Regieduo Franz und Fiala: „Unser Ideal wäre ein Stummfilm“

Franz und Fiala blicken ihrer Berlinale-Premiere mit Freude entgegen © APA/HARALD SCHNEIDER

Das österreichische Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala („Ich seh Ich seh“) setzt seinen Erfolgslauf fort – hat man doch durch die Aufnahme in den Wettbewerb der laufenden Berlinale mit dem historischen Depressionsporträt „Des Teufels Bad“ einen der Ritterschläge der Branche erfahren. Am Abend feiert das im 18. Jahrhundert spielende Werk mit Anja Plaschg alias Soap&Skin in der Hauptrolle Weltpremiere in Berlin.

Als nächstes steht für die beiden Horrorexperten mit der von Robert Downey Jr. produzierten Verfilmung von Paul Tremblays „A Head Full of Ghosts“ wieder Genrestoff an. Zuvor aber präsentieren die beiden Filmemacher ihren im 18. Jahrhundert angesiedelten Film im Berlinale-Wettbewerb. Aus diesem Anlass sprachen Franz und Fiala mit der APA über Erzählen ohne Worte, Streiten ohne Nachwehen und magische Momente mit Schmetterlingen im Dezember.

APA: Sie beiden arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Wie hat sich Ihre Arbeitsbeziehung verändert?

Veronika Franz: Die ist stabil! (lacht) Aber wir kennen uns mittlerweile viel besser. Wir verbringen ja mehr Zeit miteinander als mit unseren Lebenspartnerinnen und -partnern. Was wir dabei gelernt haben, ist, miteinander zu streiten und mit solch einer Auseinandersetzung umzugehen. Das Wichtigste ist das Vertrauen, das man zueinander hat. Und das ist gereift. Wir haben schließlich früh verstanden, dass wir nach etwas Ähnlichem im Kino suchen.

Severin Fiala: Hinzu kommt, dass wir beide nicht nachtragend sind und wissen, dass es immer um den Film geht. Unsere Egos können wir beide gut hintanstellen. Wir waren immer schon Teamarbeiter, die auf andere Menschen hören wollen. Und man muss sagen, dass wir uns ja auch schon lange vor unserer Regiekarriere kannten. Ich war der Babysitter von Veronikas Kindern, seit ich 13 Jahre alt war…

Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

APA: Sie praktizieren dabei nach wie vor keine Arbeitsteilung in der Regiearbeit?

Fiala: Wir sind tatsächlich immer beide mit allem befasst – angefangen beim ersten Satz, den man ins Drehbuch schreibt.

APA: Im Drehbuch zu „Des Teufels Bad“ behandeln Sie nun zentral das Phänomen des „mittelbaren Selbstmords“, ein historisches Faktum, das den meisten Menschen wohl kein Begriff ist. Wie sind Sie auf die Thematik gestoßen?

Fiala: Durch einen Zufall. Wir haben einen Podcast gehört, in dem die Historikerin Kathy Stuart als Weg, das Kirchendogma zu umgehen, den mittelbaren Selbstmord angeführt hat. Wir fanden das wahnsinnig faszinierend und haben begonnen zu recherchieren.

Franz: Uns hat Stuart dann ihr Archiv geöffnet. Und als wir dort auf das Protokoll der oberösterreichischen Bäuerin Ewa Lizlfellner gestoßen sind, die im 18. Jahrhundert drei Mal vom Inquisitor befragt wurde, war das für uns der emotionale Beginn des Projekts. Sie hat von ihrem Alltag, von ihren Ängsten und Träumen erzählt, das hat uns sehr berührt. Eine Frau des 18. Jahrhunderts spricht da zu uns, von der man ansonsten eigentlich nichts mehr wüsste, weil die Geschichtsschreibung ja nicht von den „normalen“ Menschen handelt.

Fiala: Wir sind dann anfangs sehr nahe an diesem Protokoll „geklebt“ und dachten zunächst an einen Gerichtsfilm. Wir haben uns erst langsam der Idee angenähert, das, was sie sagt, in Bilder zu übersetzen.

Franz: Es war klar für uns, dass wir diesen Film in keine Genreschublade stecken wollten. Wir wollten eine Reise in diese Zeit machen und das Innere eines Menschen von damals zeigen – das auch das Innere eines Menschen von heute ist. Depression wird auch heute noch oft nicht erkannt. Und der damals verwendete Ausdruck war eben „Des Teufels Bad“.

