Polit-Märchen: Scharang über „Die Flüchtlinge von Ratz“

Erzählt vom Gelingen einer Utopie: Michael Scharang © APA/HERBERT NEUBAUER

Es war einmal ein Autor, der nannte den scharfzüngigen Karl Kraus als eines seiner großen Vorbilder. Doch ausgerechnet im Jahr, in dem dessen 150. Geburtstag gefeiert wurde, orientierte er sich in seinem neuen Buch sprachlich mehr an den Brüdern Grimm, thematisch an Friedrich Engels und gab damit seinen Lesern einiges zum Grübeln auf. Genau so etwas begab sich anno 2024 mit Michael Scharang und seinem soeben erschienenen Roman „Die Wagenburg oder Die Flüchtlinge von Ratz“.

Die Geschichte, die der 83-jährige Autor darin erzählt, ist die einer schönen Utopie. Die einer menschlichen, anständigen, solidarischen und unmittelbar wirksamen Politik nämlich, die lösungsorientiert und nicht stur gesetzeskonform handelt. Verwirklicht wird so etwas in dem bereits fast menschenleeren niederösterreichischen Ort Ratz nahe der tschechischen Grenze. Wer dabei an Retz denkt, liegt wohl nicht so falsch, denn ums Eck wohnt auch ein Autor namens Peter Turrini, der ebenso vorkommt wie ein Schauspieler und früher in New York erfolgreicher Opernregisseur namens Otto Schrank.

Augenzwinkernd baut Scharang Realitätspartikel ein, um seine sich völlig irreal entwickelnde Handlung immer wieder mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen. In Ratz kommt alles durch den aus Syrien geflüchteten gelernten Bäcker Suleman in Gang. Der taucht nach Ablehnung seines Asylantrags ab, um der Abschiebung zu entgehen, und klopft eines Tages ans Ratzer Pfarrhaus. Hier wohnt der aus dem Kongo stammende Pfarrer Patrice Lumumba gemeinsam mit seiner Frau und zwei Kindern. In Ratz nimmt man es mit Regeln und Gesetzen nicht so genau – und freut sich, dass Suleman die zugesperrte Bäckerei wieder in Betrieb nimmt. Dass das ohne Wissen des Besitzers passiert, ist auch dem Bürgermeister und dem Polizisten egal.

Einmal angestoßen, sind die Dinge kaum mehr zu stoppen. Ratz beginnt einen rasanten wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Hunderte illegale Flüchtlinge ziehen hierher, renovieren und eröffnen Wirtshäuser, Betriebe und Geschäfte. Der örtliche Großbauer ist begeistert von den vielen neuen Arbeitskräften und gründet eine landwirtschaftliche Genossenschaft. Das Kulturleben floriert, ein Einheitslohn und eine allgemeine Gesundheitskasse werden eingeführt, Investitionen getätigt, die wenigen Konflikte meist amikal geregelt. Doch allen ist klar, dass das soziale Paradies ein Ablaufdatum hat. Jenen Zeitpunkt nämlich, zu dem die Obrigkeit, die dank einiger persönlicher Verbindungen nach Wien bisher wohlwollend weggeschaut hat, aufgrund politischen und medialen Drucks zum Handeln gezwungen sein wird.

Das alles ließe sich als Satire erzählen, als Schelmenroman, vielleicht sogar als Polit-Thriller. Michael Scharang schlägt jedoch von Anfang an einen irritierend naiven Märchenton an. Schon in seinem Roman „Aufruhr“ (2020) gab es Passagen über Aufständische, die zur Massenbewegung werden, bei denen man sich die Frage stellen musste: Meint er das ernst? (Ja, durchaus, antwortete er damals im APA-Interview.) Diesmal jedoch erzählt er so schlicht, wird die Handlung unzählige Male unterbrochen durch den Verzehr von Wiener Schnitzeln, die eine marokkanische Köchin unübertroffen zubereitet, oder das Auftragen von Wein, Brot und Schinken, gelingen alle revolutionären Initiativen so mühelos und im Handumdrehen, dass die Erzählweise nur eine Entsprechung seiner Botschaft sein kann: Seht her, so einfach wäre alles!

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Das bereitet freilich weniger Lesevergnügen als Unbehagen: Vereinfachung wird gemeinhin ja eher weniger der Linken als der Rechten vorgeworfen, und nicht nur die Medien, die von Scharang gründlich vorgeführt werden, auch Politik, Wirtschaft und die Menschen selbst funktionieren dann doch etwas komplizierter als in dieser „Wagenburg“, in der allmählich alles auf eine bewaffnete Konfrontation hinausläuft. Die zum massenweisen Abtransport der Flüchtlinge heranrückende Polizeiarmada wird mit Warnschüssen empfangen. Doch im Märchen ist alles möglich. Auch ein Politiker, der rechtzeitig die richtigen Worte findet: „Wir haben in diesem Land schon einmal einen Bürgerkrieg gehabt, so etwas brauchen wir nicht noch einmal.“

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

Michael Scharang: „Die Wagenburg oder Die Flüchtlinge von Ratz“, Czernin Verlag, 240 Seiten, 25 Euro

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