Sargnagel widmet sich im Rabenhof Corona-Leugnern

Breitseite gegen Energetiker, Schamanen und Steiner-Schüler © APA/Petramer/Rabenhof/Ingo Petramer

„Der Tod ist eine Verschwörung der Bestattungsindustrie!“ Davon sind die Teilnehmer des Abendkurses „Heil: Eine energetische Reinigung“ im gleichnamigen neuen Stück von Stefanie Sargnagel fest überzeugt. Hier, im „Zentrum für spirituelle Weiterentwicklung“, sind sie endlich unter sich, während draußen Maskenpflicht und Lockdown die Freiheit beschränken. Im gesteckt vollen Rabenhof feierte die Schwurbler-Persiflage am Donnerstag Premiere.

Darin widmet sich die Autorin, die durch ihre Twitter-Statusmeldungen zum gehypten Szeneliebling wurde und beim Bachmann-Preis 2016 den Publikumspreis gewann, den Esoterikern und Hippies, die an der Seite von Verschwörungstheoretikern und Neonazis gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten. Dass zwischen Kristallkugeln und Engelwasser dabei die Wuchteln nur so fliegen, liegt auf der Hand. Sätze wie „Die Behauptung, wir könnten soziale Probleme nicht wegmeditieren, hält uns klein“ ernten gleich zu Beginn viele Lacher im Publikum, das sich auch bereitwillig von seinen Stühlen erhebt, um die Mantras von Seminarleiterin Gundula im Chor zu wiederholen: „Die Wahrheit ist größer als die Wirklichkeit.“

Das ist in der ersten halben Stunde ganz lustig, nützt sich im Laufe des von Christina Tscharyiski inszenierten 70-minütigen Abends dann aber doch recht bald ab. Da ist Harry (Bernhard Dechant), der aus der „bioenergetischen Landwirtschaft“ kommt und sich als Schamane betätigt. Und Udo (Alexander Strobele), den seine Kinder aufgrund seiner Ansichten aus der Familien-WhatsApp-Gruppe ausgeschlossen haben. Lena (Tanja Raunig) ist Lehrerin an einer Rudolf Steiner-Schule und weiß: „Ginge es nach Pharmakonzernen, würden die Kids schon bei einmal Weinen Psychopharmaka bekommen.“ Angeleitet von Gundula (Bettina Schwarz) verbringen sie den Abend vor der Kulisse einer idyllischen Berglandschaft (Bühne: Dominique Wiesbauer) damit, einander zu bestätigen.

Eingewebt und mit verteilten Rollen vorgetragen sind die Erfahrungen, die Sargnagel bei einem Aura-Lesungsseminar gemacht hat. Um den doch recht kurzen Text zu einem abendfüllenden Erlebnis zu machen, steht die Band Buntspecht auf der Bühne, die die einzelnen Szenen musikalisch miteinander verbindet und im großen Finale, das dann doch noch nicht das Finale war, auf einer lautstarken Demo mitmarschiert, auf der Anonymous-Masken und blinkende Feen-Flügel zum Einsatz kommen.

In ihrem Stück will Sargnagel laut Ankündigung die soziologische Dynamik jener Gruppe untersuchen, die in den vergangenen zwei Jahren lautstark auf die Straße gegangen ist. Geworden ist es ein Lächerlichmachen der Esoterik-Szene ohne wirkliche Auseinandersetzung mit der Frage, warum Linke wie Rechte sich zusammentun, um gegen „die da oben“ die Stimme zu erheben. Schade.

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„Heil. Eine energetische Reinigung“ von Stefanie Sargnagel im Rabenhof Theater. Regie: Christina Tscharyiski. Mit Tanja Raunig, Bettina Schwarz, Bernhard Dechant und Alexander Strobele. Musik: Buntspecht. Bühnenbild: Dominique Wiesbauer, Kostüme: Miriam Draxl. Weitere Termine: 8., 15., 21. und 31. Oktober sowie am 1. November und 15. Dezember. Infos und Tickets unter rabenhof.at

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