APA: Wie viel ließ sich abseits des Innenlebens der Figuren für den Film recherchieren? Die Quellenlage für das Alltagsleben der damaligen Zeit ist ja sehr dünn…

Fiala: Neben den Ergebnissen von Kathy Stuart haben wir zwei Historikerinnen engagiert, die uns 250 Seiten zu Oberösterreich im 18. Jahrhundert zur Verfügung gestellt haben. Allerdings ist die Quellenlage tatsächlich so dünn, dass wir auch frei waren, uns davon zu entfernen. Aber die Grauslichkeiten im Film sind nicht ausgedacht! Und menschliches Empfinden und praktisches bäuerliches Leben hat sich vielleicht seither gar nicht so viel verändert.

Franz: Wir haben das ganze Set danach ausgerichtet. Die Küche im Haus etwa wurde so eingerichtet, dass man praktisch kochen kann, nicht nur für die Kamera. Dann haben uns da Anja Plaschg und Maria Hofstätter die köstlichsten Getreidebreis gekocht!

APA: Was Ihnen bei „Des Teufels Bad“ gelingt, ist, Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Figuren zu vermeiden. Alle bleiben ihrer jeweiligen Position verständlich…

Franz: Wir sind grundsätzlich an den Grautönen interessiert. Zugleich war es schwierig, einen Film über Depression zu machen, denn die Betroffenen wirken schnell wie Menschen, die im Bett liegen und nichts tun. Da verdanken wir viel Anja Plaschg, die ihrer Figur eine große Sensibilität und Fragilität verleiht.

APA: Sie hat als Sängerin nur wenig Schauspielerfahrung. War es kein Risiko, solch einen zentralen Part mit einer nicht-professionellen Schauspielerin zu besetzen?

Fiala: Wir dachten auch, dass es ein Risiko wäre und waren bereit, die Geschichte im Fall der Fälle auch ein bisschen anzupassen, sollte Anja manches nicht spielen können, weil sie solch ein Charisma und so viel mit ihrer Figur zu tun hat. Aber Anja Plaschg kann tatsächlich alles! Dank ihr spürt man viele Momente in der Figur, die man nur schwer in ein Drehbuch packen konnte.

Franz: Sie hat eine unglaubliche Disziplin, wenn es um die Wiederholung geht. Und gleichzeitig kann sie sich öffnen für eine Situation, wie es nur wenige Profischauspieler überhaupt bereit sind. Das kann man sich nicht erwarten! Und dann ist auch noch etwas passiert, das kitschig klingt, aber im Gegenteil etwas Magisches hat: Wir haben ja im November/Dezember im Waldviertel gedreht. Und die Schmetterlinge, die im Film der Figur Agnes zufliegen, standen nicht im Drehbuch, sondern sind Anja Plaschg tatsächlich einfach zugeflogen. Im Dezember im Waldviertel! Das ist biologisch praktisch unmöglich!

APA: Sie erzählen Ihre Filme primär über Bilder, weniger über Dialog. Wie sieht da Ihr Drehbuch aus?

Franz: Wir schreiben lieber Szenen in Bildern als Dialogsequenzen. Unser Ideal des filmischen Erzählens wäre ein Stummfilm, in dem man alles versteht, ohne dass ein Wort gesagt werden muss. Das kommt in diesem Fall aber auch dem Stoff sehr entgegen. Denn Bauern im 18. Jahrhundert haben sicherlich nicht viel über ihre Befindlichkeiten gesprochen.

Fiala: Und dass die Figuren eben nicht aussprechen können, was sie quält, weil sie gar keine Worte dafür haben, macht es noch unerträglicher beim Betrachten.

APA: Die visuelle Ebene wird dabei nicht zuletzt durch die Arbeit von Kamerastar Martin Gschlacht geprägt, der flämische Meister wie Brueghel zu zitieren scheint. Standen diese Referenzen im Drehbuch?

Fiala: Wir wollten einen Film, der auf 35 mm gedreht wird und zugleich viel im Dunkeln spielt und primär mit Kerzen beleuchtet wird. Das waren Elemente, die Martin Gschlacht vor praktisch unlösbare Aufgaben gestellt haben. Der Belichtungsmesser, den man beim analogen Drehen braucht, hat von Anfang bis Ende nur „Error“ angezeigt. Da muss sich ein Kameramann drübertrauen. Aber am Ende sorgt genau das für den Eindruck flämischer Meister.

APA: Nun stehen Sie im Berlinale-Wettbewerb. Wie ehrgeizig sind Sie beide?

Franz: Man ist geadelt, wenn man unter die besten 20 Filme kommt. Aber das unterliegt natürlich einem Geschmack von Kuratierenden. Und es nicht wie im Sport: Es gewinnt nicht der Beste, sondern der, der die Stimmen der Jury auf sich vereint. Ich bin da sehr gelassen.

Fiala: Und zugleich will man ja Menschen erreichen mit seinem Werk, weshalb es wichtig ist, dass es Menschen berührt. Und ein Sieg hilft dabei, dass man das Werk Menschen vermitteln kann.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

Das könnte Sie auch interessieren