Porno und Porsche: „Roméo et Juliette“ im Museumsquartier

„Roméo et Juliette“ in einer Inszenierung von Marie-Eve Signeyrole © APA/APA / Musiktheater an der Wien/Monika Rittershaus

Wilde Freude nahm ein filmreifes Ende bei der Premiere von Charles Gounods „Roméo et Juliette“ am Freitagabend im Museumsquartier: Juliette liegt tot auf der Motorhaube ihres Porsches. Marie-Eve Signeyrole hat die Oper bildüberladen ins Hollywood der 90er versetzt. Hervorragend und sexy als Titelpaar: Mélissa Petit und Julien Behr. Heftige Buhs gab es im Ausweichquartier des Theaters an der Wien für die Regie, sonst viel Applaus.

Doch still, was schimmert durch das Fenster dort? Es ist nicht die aufgehende Sonne, sondern ein für die berühmte Liebestragödie unerwartetes Bild: Julia dreht einen Porno bei sich im Schlafzimmer, einen Vierer, um genau zu sein. Die Juliette in der Inszenierung von Marie-Eve Signeyrole ist ganz anders als üblich. Sie hat immer eine Tschick zwischen den Fingern, schwarzen Eyeliner um die Augen und fährt einen silbernen Porsche. Die ideal besetzte Sopranistin Mélissa Petit verkörpert alles andere als das scheue Mädchen. Im ersten sinnlichen Duett mit Julien Behrs Roméo ist sie diejenige, die den Verehrer zuerst küsst.

Juliette, der Schauspielerin und Regisseurin Sophia Coppola nachempfunden, will eigene Filme drehen – nicht nur Schmuddel-Videos, versteht sich. Aber ihr Vater (gesungen von Brett Polegato), ein berühmter Regisseur und Produzent, will aus ihr ein Starlet machen. Zu Beginn der Oper taucht Juliette am Steuer eines Cabrios im Trailer des nächsten Blockbusters ihres Vaters auf – produced by „Capuleti Bros“.

Soweit, so filmreif. Die Französin Marie-Eve Signeyrole hat die besonders sinnliche und melodiensatte Oper von Charles Gounod, die 1867 bei der Pariser Weltausstellung uraufgeführt wurde, ins Hollywood der 90er verpflanzt und setzt wie schon in ihrer Inszenierung von Händels „Belshazzar“ das Filmen als dramaturgisches Mittel ein: Die Capulets und Montagues sind Clans mächtiger Filmproduzenten, und zwei Kameraleute filmen alles live auf der Bühne mit. Vor und auf Fabien Teignés Guckkastenbühne sehen wir dann die Emotionen der Sänger und Sängerinnen in den imposanten und farbenprächtigen Kostümen der Berlinerin Yashi Tabassomi.

Das Drama wurde oft vertont und vielfach verfilmt. Einige werden sich noch an Baz Luhrmanns bildgewaltige 1996er Kult-Version mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes erinnern. Shakespeare war in der Medienkultur der Neunziger gelandet, in der MTV-Generation und in der Leinwandwelt von Quentin Tarantino (ein Filmplakat von „Pulp Fiction“ hängt auch im Schlafzimmer unserer Juliette). Signeyrole versucht hier einen ähnlichen Kunstgriff, aber das wirkt dann doch zu gewollt. Ihre Bilder überborden, überfordern.

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Warum Bruder Laurent (Daniel Miroslaw) aussieht wie Kurt Cobain, kifft und Nirvana hört, mag man nur erahnen. Roméo und Juliette blasen einander Zigarettenqualm ins Gesicht. Es hätte eine emanzipatorische Geschichte werden sollen. Nicht Juliette, sondern ihr Roméo steht auf dem Balkon. Nicht die Frau ist die Muse, sondern der Mann soll das Objekt der Begierde sein. Das geht nicht wirklich auf, denn sobald der 1. Akt vorbei ist, hat Juliette ihren Traum von der Regiekarriere scheinbar auch schon wieder vergessen.

Man kann mit Sicherheit aber eines sagen: dass diese dreistündige Oper, die von vier Liebesduetten getragen wird, ohne zwei fantastische Künstler einen schnellen Tod sterben würde. Die Sopranistin Mélissa Petit ist die ideale Juliette. Während der berühmten Arie „Je veux vivre“ schwankt die Französin mit ihrer Stimme von leise nach laut. Mal klingt sie verführerisch, mal flehentlich. Sie kann auch fabelhaft schauspielern. Julien Behrs „O leve toi soleil“ ist zart und geschmeidig. Aber beim Höhepunkt „Parait, astre pure et charmant“ entfaltet er die volle Kraft seiner Stimme. Den vielleicht größten Applaus gab es an diesem Abend für den Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner.

„Also die Musik ist super!“ hörte man des Öfteren zwischen den Zuschauerreihen. Die Musik Gounods, die hier vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Kirill Karabits interpretiert wurde, ist auch super. Man muss sie nicht mit Popsongs aufpeppen.

(Von Marietta Steinhart/APA)

(S E R V I C E – „Roméo et Juliette“ von Charles Gounod im MusikTheater an der Wien im Museumsquartier, Halle E, Dirigent am Pult des ORF Radiosymphonieorchesters: Kirill Karabits, Regie: Marie-Eve Signeyrole, Bühne: Fabien Teigné, Kostüm: Yashi, Licht: Sascha Zauner, Choreographie: Joni Österlund, Video: Artis Dzērve. Mit Mélissa Petit – Juliette, Julien Behr – Roméo. Weitere Aufführungen am 25., 28. Februar, 1., 3. und 5. März , 11. und 14. April. theater-wien.at

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