Mütter, Töchter und der Rest: Debütroman von Felicitas Prokopetz

„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ über Mutter-Tochter-Konflikte und familiäre Verhaltensmuster, die nicht durchbrochen werden

Zu viel, zu wenig Liebe. Und ein Nicht-Vestehen: Felicitas Prokopetz
Zu viel, zu wenig Liebe. Und ein Nicht-Vestehen: Felicitas Prokopetz © Herzl

„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ heißt der Debütroman der Wienerin Felicitas Prokopetz, und das titelgebende Bild findet sich schon nach wenigen Seiten: Die Mutter hat eine Krebsdiagnose bekommen, die erwachsene Tochter Valerie eilt ins Spital – und wird doch wieder nur mit Vorwürfen konfrontiert, die wie eine Schlingpflanze alles überwuchern. Selbstmitleid lässt Tränen fließen. „Ich lebe so gern“, sagt die Mutter. Ich wäre jetzt so gerne woanders, denkt die Tochter.

Es wird viel geweint, aber auch viel geschrien in dem Buch der Tochter des Musikers und Kabarettisten Joesi Prokopetz, die Philosophie an der Universität Wien, Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat und als Werbetexterin arbeitet. Generationenübergreifend geht es um Konflikte zwischen Kindern und Eltern, wobei die Mutter-Tochter-Beziehungen im Mittelpunkt stehen.

Muttergefühle, so oder so

Männer machen es sich in den Beziehungen, die hier geschildert werden, meist deutlich einfacher. Sie setzen oder kapseln sich ab. Was ihnen allerdings dann nichts nützt, wenn sie, wie im Fall des 16-jährigen Tobi, noch auf Einvernehmen mit ihrer Erziehungsberechtigten angewiesen sind. Tobi ist der Sohn von Valerie, die im Bestreben, ihrem Sprössling all´ jene Liebe zu geben, die sie von der eigenen Mutter nicht erfahren hat, übers Ziel schießt. Die Fantasien, was dem Kind alles zustoßen könnte, quälen sie. In der Nacht steht sie schon mal an seinem Bett, um zu prüfen, ob er noch atmet. Und jetzt will er allen Ernstes ein Jahr auf Schüleraustausch nach England!? Valerie sieht ihn schon im Sarg zurückkommen …

Es gibt aber auch das glatte Gegenteil: Mütter, die jene Muttergefühle, die die Welt von ihnen erwartet und die einen vieles erst überstehen lassen, manchen Kindern gegenüber nicht und nicht verspüren und darüber verzweifeln.

„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ erzählt viel von Nicht-Bewältigung von Konflikten und von Verhaltensmustern, die nicht durchbrochen werden. Da fliegen Ohrfeigen, fließen Tränen oder bleiben Gabeln in der Wange des Gegenübers stecken. Felicitas Prokopetz spielt Variationen des Nicht-Verstehens durch und geht dafür in der Familiengeschichte weiter zurück. Bei den Großmüttern wird deutlich, wie sehr auch das gesellschaftliche Ungleichgewicht zwischen Männer- und Frauenrollen eine Rolle gespielt hat und noch spielt.

Dass dabei durch ihr nicht-lineares Erzählen, das in kurzen Kapiteln immer wieder neue Konfrontationen ständig wechselnder Protagonistinnen beschreibt, die Übersicht ein wenig verloren geht, zählt zu den Schwächen des Buches, dass etwa Ausflüge in den Schweizer Teil der Familie auch sprachlich Abwechslung bringen (inkl. Übersetzungen der schweizerdeutschen Dialoge in Fußnoten) zu seinen Stärken.

Grabreden auf den Vater

Mit einem Stilmittel überrascht die Autorin, die am 21. Februar im Buchkontor in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus aus ihrem Buch liest: Immer wieder sind Grabreden einer Tochter auf ihren Vater eingestreut. Stilistisch sehr unterschiedlich summieren sie sich zu einer bitterbösen Abrechnung, zu einer Aufrechnung zwischen dem, was an Glück möglich gewesen wäre, und dem, was tatsächlich daraus wurde. Das geht ganz schön an die Nieren. Und doch hinterlässt „Wir sitzen im Dickicht und weinen“ kein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Besser als sich hinzusetzen und zu weinen ist nämlich: aufstehen und es besser machen.
Felicitas Prokopetz: „Wir sitzen im Dickicht und weinen“, Eichborn, 208 Seiten, 22,70 Euro

Von Wolfgang Huber-Lang

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