Nackter Mythos: Drago Jancar im Stifterhaus

„Die Liebe überwindet jegliche Distanz“, schreibt Drago Jancar in seinem jüngsten Roman „Wenn die Liebe ruht“, aus dem er im Stifterhaus las.
„Die Liebe überwindet jegliche Distanz“, schreibt Drago Jancar in seinem jüngsten Roman „Wenn die Liebe ruht“, aus dem er im Stifterhaus las. © Stifterhaus

Er wollte, sagt Drago Jancar, „dass die Dinge eine tiefere Wahrhaftigkeit bekommen“. Wie war das im Krieg und danach? Die Wahrheit in Jancars jüngstem Roman „Wenn die Liebe ruht“ (Zsolnay) ist verstrickt, kompliziert und dunkel. Maribor 1944, die Stadt heißt wieder Marburg, der Partisan Valentin sitzt im Gefängnis der Gestapo. Sonja, die Geliebte Valentins, bittet den SS-Mann Ludwig (vormals Ludek), ihr zu helfen. Der Preis, den Sonja an Ludwig zu zahlen hat, ist hoch. Der Krieg der Feind des Menschen, alle drei Figuren sind am Ende des Romans zerstört. „Die Liebe überwindet jegliche Distanz“, schreibt Jancar an zentraler Stelle, „die Liebe überwindet alles. Außer den Krieg.“

Am Dienstag las der 1948 in Maribor geborene, vielfach ausgezeichnete Schriftsteller (2011 Europäischer Preis für Literatur) im Linzer Stifterhaus und sprach mit ORF-Literaturchefin Katja Gasser. Der Roman aufregend zu lesen, durchdringt seine Figuren, entblättert Mythen.

Unmenschlichkeit vergiftet Seelen, auch jener im Widerstand. Jancar ein Quergeist, der im Tito-Regime wegen „feindlicher Propaganda“ und „publizistischen Ungehorsams“ im Gefängnis saß (in dasselbe hatte die Gestapo seinen Vater gesteckt). Sozialistisch geprägt, hinterfragte Jancar trotzdem Erzählungen über heldenhafte Partisanen. „Es wurde viel mythologisiert“, sagt er, „teilweise gerechtfertigt, oft weit weg von der Realität“. Aber, betont Jancar, „ich bewundere noch immer die jungen Leute, die in die Wälder gingen und Widerstand leisteten“. Keine glorreiche Vergangenheit, keine strahlende Zukunft, was bleibt von nationalen Mythen? Jancar hält es mit seinem Kollegen Milan Kundera: „Optimismus ist Opium für das Volk.“ pia

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