Peter Filzmaier schrieb Buch über Olympia als Politikbühne

Ein Politikwissenschafter über das größte Sportereignis der Welt © APA/Brandstätter Verlag

Für die Zeit der Olympischen Spiele sollten die Waffen ruhen, sollte der Wettstreit ein friedlicher sein. So lautete das Ideal der Antike. Dass ab 26. Juli, wenn in Paris die nächsten Olympischen Spiele eröffnet werden, in der Ukraine, in Gaza und anderswo nicht mehr geschossen wird, glauben nicht einmal die größten Optimisten. Olympia war schon immer politisch, argumentiert nun Peter Filzmaier in einem Buch, die Spiele boten Sport und Politik stets gleichermaßen eine Bühne.

Der durch seine pointierten Politikanalysen in ORF-Nachrichtensendungen populäre Politikwissenschafter war Hobbyläufer mit einer Halbmarathonbestzeit von 1:12 Stunden und ist bekennender Sportfan. Für „Olympia – Die Spiele als Bühne für Sport und Politik“ hat er nach eigenen Angaben auf seine Doktorarbeit über Zusammenhänge von Politik und Sport zurückgegriffen, sie aktualisiert und mit zahllosen Anekdoten angereichert, sodass sie trotz der Fülle an Informationen immer unterhaltsam bleibt. Dass er in seinem Zeitraffer von Athen 1896 nach Paris 2024 (die Winterspiele werden gegen Ende in einem einzigen Kapitel zusammengefasst) obendrein auch versucht, sportliche Höhepunkte – etwa die Sammler der meisten Medaillen – unterzubringen, wirkt dabei manchmal wie eine Fleißaufgabe, die vom Thema ablenkt.

Schon die Ziele der olympischen Bewegung – Frieden, Völkerverständigung, Antidiskriminierung – seien dezidiert politische, so Filzmaier. Die Praxis, sich auf die Olympische Charta als eine unpolitische zu berufen, sei von Anfang an, von der Vergabe der Austragungsorte bis zur Zulassung von Teilnehmern, verlogen gewesen. „Die Spiele waren stets eine Spielwiese der Politik, und zwar vor allem für Antidemokraten. Im Lauf der Geschichte kamen als Problembereiche die gigantische Kommerzialisierung und Mediatisierung der Olympischen Spiele, Umweltzerstörung und Doping dazu“, schreibt der 56-Jährige, der am liebsten Sportreporter geworden wäre und 2020 seine „schönsten Sportgeschichten“ veröffentlicht hat. „Es schließt sich nicht aus, sowohl begeisterter Sportfan zu sein als auch kritisch gegenüber der Olympischen Bewegung und ihren nationalen und internationalen Funktionären.“

Es ist nahezu unheimlich, wie viele Belege Filzmaier für seine These gesammelt hat. Keine einzige Austragung kommt ungeschoren davon, und die Beispiele, in welch vielfältiger Weise die Politik nicht nur „mitgespielt“ hat, sondern stets ein zentraler Player war, sind bedrückend. Dass Adolf Hitler Olympia 1936 als Propagandainstrument in nie da gewesener Weise missbraucht hat, weiß jeder – dass Avery Brundage als Präsident des United States Olympic Committee 1934 nach einer Fact-Finding-Mission in Deutschland den dortigen Antisemitismus heruntergespielt und mit seinem Persilschein die Austragung erst ermöglicht hat, wissen dagegen nur wenige. Jahrzehnte später, beim Ausschluss von Karl Schranz 1972 von den Spielen in Sapporo, wurde er zum Hassobjekt der Österreicher. „Tragikomisch war, dass sich ganz Österreich über den IOC-Präsidenten Avery Brundage empörte, nur weil er unseren Karli nicht mochte. Niemanden interessierte, dass Brundage ein widerlicher Antisemit und Rassist war.“

Wenige Monate später, bei der Trauerfeier für die Opfer des Terroranschlags auf die Olympischen Spiele in München, spricht Brundage den umstrittenen Satz: „The Games must go on.“ Die Spiele gehen weiter, auch nachdem es Tote gegeben hat. Gigantische Sicherheitsvorkehrungen, politisch motivierte Boykotte oder Ausschlüsse sind seither ebenso Teil von Olympia wie gelegentliche Versuche, Sportler und nicht Nationen in den Mittelpunkt zu rücken – etwa durch Teilnahmen unter Olympischer Flagge als Flüchtlingsteam (2016) oder die aktuelle IOC-Entscheidung, in Paris russische Einzelsportlerinnen und -sportler unter der Bedingung des Verzichts auf nationale Symbole zuzulassen.

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„War das richtig? Eher nein“, meint Filzmaier und führt immer wieder vor Augen, wie halbherzig und unbeholfen die Funktionäre der Olympia-Bewegung dem offenkundigen Dilemma zu entkommen versuchen, dass die Realität ständig beweist, dass es keine unpolitischen Spiele gibt. Dies zu leugnen sei „eine gefährliche Lebenslüge“ und das erste der „zehn olympischen Probleme“, die Filzmaier in einem Schlusskapitel den fünf Olympischen Ringen hinzufügt.

Zu diesem „Wahrheitsproblem“ käme etwa ein „Logikproblem“, das er angesichts der Friedensrhetorik der Spiele in der Einbeziehung einzelner Kampfsportarten sieht, ein „Demokratieproblem“, das er mit dem Ausschluss von autoritären oder Angriffskriege führenden Staaten als Veranstalter lösen möchte, oder ein „Meinungsproblem“, das in der Beschränkung der freien Meinungsäußerung auf der olympischen Bühne bestehe.

Filzmaier regt eine Begrenzung von Ausgaben und Einnahmen und die Einführung strenger Nachhaltigkeitskriterien für die Ausrichtung der Spiele an. Um Sicherheitsaufwand und ausufernden Nationalismus zu begrenzen, schlägt er die Zulassung national gemischter Teams sowie die Austragung der Olympischen Spiele an vielen unterschiedlichen (etwa anhand von Quoten an alle Kontinente vergebenen) Veranstaltungsorten vor. Olympia kranke an vielen Problemen. Sie alle wären es wert, gelöst zu werden, schreibt Filzmaier: „Denn wenn man die Olympischen Spiele ersatzlos abschafft, was wäre damit gewonnen?“

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

Peter Filzmaier: „Olympia. Die Spiele als Bühne für Sport und Politik“, Brandstätter Verlag, 184 Seiten, 25 Euro

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