Kušej steht für weniger als fünf Jahre „nicht zur Verfügung“

Martin Kušej strebt eine Vertragsverlängerung an © APA/ROLAND SCHLAGER

Bis 17. Oktober kann man sich für die Burgtheater-Direktion ab 2024 bewerben. Hausherr Martin Kušej, mitten in den Proben für die Uraufführung von Daniel Kehlmanns „Nebenan“ steckend, will auf jeden Fall weitermachen. „Ich bin da überhaupt noch nicht fertig und in dem Sinn auch nicht zufrieden“, sagt er im APA-Interview. „Die Stimmung ist supergut hier“, weist er laut gewordene Kritik „aufs Schärfste zurück“. Für weniger als fünf weitere Jahre stehe er nicht zur Verfügung.

APA: Herr Kušej, Sie proben gerade „Nebenan“ von Daniel Kehlmann. Warum bringen Sie dieses Kammerspiel nicht ins Akademietheater, sondern auf die große Bühne des Burgtheaters?

Martin Kušej: Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit kleineren Stücken auf der Vorbühne des Burgtheaters, etwa mit der „Geschlossenen Gesellschaft“. Mit einer totalen Top-Besetzung funktioniert das wunderbar, das Haus ist voll, die Leute freuen sich. Es ist sehr nahe an den Menschen dran, weit vorne am Zuschauerraum. Wir wollen unser sehr gutes Ensemble präsentieren. Ich bin überzeugt, dass das aufgehen wird.

APA: Hat das auch etwas damit zu tun, dass es fürs große Haus auch Stücke mit kleinem Ensemble braucht, in dem die Gefahr von Corona-Ausfällen geringer ist? Und man bekommt einen Joker, den man einsetzen kann, wenn anderes ausfällt?

Kušej: Das ist auch richtig. Inszenierungen mit überschaubaren Ensembles, rasch aufzubauenden Bühnenbildern können bei Spielplanänderungen im Krankheitsfall den Vorstellungsbetrieb leichter retten – das kann in Zeiten von Corona natürlich sehr helfen. Bei meiner Entscheidung für ‚Nebenan‘ spielte das aber keine Rolle: Als ich vor einem Jahr den Film gesehen habe, bin ich sofort auf dieses Kammerspiel angesprungen, habe Daniel angerufen und mir das als Theaterstück gewünscht. Da hatte ich über große, kleine oder mittlere Bühne überhaupt nicht nachgedacht. Es ist ein spannendes Sujet und ich wollte wissen, ob das vom Film übertragbar ist auf die Bühne. Daniel hat es dann als Theaterstück geschrieben und es ist jetzt eine richtige Uraufführung geworden. Ich bin wahnsinnig froh darüber, dass wir wieder mit Daniel Kehlmann zusammenarbeiten. Das ist ja eine bestehende Arbeitsfreundschaft aus München.

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APA: Es ist klar, dass das Stück enormes Schauspielfutter hergibt – aber was ist für Sie der inhaltliche Reiz? Es scheint mir ein altes Thema: Jemand erweist sich als mysteriöser Alleswisser, der Bescheid weiß über die Geheimnisse unseres Lebens…

Kušej: Diese Figuren und deren Umgang miteinander sind sicher der primäre Antrieb meines Interesses. Es gibt darüber hinaus noch verschiedene Themen unserer Gesellschaft, die angeschnitten werden, wie Gentrifizierung oder die Frage der Datensicherheit. Und gleichzeitig begegnet man privaten Dingen, die viele von uns kennen: Seitensprünge, Affären, Lebenslügen etc. Es steckt wahnsinnig viel drin, und ich muss sagen, dass ich durch die konkrete Probenarbeit noch einmal enorm viel entdecke, was ich beim puren Lesen und auch im Film so nicht gesehen habe. Das macht wirklich Spaß!

APA: Wir leben in einer multiplen Krise. Wie geht es dem Burgtheater? Kommt das Publikum wieder? Baut sich bereits die nächste Corona-Welle unter den Schauspielern auf?

Kušej: Im letzten Jahr haben wir durch die hohe Zahl an Corona-Krankmeldungen sämtliche Rekorde übertroffen und hatten Umbesetzungen, Vorstellungsänderungen und auch -ausfälle wie nie. Ich glaube, dass es nicht schlimmer kommen kann. Faktum ist: Es wird wieder mehr Krankheitsfälle geben, das zeichnet sich schon ab. Wir haben schon wieder ein, zwei Corona-Fälle, mit denen wir umgehen müssen. Faktum ist auch, dass wir wie alle anderen Sprechtheater aktuell einen sehr schmerzhaften Verlust von Teilen unseres Publikums verkraften müssen. Die Schwankungsbreite zwischen ausverkauften Vorstellungen, die es trotz allem auch gibt, und jenen, die nicht gut verkauft sind, ist enorm. Schwer haben es vor allem Stücke, die in der verrückten letzten Spielzeit Premiere hatten und sich im Bewusstsein des Publikums nicht entfalten konnten.

