San Sebastian: Seidls „Sparta“ kämpft um „Goldene Muschel“

Carla Quilez (L) und Angela Cervantes in San Sebastian © APA/AFP/ANDER GILLENEA

Am Samstagabend wird auf dem 70. Internationalen Filmfestival von San Sebastian die „Goldene Muschel“ vergeben, und der österreichische Regisseur Ulrich Seidl liegt mit seinem neuen Film „Sparta“ gut im Rennen. Im Rennen um den Hauptpreis des Wettbewerbs hat er allerdings starke Konkurrenz. Vor allem stechen in diesem Jahr drei junge spanische Regisseure hervor.

Zweifelsohne gehörte „Sparta“ zu den Überraschungen auf dem Filmfestival. Wegen Anschuldigungen gegen Seidl im Zusammenhang mit den Dreharbeiten mit Kindern hatte das Filmfestival von Toronto den Film aus dem Programm genommen, das Filmfest Hamburg die Überreichung des Douglas-Sirk-Preises an den österreichischen Filmemacher („Hundstage“) sistiert. Bei seiner Weltpremiere am vergangenen Sonntag überzeugte „Sparta“ schließlich Publikum wie Presse. Festivaldirektor Jose Luis Rebordinos meinte zur APA, es sei wahrscheinlich Seidls „bester Film“.

Beim „Bruderwerk“ zu Seidls „Rimini“ handelt es sich um eine hochintelligente, rohe und düstere Reflexion über eine gefangene, gebrochene Existenz. Der Film ist viel ruhiger, humanistischer und weniger provozierend, als man das vielleicht erwartet hätte. Es ist ein Film, der nicht schockiert und sehr subtil und behutsam mit der Thematik der Pädophilie umgeht. Explizite pädophile Szenen sind keine zu sehen. Das Unzeigbare spielt sich ausschließlich im Kopf der Hauptfigur ab.

Seine größten Konkurrenten im Rennen um die „Goldene Muschel“ kommen aus Spanien. In Mikel Gurreas Spielfilmdebüt „Suro“ stehen Elena und Ivan vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie verlassen die Metropole Barcelona, um ins ländliche Katalonien zu ziehen, wo sie eine Korkeichen-Plantage übernehmen. Leise und subtil behandelt Gurrea den Konflikt zwischen Stadt und Land, Wunsch und Wirklichkeit sowie aufeinanderprallende Geschlechterrollen.

Unterdessen fragt sich Pilar Palomero in „La Maternal“, was es bedeutet, Mutter zu sein, wenn man selbst noch ein Kind ist. Eine einfühlsame und herzzerreißende Reise in die Teenager-Elternschaft. Fernando Franco beleuchtet hingegen in „La consagración de la primeravera“ das Recht behinderter Menschen auf Liebe und Sexualität.

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Doch auch „The Wonder“ von Sebastian Leilo, Laura Moras mitreißendes kolumbianisches Sozialdrama „The Kings of the world“ sowie der herausragende, düstere Film „Great Yarmouth“ des Portugiesen Marco Martins über die unmenschliche Ausbeutung portugiesischer Arbeitsmigranten in England könnten mitmischen.

Bei der Wahl der „besten schauspielerischen Leistung“, die geschlechterübergreifend vergeben wird, dürfte die Festivaljury ebenfalls die Qual der Wahl haben. Der österreichische Schauspieler Georg Friedrich, der in „Sparta“ den Protagonisten Ewald verkörpert, gehört sicherlich zu einem ernsthaften Anwärter auf die „Silberne Muschel“. Doch hat er vor allem starke weibliche Konkurrenz. Beatriz Batarda arbeitet in „Great Yarmouth“ die tiefen moralischen Abgründe der mafiösen „Arbeitsvermittlern“ meisterhaft heraus. Vicky Luengo überzeugt in ihrer Rolle als Elena in „Suro“, und in San Sebastian dürfte mit Carla Quilez aus „La Maternal“ ein neuer Jungstar geboren sein.

Regisseurin Pilar Palomero entdeckte die 14-jährige Laiendarstellerin während der Corona-Pandemie wegen ihrer Tanzeinlagen auf TikTok. Mit ihren emotionalen Achterbahnfahrten überzeugte Quilez alle. Niemand würde glauben, dass dieses Talent noch niemals vor der Kamera stand.

In der Nebenreihe „Pearls“, einer Art „Best of“ der ausgehenden Filmfestivalsaison, wird sich die Österreicherin Marie Kreutzer mit ihrer neuen Sisi-Verfilmung „Corsage“ wohl kaum durchsetzen können. Absoluter Favorit für den mit 50.000 Euro dotierten Festival-Publikumspreis in dieser Sparte ist „Argentina 1985“.

Der Polit-Thriller von Santiago Mitre gehörte zu den am meisten gefeierten Festivalbeiträgen in San Sebastian. Es geht um die schwierige und polemische Verurteilung der blutigen argentinischen Militär-Junta. Regisseur Mitre inszeniert das bedeutendste Gerichtsverfahren der argentinischen Geschichte als fesselnden und gleichzeitig humorvollen Justizthriller und lässt den charismatischen Hauptdarsteller Ricardo Darín sein ganzes Können ausspielen – eine Wucht!

sansebastianfestival.com

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