Neue Direktorin wünscht sich Neubau des Jüdischen Museums

Barbara Staudinger wünscht sich einen Neubau des Jüdischen Museums © APA/ROBERT JAEGER

Seit Anfang Juli steht Barbara Staudinger an der Spitze des Jüdischen Museums Wien (JMW). Kommende Woche stellt sie mit einer Videoinstallation von James T. Hong („Apologies v 2016.2, 2021“) das erste Projekt ihrer Amtszeit vor. Ende November folgt mit „100 Missverständnisse über und unter Juden“ die erste große Ausstellung. Im Antrittsinterview mit der APA entwickelt sie große Visionen: Ein Museumsneubau im 2. Bezirk und ein Holocaust-Museum wären an der Zeit, so Staudinger.

Was die 1973 geborene Wienerin, die zuletzt das Jüdische Museum in Augsburg leitete, über sich selbst sagt, passt zu ihren kulturpolitischen Ansagen: „Ich bin laut schüchtern.“ Ihre ersten 100 Tage seien nun vorbei, jetzt könne sie auch konkrete Ausstellungspläne vorzeigen, sagt sie. Ihre Vorgängerin Danielle Spera, für deren Vertragsverlängerung sich eine Reihe Prominenter stark gemacht hatte, war in der Öffentlichkeit überaus präsent – und auch Staudinger hat bereits viele Termine wahrgenommen, zuletzt etwa beim Jüdischen Neujahrskonzert. Im nächsten Jahr werde das Neujahrskonzert des Museums und jenes der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) zusammengelegt, berichtet die Direktorin stolz von ersten Ergebnissen. „Unsere Stakeholder sind die Bevölkerung Wiens und die Jüdische Gemeinde. Eine gute Zusammenarbeit mit ihnen gehört zu meiner Aufgabe. Das heißt aber nicht, dass wir immer gleicher Meinung sein müssen.“

Die Themen, mit denen Staudinger, die Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik studiert hat, im JMW punkten möchte, zielen jedoch auf eine breitere Öffentlichkeit. „Es geht ganz klar darum, öffentliche Diskurse nicht nur zu moderieren, sondern auch voranzutreiben, sie vielleicht sogar zu initiieren. Es geht darum, Fragestellungen zu finden, die jetzt für uns relevant sind. Wichtige Themen sind etwa Ausgrenzung und Rassismus. Aus der jüdischen Geschichte kann man viele Aspekte einbringen.“ Gerade die Diskussionen auf der eben zu Ende gegangenen documenta hätten gezeigt, „wie paternalistisch und kolonial geprägt dieser Versuch eigentlich war“, wie erbärmlich aber auch der Umgang mit der Kritik gewesen ist. „Genau diese Diskurse müssen wir aufgreifen und verhandeln.“

Die übernächste, im Juni 2023 eröffnende Schau mit dem Arbeitstitel „What colour are the Jews?“ werde sich etwa u.a. mit dem Thema Juden und Kolonialismus beschäftigen. „Das wird eine spannende Sache.“ Spannend werde auch die Zusammenarbeit mit vielen Museen und Institutionen in Wien. „Ich sehe eine große Bereitschaft, etwas gemeinsam zu machen.“ Ihre Arbeit in München und Augsburg sei zwar erfüllend gewesen, doch „es war ein großer Wunsch von mir, nach Wien zurückzukommen – weil ich wirklich eine Wiener Seele bin“.

Dass das JMW Teil der Wien Holding und damit beim Finanzstadtrat angesiedelt sei, „ist gar nicht schlecht“, die Nähe zur Kulturstadträtin „haben wir trotzdem, denn wir sind ja Teil des Wiener Kulturlebens“. Das Jüdische Museum Wien wurde 1895 gegründet – als erstes weltweit. Seit 1993 ist es in dem ehemaligen Palais Eskeles in der Dorotheergasse untergebracht, im Jahr 2000 hat man mit dem Museum Judenplatz einen zweiten Standort. In den 1990er und 2000er-Jahren habe es in Deutschland und Österreich eine Vielzahl von Mahnmalerrichtungen und Museumsgründungen gegeben. „Da war Wien früh dran“, sagt Staudinger – und lässt keinen Zweifel daran, dass sie einen nächsten Schub von baulichen Initiativen für angebracht hielte.

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„Wenn Sie mich fragen, würde ich mir natürlich einen Neubau wünschen“, deponiert die Direktorin. Der Standort am Judenplatz mit der Ausgrabung der mittelalterlichen Synagoge müsse erhalten bleiben, doch das Palais Eskeles sei für die jüdische Geschichte der Stadt von geringer Bedeutung. „Ein jüdisches Museum muss im 2. Bezirk sein. Ich sehe aber auch: Jetzt ist wohl nicht die richtige Zeit dafür. Es ist auch nicht dringend. Aber es braucht eine Perspektive.“ Die Diskussion darüber wolle sie anstoßen – und wie eine Löwin dafür kämpfen. „Ich bin eine zähe Jägerin. Auch die Löwinnen sitzen lange im Gras und beobachten“, ergänzt sie lachend.

Ein eigenes Holocaust-Museum, idealerweise am Heldenplatz im Zentrum Wiens, hält sie für dringlicher, „aber politisch ist das offenbar noch nicht angekommen“. Als Teil des Haus der Geschichte Österreich (hdgö) kann sie sich das nur bedingt vorstellen – denn schon die derzeitige Lösung für das hdgö in der Neuen Burg hält die Museumschefin für „semioptimal“. Vor allem, dass man Wechselausstellungen nur im Stiegenhaus, im Bereich des Alma-Rosé-Plateaus, zeigen könne, hält sie für langfristig unhaltbar. „Schon klimatechnisch ist das unmöglich: Man kann dort praktisch keine Originale zeigen.“ Klimatechnik kostet Geld – auch im Betrieb. Und da gibt es angesichts rasant steigender Energiepreise in dem mit jährlich 3,9 Mio. Euro subventionierten JMW genauso wie in anderen Kulturinstitutionen „plötzlich ein Riesen-Budgetloch“. Einiges könne man mit Sparmaßnahmen selber stemmen, doch rund zehn Prozent des Budgets fehlten derzeit. „Uns geht’s so wie allen anderen: Wir brauchen Hilfe. Der Finanzstadtrat weiß, dass es so nicht weitergehen kann.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

jmw.at

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