Parov Stelar über Lieblingsorte, Lego bauen und Leberkäsesemmerl

Der Weltstar aus Oberösterreich im Interview: „Heimat ist ein Gefühl, das sich an einem Ort einstellt“

Plaudern, als würde man einen guten Freund besuchen (v. r.): Architekt Martin Mühlbock, Parov Stelar alias Marcus Füreder, sein Galerist Christoph Haas und die stv. Chefredakteurin Melanie Wagenhofer vom VOLKSBLATT.
Ein neues Album von Parov Stelar ist praktisch fertig und soll noch heuer erscheinen, © vo/Röbl

Er ist ein Weltstar in der Musik und ein erfolgreicher Maler. Und dabei auf dem Boden geblieben. Parov Stelar alias Marcus Füreder (49) lebt seit kurzem wieder in OÖ und hat Einblicke in sein neues Haus am Pöstlingberg gewährt.

VOLKSBLATT: Wie ist es, wieder in Oberösterreich zu leben?

PAROV STELAR: So ganz kann ich das noch nicht sagen, weil ich zwar seit Juni wieder hier wohne, aber auf Tour bin. Ich fluche halt wieder mehr auf Oberösterreichisch und weniger auf Spanisch (lacht). Aber prinzipiell genieße ich das schon sehr. Das fängt an damit, dass ich beim Spar zur Wurst gehe und in meiner Heimatsprache bestellen kann. Es sind einfach die Kleinigkeiten.

Was war die Motivation für die Rückkehr?

Eigentlich war das mein Sohn Max, der gesagt hat: „Papa, ich mag nach Hause.“ Er ist in Spanien aufgewachsen und hat sich leid gesehen, wollte Schnee sehen, wissen, woher er kommt. Ich hab´ mich einmal in Spanien mit ihm auf die Terrasse gestellt und gesagt: „Da schau, das Meer, ist das nicht schön?“ Er hat darauf geantwortet: „Beim Opa im Wald gefällt es mir besser.“

Wie geht´s dem Max jetzt hier?

Super, er genießt es und ich habe das Gefühl, er hat es keinen Tag bereut. Das war irgendwie meine Angst, dass er vielleicht nach drei Wochen sagt, er will wieder weg. Ich habe ihn jetzt wieder gefragt, ob er Spanien vermisst, und er hat nein gesagt.

Was bedeutet der Begriff Heimat für Sie?

Urvertrauen. Heimat wird meist mit einem Ort verbunden, aber es ist ein Gefühl, das ein Ort ausgelöst. Je nachdem, wie deine Kindheit war. Ich bin sehr viel in der Natur gewesen und das hat eine irrsinnige Bindung ergeben, die ich in Spanien vermisst habe. So eine Palme wird nie das auslösen wie eine Buche oder eine Eiche in mir. Das ist Heimat.

Ihr Haus harmoniert in seinen Farben und Materialien sehr mit der Umgebung …

Das war mir ganz wichtig. Es muss ausschauen, als wäre es immer schon da gestanden.

Erdet Sie das, wo Sie doch sehr viel unterwegs sind?

Das ist das Schönste, wenn du heimkommst, dass du in eine gewisse Normalität zurückkehrst, wo du nicht abhängig bist von dem, wie irgendwer außerhalb ist, sondern einfach da bist. Und das Haus muss für mich Kommunikation mit mir selbst sein. Wenn ich das nicht habe, dann bin ich wieder irgendwo unterwegs.

Gibt es Lieblingsorte in der Umgebung?

Ja, wenn man runterfährt in den Kürnberg. Da ist ein Platz, das ist mein Kraftplatz. Ich fahre mit meinem Buben immer hin, da sitzen wir einfach und schauen nach Ottensheim runter. Ich war schon als Kind dort. Das ist so ein Platz, an dem ich das Gefühl habe, von dem kommt etwas, der richtet alles wieder. Du hast in deinem Leben Spitzen, Stress, du kriegst die Kurve nicht und der Platz rüttelt das wieder gerade. Da habe ich dann das Gefühl: Ah, ok, passt eh. So geht´s wieder weiter.

Wie schöpfen Sie sonst Energie?

Das Wichtigste ist Sport. Ich mache seit sieben Jahren die Kampfsportart Wing Chun, da muss ich ganz fokussiert, ganz drin sein. Bin ich es nicht, krieg´ ich die Watschen. Das ist der beste Zeitpunkt zum Abschalten: Da spielen Musik, Kunst und Liebeskummer keine Rolle oder das Wetter. Da bist du genau im Jetzt und musst Geist und Körper zusammenhalten. Sonst geht da nix.

Wo werden Sie häufiger angesprochen, auf Mallorca oder hier in Oberösterreich?

Hier spricht man mich direkter an, weil die Leute wissen, dass ich von da bin. Das ist irgendwie so auf die Art: Setz dich her, dann sind wir mehr. Wenn du einen Beruf hast, der in der Öffentlichkeit stattfindet, kannst du das nicht abdrehen. Und da ist halt dein Leberkäs’semmerl, das du dir im Supermarkt kaufst, dann auch öffentlich.