APA: Kann man da gegensteuern, oder ist der Tanker Burgtheater dafür zu schwerfällig?

Kušej: Einen gewissen Vorlauf in den Planungen und Spielplänen müssen wir einfach einhalten. Vor einem Jahr hätte ich nicht für möglich gehalten, dass sich die Herausforderungen noch weiter steigern. Die Inflation spielt dabei eine Rolle, die Energiekrise, die allgemeine Unsicherheit, der Krieg. Auf der anderen Seite ist Kunst für mich grundsätzlich eine Art Heilmittel – weil sie verschiedene Befindlichkeiten, Ängste und Strömungen thematisiert und auffängt. Daran glaube ich ganz fest. Unsere Botschaft „Du bist nicht allein“ ist sehr präsent in der Stadt. Wir wollen alle in unseren Zuschauerräumen willkommen heißen und bieten daher aktuell verstärkt unsere Last Minute Tickets an.

APA: Werden die Menschen, die im Theater nicht alleine sind, ihre Wintermäntel anlassen, wenn auf 19 Grad Raumtemperatur reduziert wird?

Kušej: Es ist klar, dass auch wir Kulturinstitutionen und Theatergänger in dieser Situation einen Beitrag leisten müssen; das Burgtheater hat seinen Energieverbrauch seit 2014 bereits um 25 % gesenkt und wir setzen aktuell weitere Maßnahmen. Die Heiztemperatur ist nun im gesamten Haus auf 19 Grad gedrosselt, das sind 3 Grad weniger als bisher. Da geht’s mit Pullovern sicher auch. 19 Grad ist ja an sich keine Temperatur, bei der man gleich erfriert. Und am Ende einer Vorstellung ist es eh meist 3 bis 4 Grad wärmer als zu Beginn. Wir müssen in dieser Zeit zusammenstehen und es hilft also, wenn sehr viele zusammensitzen!

APA: Die Neuausschreibung der Burgtheaterdirektion läuft bis 17. Oktober. Haben Sie Ihre Bewerbung schon abgegeben?

Kušej: Wir arbeiten aktuell sowieso an der Fortschreibung unseres Unternehmenskonzepts und daraus werde ich meine Bewerbung ableiten.

APA: Was wird dort drinnen stehen? „Liebe Leute, schaut Euch einfach an, was ich in den vergangenen drei Jahren hier gemacht habe“? Oder nehmen Sie das zum Anlass, Dinge neu zu entwickeln und zu überdenken und so etwas wie eine Burgtheaterdirektion 2.0 aufzusetzen?

Kušej: Ich nehme das ernst. Es stimmt, dass ich im Grunde viel vorzuweisen habe und dass dieses Theater, wie in jeder Aufsichtsratssitzung betont wird, hervorragend dasteht. Wir stehen mitten in einem Veränderungsprozess, der nötig ist, den wir angestoßen haben und der auch erwartet wurde. Sehr viel davon ist in der Coronazeit in den Hintergrund getreten oder die Arbeit daran wurde erschwert. Ich bin da überhaupt noch nicht fertig und in dem Sinn auch nicht zufrieden. Ich möchte die Zukunft des Burgtheaters weiter führend gestalten und die begonnenen Prozesse weitertreiben – Stichworte Nachhaltigkeit, Vernetzung, Internationalisierung. Wir haben außerdem eine Zeit, in der sich das Theater noch einmal neu hinterfragen und positionieren muss und viel intensiver mit Wertschätzung, Offenheit und Großzügigkeit aufs Publikum zugehen muss. In der Theaterlandschaft gibt es Tendenzen, sich massiv mit sich selbst zu beschäftigen. Für mich ist es sehr wichtig, das Publikum wieder zurückzubringen. Das ist ein Prozess, der noch ein paar Jahre dauern wird.

APA: Dass die Umstände in den vergangenen Jahren schwer waren, wird niemand bestreiten. Aber gibt es auch so etwas wie Selbstkritik bei Ihnen? Dinge, bei denen Sie sagen: Das und das hätte ich besser machen können?

