Musikalisch genial, szenisch verfehlt

Alban Bergs „Wozzeck“ besucht Wiener U-Bahn-Station

Wozzeck landet in der Wiener U-Bahn
Wozzeck landet in der Wiener U-Bahn © APA/Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

1824 wurde der Frauenmörder Johann Christian Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz als reuevoller Christ vor einer riesigen Menschenmenge enthauptet, fast 200 Jahre später entschwebt Maries Mörder auf der Bühne der Wiener Staatsoper am Ende an einem Seil hängend aus der Simmeringer Haide Richtung Himmel.

Wir sprechen vom Finale der neuen Inszenierung von Simon Stone von „Wozzeck“, der Oper von Alban Berg, die Adolf Dresens 34 Jahre jung gebliebene Fassung abgelöst hat.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, hätte die erlesene Sängerschar sowie alle musikalischen Gruppen unter Chefdirigent Philippe Jordan eine nur halbwegs werkgerechte Inszenierung mit glaubhafter Dramaturgie erfahren.

Kein realistisches Bild des heutigen Wien

Es erstaunt, wie sehr der Gedanke, Frauenfeindlichkeit, bittere Armut, Missbrauch an Untergebenen und Heimatlosigkeit als realistisches Stimmungsbarometer im Wien von heute anzubieten nicht nur den realen Gegebenheiten zuwider läuft, sondern auch an der Durchführung scheitert: Das sich ständig auf der Drehbühne wandelnde Bühnenbild (Bob Cousins) bietet gut bürgerliche Räume, lädt ein zum Würstelstand, zeigt eine Schlange beim Arbeitsamt, führt in ein Fitness-Studio und endet, ehe es zu Mord und Selbstmord in die Simmeringer Haide geht, in der U-Bahn-Station Simmering, wo entgegen der Ist-Situation ein Elendsquartier die Augen auf sich zieht.

Dabei hat es die Regie nicht mehr geschafft, die Ukraine-Krise einzubeziehen. Übrigens sind in der Bühnengestaltung von Bob Cousins auch die Kostümbildner Alice Babidhe und Fauve Ryckebusch am Irrweg, wenn sie die arme Marie in bunte, durchaus adrette Kostüme und Unterwäsche stecken, die auch in den für Wozzecks Albtraum vervielfältigten Sex-Szenen mit dem Tambourmajor eher an ein Laufhaus denn ein Armenquartier denken lassen …

Das Finale in der Natur bietet endlich jene Stimmung, die dem Werk gerecht wird. Hauptmann, Doktor, der schon etwas zu reife Knabe Dimiter Paunov bescheren mit den Kindern der Opernschule noch einmal Stimmung.

Akteure sorgen für ein musikalisches Wunder

Wie Musiker und Sänger unter Philippe Jordan die Unebenheiten der Regie unter dem Mantel der Musik Bergs verschwinden lassen, ist als musikalisches Wunder zu werten. Christian Gerhaher als Titelheld und Anja Kampe als attraktive Marie sind ein Liebespaar, wie es gegensätzlicher nicht sein könnte, Jörg Schneider als Hauptmann und Dimitry Belosselskiy als Doktor sind hier weniger kompromisslose Peiniger als egoistische Zyniker.

Völlig fehlbesetzt der Tambourmajor mit dem Staatsopern-Debütanten Sean Pannikar, der als schmales Bürschchen statt des von Büchner vorgesehenen historischen Tambourmajors einen Wiener Polizisten darzustellen hat. Eine nette Stimme kann dieser Figur kein Profil einhauchen. Die maßvollen Buhs für das Regie-Team konnten die ehrliche Begeisterung des Premierenpublikums für die musikalisch exzellente Aufbereitung des Meisterwerkes nicht schmälern.

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