Nestroy-Preise: „humanistää!“ räumte ab

„humanistää!“ ist unter anderem beste deutschsprachige Aufführung © APA/EVA MANHART

In den Art for Art Dekorationswerkstätten im Wiener Arsenal hat am Sonntagabend die Verleihung der 23. Nestroy-Preise stattgefunden. Mit ihnen wurden herausragende Bühnenproduktionen sowie Künstlerinnen und Künstler der vergangenen Theatersaison geehrt. Die von ORF III zeitversetzt übertragene Gala wurde wie im Vorjahr von Nadja Bernhard und Peter Fässlacher moderiert. Damals fand die Auszeichnung im Theater an der Wien pandemiebedingt allerdings nur als TV-Event statt.

Auch 2020 gab es aufgrund der Corona-Situation nur eine vorab produzierte Sendung auf ORF III mit dem Moderationstrio Stefanie Reinsperger, Philipp Hochmair und Peter Fässlacher. Umso größer ist daher heute die Freude der Theaterszene, die Preisverleihung wieder live und miteinander feiern zu können.

Für den ersten politischen Akzent des Abends sorgte gleich am Anfang Schauspieler Stefano Bernardin, der den Preis für den besten männlich Nachwuchs überreichte und mit einem T-Shirt für Frauenrechte demonstrierte. Bei der Fußball-WM in Katar dürfte er das nicht, sagte er und rief zu einer Iran-Demo am 17. November auf.

Der Erste, der sich heute über einen Nestroy-Preis freuen konnte, war Burgschauspieler Felix Kammerer (27), der für seine Rolle als Luke in „Moskitos“ von Lucy Kirkwood im Akademietheater mit dem Nachwuchs-Nestroy ausgezeichnet wurde, derzeit aber auch in der Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ im Kino brilliert. Die Statue wurde jedoch von der Musikerin und Regisseurin Anna Mabo abgeholt: „Der Felix konnte nicht kommen, er spielt heute leider im Burgtheater. Ich hoffe, er gibt sich Mühe. (…) Vielleicht kommt er aber noch später.“

Die 1990 in Berlin geborene Regisseurin Rieke Süßkow setzte sich mit ihrer für das Schauspielhaus Wien erarbeiteten und im Odeon Theater gezeigten Uraufführungs-Inszenierung von „Oxytocin Baby“ von Anna Neata in der Kategorie „Bester Nachwuchs weiblich“ durch. Sie sah die Auszeichnung als Erfolg für das gesamte Team und plädierte für bessere Probenbedingungen.

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Der durch Online-Wahl bestimmte Publikumspreis ging an den u.a. aus der TV-Serie „Soko Donau“ bekannten deutschen Schauspieler Stefan Jürgens, der in der vergangenen Saison als Harras in Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ bei den Festspielen Reichenau überzeugte. „Bist du deppat“, kommentierte Jürgens, der mit dem Auto aus Berlin angerast war und mit 40 km/h zu viel geblitzt wurde, den Preis für ihn als „Ruhrgebiets-Piefke“.

Den Nestroy für die beste Ausstattung bekamen Peter Baur (Bühne) und Jonas Link (Video) für die Roman-Adaption „Die Schwerkraft der Verhältnisse“ nach Marianne Fritz im Akademietheater. In der Inszenierung von Bastian Kraft sorgten verblüffende Scherenschnitt-Effekte und eine in eine Art Setzkasten gebaute Wohnung für starke visuelle Eindrücke. Mitglieder der Gruppe Nesterval, die den Preis überreichten, riefen dazu auf, das Theater als Ort des Widerstands gegen Gewalt und Unterdrückung zu begreifen.

„Es war Liebe auf den ersten Blick, es war Liebe auf das erste Wort“, sagte Laudator David Bösch über „Adern“ von Lisa Wentz, das er im Akademietheater uraufgeführt hatte und heute als bestes Stück ausgezeichnet wurde. Die junge Autorin gab die herzlichen Worte an ihren Regisseur zurück – sie wünsche, dass jedem jungen Autor, jeder jungen Autorin so ein umsichtiger und respektvoller Szeniker begegne. Sie schloss mit einem „privaten Dank – an meine Oma“. Ohne sie würde es „Adern“ in dieser Form nicht geben.

