Spaziergang zu Dudelsack-Sound als Wien-Modern-Abschluss

Das Semperdepot verwandelte sich in einen psychedelischen Klangraum © APA/Wien Modern/Markus Sepperer

Ein Adieu mit lauter Pfeifen: Den Klassiker „In C“ von Terry Riley hat das Neue-Musik-Festival Wien Modern als Schlusspunkt für seine heurige Ausgabe auserkoren. Erwan Keravec hat den Evergreen der Minimal Music mit 20 Musikerinnen und Musikern als begehbaren Klangraum mit Dudelsack-Sound in Szene gesetzt. Ein außergewöhnlicher Abend zwischen Konzert und Installation, der am Samstagabend vom Publikum alles andere als ausgepfiffen wurde.

Riley gehört neben Philip Glass oder Steve Reich zu den Mitbegründern des musikalischen Minimalismus. „In C“, 1964 in San Francisco uraufgeführt, ist das bis heute berühmteste Werk des US-amerikanischen Komponisten, der schon früh indische und afrikanische Rhythmen und Repetitionen in seine Werke einfließen ließ. Sein Erfolgsstück besteht aus 53 kurzen Motiven, die von den Spielern der Reihe nach intoniert werden, wobei jeder Musiker selbst entscheiden kann, wann er zur nächsten Phrase übergeht.

Riley hat für seine Komposition weder Vorgaben für Besetzung noch Spieldauer gemacht. Dementsprechend variierte der Umfang der Mitwirkenden in den vergangenen Jahrzehnten recht ordentlich – von gerade einmal elf Mitwirkenden bei der ersten Aufnahme von „In C“ bis zu einem 125-köpfigen Ensemble bei einer Aufführung in der Disney Concert Hall 2006. Der Bretone Keravec zeigt sich diesbezüglich bei seiner Produktion, die als Wien-Modern-Rausschmeißer nun erstmals außerhalb Frankreichs zu sehen war, mit 20 Mitwirkenden vergleichsweise bescheiden.

Das Besondere: Er setzt bei der Instrumentenwahl ausschließlich auf Dudelsäcke und Bombarden, traditionelle Blasinstrumente der bretonischen Musik. Zum Erlebnis wurde der Abend schon allein wegen der Wahl der Location – das Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste, besser bekannt unter dem vormaligen Namen Semperdepot. Die mehrere Geschoße hohe frühere Lagerstätte für Opern- und Theaterkulissen, die ohne Zwischendecken auskommt und also bis unter das Dach durchgehend offen ist, sorgt mit ihren gusseisernen Säulen, alten Plankenböden und begehbaren Galerien an sich schon für einen gehörigen Wow-Effekt.

Dazu kommt, dass Keravec auf ein klassisches Konzertsetting verzichtete. Die Musikerinnen und Musiker standen auf keiner Bühne, sondern waren in der ersten Galerie-Etage in gleichen Abständen rundum positioniert. Das Publikum konnte sich frei bewegen, dabei die einzelnen Balkonebenen hinaufsteigen, die Darbietung somit aus verschiedenen Positionen sehen und hören und bei Bedarf auch den Mitwirkenden aus allernächster Nähe auf die Finger oder über die Schulter schauen.

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Akustisch war man auf einem engmaschigen, wenn auch nicht gerade bunt gemusterten Soundteppich gebettet, in dem nur wenige melodiös-harmonische Sequenzen durchschienen. Man musste zudem schon genau hinhören, um einzelne Tonvariationen aus dem breiten Klangstrom herausfiltern zu können. In Kombination mit den vor den Musikerinnen und Musikern wie senkrechte Neonröhren aufgepflanzten Lichtstelen, geriet der Abend im dämmrig ausgeleuchteten Historismusbau zu einem fast psychedelisch-hypnotischen Klangraum, der in seiner polyphonen Mächtigkeit allerdings in Sachen Lautstärke mitunter an der Schmerzgrenze entlangschrammte.

So schrittweise sich die einzelnen Instrumentenstimmen zu Beginn übereinander lagerten, so abrupt war nach einer knappen Stunde im wahrsten Sinn des Wortes die Luft draußen – gerade noch rechtzeitig, bevor man dem Publikum vielleicht doch einen etwas zu langen Atem abverlangt hätte. So aber klang die heurige Wien-Modern-Ausgabe mit durchaus heftigem Applaus aus.

(Von Thomas Rieder/APA)

wienmodern.at

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