Literaturnobelpreis 2022 geht an Französin Annie Ernaux

Annie Ernaux ist die Literaturnobelpreisträgerin 2022 © APA/AFP/ULISES RUIZ

Der Literaturnobelpreis geht nach 2008 und 2014 erneut nach Frankreich: Am Donnerstag kürte die Schwedische Akademie die französische Autorin Annie Ernaux zur Nobelpreisträgerin. Die 82-Jährige wurde in Stockholm „für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Fesseln der persönlichen Erinnerung aufdeckt“ gewürdigt. Sie selbst erfuhr erst nach der Bekanntgabe davon, weil sie zuvor nicht ans Telefon gegangen war.

„Nein! Wirklich?“, sagte sie laut der schwedischen Nachrichtenagentur TT, die Ernaux schließlich die Botschaft überbrachte. „Ich habe heute Morgen gearbeitet und das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen“, sagte sie demnach und ergänzte: „Ich höre es jetzt die ganze Zeit klingeln.“

Der französische Präsident Emmanuel Macron gratulierte per Twitter: „Ihre Stimme ist die der Freiheit der Frauen und der Vergessenen des Jahrhunderts“, schrieb er. Annie Ernaux schreibe seit 50 Jahren den Roman des kollektiven Gedächtnisses Frankreichs. Ernaux selbst bezeichnete die Zuerkennung des Nobelpreises als „große Verantwortung“.

Mit ihren autofiktionalen Arbeiten thematisiert sie als „Ethnologin ihrer selbst“ (Eigendefinition) soziale Ungleichheit und Klassenerfahrungen und wurde damit zum Vorbild für Kollegen wie Didier Eribon und Edouard Louis. Geboren wurde Ernaux am 1. September 1940 in Lillebonne, wuchs als Arbeiterkind in der Normandie auf und studierte in Rouen und Bordeaux. Sie arbeitete als Gymnasiallehrerin und veröffentlichte 1974 mit „Les Armoires vides“ (dt. „Die leeren Schränke“) ihren ersten autobiografischen Roman. Als sie sich 1980 scheiden ließ, war sie Mutter von zwei Kindern.

1984 erschien „La Place“ (dt. „Der Platz“). Der Roman, für den sie den renommierten Renaudot-Preis erhielt, handelt von ihrem Vater und ihrem eigenen sozialen Aufstieg. In „Eine Frau“ beschwört sie die Erinnerungen an ihre Mutter herauf, in „Passion simple“ ihre Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann.

Insgesamt sind rund 20 Bücher erschienen, darunter „Les Années“ (2008, dt.: „Die Jahre“), das zu einem ihrer erfolgreichsten Werke wurde. Das Buch ist eine Rückschau auf 60 Jahre ihres Lebens, ein Blick auf eine Frau, die sich verändert – zusammen mit der Welt. Ihr gesamtes Schreiben liest sich wie ein Selbsterkundungsprojekt. Ihr vorletztes Buch „Mémoire de fille“ (2016), in dem Ernaux von ihrer ersten sexuellen Erfahrung berichtet, erschien 2020 als „Erinnerung eines Mädchens“ auf deutsch. Der heuer bei Gallimard erschienene Roman „Le jeune homme“, der von einer Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann erzählt, ist noch nicht auf deutsch erschienen.

Zuletzt wurde die Verfilmung ihres 2000 erschienenen Romans „L’événement“ (dt.: „Das Ereignis“) breit rezipiert. Darin beschreibt sie, wie sie als Studentin 1963 schwanger wird. In einer Zeit und einem Land, in dem Abtreibung verboten ist, versucht sie, das in ihr heranwachsende Kind nicht zu bekommen. Die Verfilmung durch die Französin Audrey Diwan gewann 2021 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig und sorgte auch aufgrund der unübersehbaren Parallelen zu aktuellen Entwicklungen wie etwa in den USA für Diskussionen. Auch in den Theatern wurden Dramatisierungen ihrer Bücher immer wieder gespielt. So bereitet am Volkstheater Wien derzeit Ed Hauswirth eine Dramatisierung ihres Romans „Die Scham“ vor. Premiere ist am 29. Oktober in der „Dunkelkammer“ des Hauses.

Im Suhrkamp Verlag rechnet man damit, dass die auf Deutsch übersetzten Bücher schon im Verlaufe des heutigen Tages nicht mehr lieferbar sein werden. Für alle im Verlag erschienenen Bücher von Ernaux seien Neuauflagen geplant. In den kommenden Tagen erscheint „Das andere Mädchen“, die Übersetzung des 2011 erschienenen Romans „L’autre fille“.

Wie der Suhrkamp Verlag freute sich auch der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck über die Entscheidung. Es handle sich um eine sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht „beglückende Wahl“ und um einen „Festtag für die Literatur“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Frankreichs Ex-Kulturministerin und Autorin Aurélie Filippetti hat den Preis für ihre Landsfrau als große Freude bezeichnet. Ernaux habe biografischen Stoff zur Kunst des Erzählens erhoben und die dumpfe Gewalt sozialer Klassen, männliche Dominanz, Scham und Leidenschaft zum Ausdruck gebracht, schrieb Filippetti auf Twitter. „In ihr erkennen sich so viele Frauen wieder.“

Ernaux habe immer eine höchst kritische Haltung gegenüber der bürgerlichen Institution „Literatur“ an den Tag gelegt, weshalb es fast eine Ironie des Schicksals sei, dass sie mit dem Nobelpreis im Epizentrum der bürgerlichen Kultur angekommen ist, reagierte Teresa Hiergeist, Leiterin des Instituts für Romanistik an der Universität Wien, gegenüber der APA. „Annie Ernaux’ Werk legt Zeugnis davon ab, wie es ist, in den 1950er/60er Jahren als Frau in der Arbeiterklasse aufzuwachsen. Sie macht Milieus und Themen sichtbar, die in Literatur vorher zumal von einer Frau formuliert nicht wirklich Beachtung fanden“, so die Wissenschafterin. Insofern sei ihr Verdienst auch ein feministischer. „Sie ist sicher keine klassische Kandidatin für einen Nobelpreis, aber die Literatur und auch die Wahrnehmung von Literatur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Davon ist die Preisvergabe Zeugnis.“

Verliehen wird die mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 925.000 Euro) dotierte Auszeichnung am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel. Im Vorjahr ging der Preis an den aus Sansibar stammenden Autor Abdulrazak Gurnah, im Jahr davor wurde die US-Lyrikerin Louise Glück ausgezeichnet.

nobelprize.org

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