Sängerin Christl entführt in eine Welt, „die extrem wehtut“

Die Musikerin verhandelt auf dem Album persönliche Gewalterfahrungen © APA/GEORG HOCHMUTH

Für Christl ist Kunst ein essenzieller Bestandteil ihres Lebens. Die Sängerin, die auch als Autorin sowie bildende Künstlerin tätig ist, veröffentlicht am Freitag mit „Green Blue Violet/Grün Blau Violett“ ihr Debütalbum, das trotz des poppigen Sounds mit heftigen Themen aufwartet. Immerhin verarbeitet die 23-Jährige in ihren Texten persönliche Gewalterfahrungen. „Ich habe gewusst, dass ich darüber schreiben muss“, unterstrich die Sängerin.

Bereits 2021 thematisierte Christl mit ihrem Song „Object of Desire“ sexuelle Belästigungen und initiierte dazu auch eine öffentliche Kunstaktion am Wiener Urban-Loritz-Platz. Drei Jahre, eine EP („A Room For Her Own“) sowie ihr bei Haymon erschienenes Buchdebüt „Ich glaub ich hasse mich“ später wird die Sängerin wieder deutlich. Die Tracks ihres ersten Albums gehen tief, wenn die titelgebende Farbkombination als Zeugnis brutaler Übergriffe am Körper zurückbleibt oder Selbstzweifel und Scham nicht nur an ihrem lyrischen Ich nagen. Entsprechend herausfordernd sei auch der Kreativprozess gewesen: „Ich musste Gewalt beschreiben lernen und Wörter dafür finden.“

So habe es viele Momente gegeben, „in denen ich erstmals einer externen Person davon erzählt habe“, erinnerte sich Christl im APA-Interview. „Dabei habe ich für mich selbst gemerkt, was da war und passiert ist. Einfach den Fakten ins Auge blicken! Davor hat die Scham eigentlich alles mundtot gemacht. Das aber zur Seite zu schieben, war sehr wichtig.“ Erst im Nachhinein habe sie erkannt, „welchen Mut ich aufgebracht habe in diesen drei Jahren. Dabei war es für mich kein mutiger Prozess, sondern ein essenzieller Prozess.“ Unterstützt wurde sie dabei von Produzent Andreas Lettner sowie Kosongwriterin Eva Klampfer alias Lylit.

Einschneidend sei auch die Erkenntnis gewesen, dass sie keineswegs alleine mit ihren Erfahrungen ist. „Es gibt so viele Menschen in meinem Umfeld, die ganz ähnliche Dinge erlebt haben – es war aber nie der Raum da, darüber zu sprechen“, nickte Christl. „Das ist keine singuläre Erfahrung, sondern eine kollektive. Das spüre ich auch durch die Musik.“ Mit den 15 Tracks des Albums – darunter vier Sprachskits mit Passagen ihres Buchs sowie des Romans „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon – wollte sie ihrer Hörerschaft auch fordern. „Das man sie mitnimmt in eine Welt, die manchmal extrem wehtut, aber dazwischen auch gut tut. Es ist ja kein linearer Prozess.“

Das gelingt Christl insofern, als Stücke wie der Opener „XX“ oder das textlich ungemein direkte „Green Blue Violet (Love is Pain)“ viele kraftvolle Passagen zwischen modernem R’n’B und Soul bieten, sich also musikalisch keineswegs in einen trostlosen Ausdruck flüchten, sondern trotz allen Schmerzes auch als Empowerment funktionieren. Einen anderen Weg geht wiederum das extrem intime „Weiter weg“, bei dem nur ein reduziertes Klavierspiel Christls Stimme begleitet. Zentral am Album positioniert, ist es vielleicht der härteste Moment in diesen 40 Minuten. „Dafür gab es auch nur zwei Takes. Danach war klar: Okay, mehr geht nicht“, erzählte sie. „Aber wie bei allen anderen Dingen haben wir uns einfach erlaubt, alles zuzulassen.“

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Lockerer wird es dann zum Ende hin, wenn „Verstecken“ oder „Ich schwimm“ durchaus positive Gefühle evozieren. Wobei Christl betonte: „Mir war wichtig, dass es kein triviales Happy End gibt. Sondern einen Wunsch, was danach kommt. So viele schwere Dinge haben lange viel Platz eingenommen – was aber noch benötigt Platz bei mir?“ Nicht zuletzt Lettner habe sie unterstützt, diese Seiten zu zeigen. „Das ganze Album ist ja durchzogen von Ambivalenzen. Und alle Gegensätze waren wichtig. Das sind einfach in mir drinnen – wieso sollte ich da etwas verschönern?“

Auf der Bühne verstehe sich die gebürtige Oberösterreicherin, die schon länger in Wien lebt durchaus als Kunstfigur, und zwar in dem Sinne, „dass da eine Christl zum Vorschein kommt, die ich so eigentlich gar nicht kenne. Ich habe das Gefühl, dass da eine völlig übersteuerte Persönlichkeit von mir rauskommen kann.“ Zudem verhandle sie in ihren Songs sehr persönliche, private und intime Details. „Insofern war und ist es schon wichtig, einen gewissen Abstand zu haben.“ Letztlich können die private Person und die Kunstfigur sich gegenseitig bestärken. „Die Figur gibt allen extrem viel Mut. Die private Person kann aber verletzlicher sein und auch Angst zeigen. Es ist sehr interessant, damit zu spielen und zu schauen: Wer bin ich heute? Was ist da gerade?“

Apropos Angst: Ihr Schicksal mittels Musik mit der Öffentlichkeit zu teilen, sei eine Herausforderung gewesen. „Es gab immer eine große Nervosität. Das größte Risiko war also, mich dieser Angst zu stellen. Es war einfach klar, dass es raus und weg muss.“ Sie habe auch nicht das Gefühl gehabt, dass es einen gesellschaftlichen Diskurs gibt, an den sie anknüpfen könne. „Gewalt ist schon ein Thema, über das ganz viele Menschen etwas zu sagen hätten, es wird aber einfach nicht besprochen“, meinte Christl. „Wenn man nie eine Sichtbarkeit spürt, hat man nie das Gefühl, dass diese Dinge, die man erlebt, auch existieren.“ Insofern sei ihre Platte nicht nur persönlich, sondern enorm politisch – wenngleich nie so intendiert gewesen.

„Green Blue Violet/Grün Blau Violett“ ist also ein Statement, und zwar in vielerlei Hinsicht. „Ich kann nicht auf einer politischen Ebene sagen, ich habe diese oder jene Forderungen. Ich kann nur meine Kunst dafür nutzen. Das ist mein Wirkkreis. Diese Verbindung zwischen Privatem und Politischem schmerzt aber auch, weil die Dinge so unter den Tisch gekehrt und überhört werden.“ Christls Songs sollte man jedenfalls nicht überhören. Live stellt sie ihr Album am 29. Februar im Wiener Radiokulturhaus sowie diesen Sommer beim Lido Sounds in Linz vor.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

instagram.com; inkmusic.at

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