick und Martin Reinke. Weitere Termine: 26. März, 1., 9., 21. und 24. April. burgtheater.at

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