Was haben Sie aus Mallorca hierher mitgenommen?

Wenig, die Couch, auf der wir sitzen, und den Tisch. Ich wollte hier ein neues Kapitel aufschlagen. Es gibt ein paar Signature-Pieces in deinem Leben, von denen du sagst, das hat mich begleitet, das nehme ich mit. Aber: Man muss den Mut haben, einfach zu sagen, ich fange neu an.

Ich wollte auch keinen Architekten für mein Haus, ich wollte einen Künstler haben, den ich in Martin Mühlböck auch gefunden habe, jemanden, mit dem ich diese Skulptur, in der man leben kann, gemeinsam schaffen kann. Ich hasse Kompromisse, dabei verlieren immer beide. Aber wenn du es schaffst, dass du mit einem Menschen einen Weg gehen kannst, mit dem sich die Schwingungen deckungsgleich ergeben, dann kann etwas wachsen. Das ist mühelos und so sollte es allgemein sein: Gute Beziehungen sind mühelos. Da muss man sich nicht verstellen, es läuft einfach und fühlt sich gut an.

Sie haben schon Konzerte mit mehr als 100.000 Menschen gespielt. Am 19. Februar waren Sie als PreOpener für das Lido Festival im Posthof: Wie geht´s Ihnen mit so eher intimen Konzerten?

Das ist außergewöhnlich, da bin ich schon nervöser und weiß, ich muss da abliefern. Ich möchte wieder eine gewisse Intimität herstellen mit dem Publikum, auch auf meiner aktuellen Theater Tour, wieder ein wenig zusammenrutschen mit den Leuten. Im Posthof, wo ich vor 20 Jahren angefangen habe, musste die Bühne mit dem Publikum verschmelzen. Was wir jetzt machen, ist eigentlich eine Umarmung, wir kuscheln uns zusammen und da kommt dann eine Energie zustande, die du in einem großen Ding nicht schaffen kannst. Mir kommt das auch richtig vor in einer Zeit mit Digitalisierung, Anonymisierung und Co.

Sie sind auf der ganzen Welt erfolgreich, haben jede Menge Preise erhalten, mit Lana del Rey und Lady Gaga gearbeitet. Welche Ziele hat man da noch?

Von außen betrachtet, habe ich sicher viel erreicht. Aber ich bin gescheitert an der Familie zum Beispiel, das war immer etwas, das ich schaffen wollte. Eine intakte, funktionierende Familie ist wahrscheinlich noch schwieriger, als einen Grammy zu gewinnen. Das möchte ich noch einmal erleben, einfach ein normales Leben, das dich in seiner Unaufgeregtheit erfüllt. Lebe deine Träume und träum´ dein Leben, denke ich mir dann immer. Alleine der Gedanke daran, dass ich es vielleicht einmal schaffen könnte, hält mich in der Spur und wer weiß, was kommt.

Und beruflich?

Ich kann beruflich und privat nie trennen, für mich sind Malerei oder Musik kein Beruf. Künstler zu sein, ist eine unheilbare Krankheit.

Vor 20 Jahren ist Ihnen der Durchbruch gelungen. Wie sehen Sie Ihre eigene Entwicklung seither?

Ich glaube, dass ich mich jetzt noch weniger ernst nehme wie vor zwanzig Jahren. Das ist eigentlich mein größter Erfolg. Ich mache das jetzt noch mehr aus Spaß an der Freude, weil ich es nur mehr von Innen herauskommen lassen muss.

Natürlich ist es super, wenn Lady Gaga anruft, aber ich bin draufgekommen, dass solche Leute genauso suchende Kinder sind wie ich. Ich habe nie versucht, meine Kindheit zu streichen und meine Mutter hat mich darin sehr unterstützt. Das Gefühl, das ich als Kind hatte beim Lego bauen, ist 1:1 das Gefühl, das ich habe, wenn ich male oder Musik mache, im Endeffekt ist es spielen. Und dafür bin ich so dankbar. Max hat letztes Mal zu mir gesagt: „Du bist der kindischste Papa auf der ganzen Welt.“

Wann wird es das nächste Album geben?

Noch 2024. Es ist eigentlich fertig, aber nachdem ich sehr viel Samples habe, müssen viele Klärungen in Bezug auf Rechte vorgenommen werden und das passiert jetzt gerade in Los Angeles.

Brucknerjahr, Kulturhauptstadtjahr, werden Sie sich da einbringen?

Ich wurde gefragt wegen der Klangwolke, ein spannendes Thema, aber ich habe es schon gemacht. Bei mir ist das immer eine Herzensgeschichte: Kann ich dort wachsen oder einen draufsetzen? Einfach nur den Erfolg wiederholen, ist mir zu fad.

Interview: Melanie Wagenhofer

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