Der Nestroy-Preis für die beste Nebenrolle ging an Elias Eilinghoff, der in der turbulenten Horváth-Achterbahnfahrt „Karoline und Kasimir – Noli me tangere“ von Kelly Copper und Pavol Liška im Volkstheater Wien brillierte und dabei den Regisseur gibt, der mit seiner geplanten Inszenierung des berühmten Volksstücks großartig scheitert. „Ich freu mich total, mega-cool“, meinte er, und in Richtung Trophäe: „Cooles Teil!“ Am Volkstheater sei derzeit eine tolle Truppe tätig, die an einem Strang ziehe und von der noch einiges zu erwarten sei.

Die Beste Bundesländeraufführung kam nach Ansicht der Jury aus Graz: Prämiert wurde „Garland“ von Svenja Viola Bungarten, eine schwarze Weltuntergangs-Comedy, von Anita Vulesica mit viel Witz und Rasanz zur Uraufführung gebracht. „Ich weiß, was alle denken: Wir brauchen was zu trinken“, begann die Regisseurin ihre emotionale Dankesrede im Kreise ihres Teams. Angesichts der Klimakrise gelte es mehr denn je, Regeln zu brechen – auch am Theater: „Das ist unser Ansporn, um weiterzumachen!“

Die beste Off-Produktion lieferte das Herminentheater in Kooperation mit dem Wiener TAG: „Ein bescheidenerer Vorschlag“ von Hannelore Schmid und Thomas Toppler (auch Regie) bot eine wilde Mischung aus burlesken Shakespeare-Szenen und scharfer Politsatire und eine Einführung in das aus Frankreich stammende Bouffon-Theater. Die Gruppe bedankte sich u.a. bei ihren Crowdfunderinnen und Crowdfundern, die das Projekt erst ermöglicht hatten. Sehr kritische Worte an die Kulturpolitik richtete Grischka Voss als Überreicherin des Preises: Sie mahnte faire Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung für die gesamte Szene ein.

Die 86-jährige Burgtheater-Doyenne Elisabeth Orth, 2015 bereits mit einem Nestroy in der Kategorie Beste Schauspielerin ausgezeichnet, erhielt den Lebenswerk-Preis, war aber nicht selbst „im Raum anwesend“, wie ihre Laudatorin, Ex-Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann sagte. Wo sie real war, wurde nicht klar, virtuell aber war sie als Live-Video-Bild präsent, das sie in Großaufnahme beim Verfolgen der Rede zeigte – aber ganz offenbar ohne Ton, wie sie durch ihr Mienenspiel immer wieder andeutete (und damit mehrfach für Lacher sorgte). Sie wurde vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert und schloss ihre eingespielte Dankesrede mit den Worten: „Bleiben Sie gesund – und füllen Sie wieder unsere Zuschauerräume, denn keine Krise der Welt darf unsere Theater umbringen!“

Der letzte (und wegen satter Zeitüberziehung schon etwas gehetzte) Teil der Nestroy-Gala gehörte – nach einer großartigen Trompeten- und Gesangs-Einlage von Roland Koch und Michael Maertens – eindeutig dem Team von „humanistää! – eine abschaffung der sparten“ nach Ernst Jandl, das schon bei der Kritikerumfrage des Fachblatts „Theater heute“ abgeräumt hatte. Die Volkstheater-Produktion wurde beste deutschsprachige Aufführung, Claudia Bauer nahm auch den Nestroy-Preis für die beste Regie entgegen („Bis ich 50 wurde bekam ich gar keinen Preis – und habe trotzdem weitergemacht. An alle Menschen, die bis 50 keinen Preis gewonnen haben: Es kann danach richtig abgehen!„), Samouil Stoyanov bekam den Nestroy-Preis als bester Schauspieler.

Beste Schauspielerin wurde Sarah Viktoria Frick für ihre Darstellung der Aloisia in “Adern“ von Lisa Wentz im Akademietheater. Ihr „Kumpel“ Mavie Hörbiger verlas an Stelle der Abwesenden ihre Dankesworte.

Der Spezialpreis ging an Noam Brusilovskys Projekt „Nicht sehen“, mit dem am Stadttheater Klagenfurt der Fall des Kinderarztes Franz Wurst, der als Primar der heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt jahrzehntelang sexualisierte Gewalt an Kindern ausübte, auf die Bühne gebracht wurde. „Das ist eine sehr große Ehre für uns“, bedankte sich der Regisseur. „Aber das ist nicht unser Preis.“ Jahrzehntelang hätten Politik und Gesellschaft von den Verbrechen gewusst und weggesehen. „Dieser Preis gehört allen Opfern heilpädagogischer Gewalt. Wir sehen Euch!“

nestroypreis.at

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