Kušej: Ehrlicherweise tue ich mir da schwer damit. Natürlich bin ich selber jeden Tag kritisch gegenüber dem, was wir tun. Die Herausforderungen waren in dieser krisenhaften Situationen an den verschiedensten Stellen so groß und unbekannt, dass auch ich als der, der dieses Theater leitet, neue Erfahrungen machen musste. Für mich war dieser 2. November, als der Terroranschlag passiert ist und ich im Theater war, ein sehr eindrücklicher Moment in meiner Karriere als Theatermacher, weil ich mit einer massiven Bedrohung vor Ort konfrontiert war und diese Situation managen musste. Da hat sich mir tief eingeprägt.

APA: Gerade diese Beschreibung konterkariert den Rumor, der Sie in den vergangenen Monaten begleitet. Es gibt zwei Narrative in der Diskussion über Ihre Vertragsverlängerung. Das erste lautet: Er hat bei Corona zu wenig Flagge gezeigt, zu wenig gemacht. Das zweite ist: Er ist zu wenig präsent im Haus, ist zu wenig Motivator, zu wenig Teambuilder. Finden Sie sich darin wieder?

Kušej: Auf keinen Fall. Es ist Zeit, das einmal aufs Schärfste zurückzuweisen. Zum Ersten: Da gibt es eine klare Haltung des Theaters, die wir selbstverständlich auch im Team diskutiert haben. Ich fand es nicht erstrebenswert, zu jeder Wasserstandsmeldung in der Coronazeit eine persönliche Wortmeldung abzugeben wie andere Menschen das getan haben. Ich habe versucht, das Haus ohne große Aufregungen durch diese Zeit zu bringen. Und selbstverständlich haben wir Flagge gezeigt. Ich habe mich bei der Kulturpolitik für die Theater stark gemacht. Mit unserem Publikum waren wir durch ein umfassendes Onlineprogramm in Kontakt, wir haben sehr viele neue Formate entwickelt, dafür u. a. auch Aufträge an österreichische und in Österreich lebende Autorinnen und Autoren vergeben. Aber wir hatten auch eine klare Haltung, dass Streaming nicht unserem Verständnis von Theater entspricht. Theater ist Live-Erlebnis und findet im Austausch mit dem Publikum statt. Was dagegen meine angeblich mangelnde Präsenz betrifft, ist das eine Geschichte, die aus einem Märchen stammen muss. Das kann ich nur von mir weisen. Die eine wie die andere Geschichte hat überhaupt keinen Impact darauf, wie das Burgtheater dasteht. Die Stimmung ist supergut hier.

APA: Was ich höre, ist die Stimmung nicht supergut. Einerseits, weil das Zusammengehörigkeitsgefühl durch die Corona-Bedingungen gelitten hat. Dafür kann kein Direktor etwas. Aber wohl auch deshalb, weil vermisst wird, dass dieser zunehmenden Isolation entgegengearbeitet wird. Es gibt auch Abgänge – bis hin zu Ihrer Vizedirektorin. Trotzdem glauben Sie: Es könnte nicht besser sein?

Kušej: Besser kann es immer sein. Es ist klar, dass hier in den Monaten vor dem Sommer eine angespannte Situation geherrscht hat. Wir haben alle bis zum Anschlag gearbeitet. Auch hat die Pandemie den Prozess unseres Zusammenwachsens massiv erschwert. Bei jedem Direktionswechsel gibt es personelle Veränderungen und die Theatergemeinschaft braucht einfach Zeit, um zusammenzuwachsen. Hier haben uns analoge Versammlungen und Premierenfeiern sehr gefehlt und das konnten wir durch digitale Zoom-Termine nicht gut genug auffangen. Aber insgesamt weise ich diese Kritik total von mir.

APA: Es wird kolportiert, dass die Politik dem Rechnung tragen wird, dass Sie wegen Corona noch nicht alles verwirklichen konnten, Ihnen aber für eine Vertragsverlängerung weniger als die üblichen fünf Jahre anbieten könnte. Würden Sie so etwas annehmen?

Kušej: Es wird wahnsinnig viel kolportiert in dieser Causa, das gehört aber offenbar zu dieser Stadt dazu. Aber: Nein, ich stehe dafür nicht zur Verfügung. Ich mache fünf Jahre. Und das ist, glaube ich, ganz richtig so.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

„Nebenan“ von Daniel Kehlmann, Uraufführung, Burgtheater, Inszenierung: Martin Kušej, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Justina Klymczik, Mit Florian Teichtmeister, Norman Hacker, Katharina Pichler, Elisa Plüss, Stefan Wieland und Arthur Klemt. Premiere: 15.10., 19.30 Uhr, Nächste Vorstellungen: 19., 22.10., 1.11., burgtheater.at

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