Suche nach der verlorenen Mutter

Uraufführung von „Alice verschwindet“ am Landestheater Linz

Drei Schwestern erinnern sich an die Mutter, einer tabuisierten Liebe und sich selbst auf der Spur: Lorena Emmi Mayer, Nataya Sam, Gunda Schanderer
Drei Schwestern erinnern sich an die Mutter, einer tabuisierten Liebe und sich selbst auf der Spur: Lorena Emmi Mayer, Nataya Sam, Gunda Schanderer © Moser

Dass die Beziehung Mutter-Tochter nicht immer friktionsfrei ist, das weiß man. Am Linzer Landestheater wird dieses Thema jetzt in einer speziellen Version abgehandelt in dem Stück „Alice verschwindet“. Uraufführung war am Sonntag in der Studiobühne des Theaters.

Mit „Alice verschwindet“ wurden zwei junge Autorinnen, Selma Matter und Marie Lucienne Verse, in der Saison 2021/2022 mit dem Thomas-Bernhard-Stipendium ausgezeichnet. Die Textfassung war ein gemeinsames Werk mit dem Linzer Team aus Regie (Valerie Voigt), Bühne und Kostüm (Thomas Garvie), Musik (Veronika König aka Farce) und Dramaturgie (Wiebke Melle).

Drei erwachsene Töchter machen sich gedanklich auf die Suche nach der verschwundenen Mutter Alice, die in einer Betreuungseinrichtung lebte. Geht es vorerst um Fragen: Wer hat sie zuletzt besucht? In welchem Zustand war sie?, entwickelt sich bald eine Auseinandersetzung mit dem Leben der Mutter und deren Beziehung zu den drei Schwestern. Alice liebt eine Frau, von den Töchtern kurz die Schneiderin genannt. In der Familie wird über das zweite Leben ihrer Mutter geschwiegen. Um die Liebe mit der „fremden“ Frau leben zu können, täuscht Alice Spaziergänge und Erledigungen vor.

So heißt es im Chor der Töchter ironisch zugespitzt: Löcher stopfen, Risse suchen, Kleider ändern, Stapel kaputter Kleidung anschleppen, um die geliebte Schneiderin zu sehen. Oder: Kurze feste Schläge auf die Schulter – so begrüßt sie alle – aber bei der Schneiderin verweilt sie länger, nestelt an ihrer Kleidung. Ein andermal skandiert der Chor: „Ich geh` noch mal kurz, ich geh` noch mal schnell. Ich geh`, ich geh`.“

Behutsame Sprache

Die Sprache der drei Schwestern ist behutsam gewählt, Erinnerungen werden nicht in genauer zeitlicher Abfolge im Chor in Halbsätzen skandiert. Dazu passend mit eben solcher Sorgfalt gewählt: Sprachrhythmus, Mimik, Gebärde und Bewegung.

Den Schauspielerinnen Gunda Schanderer, Lorena Emmi Mayer und Nataya Sam werden Spitzenleistungen abverlangt. Alice (Andressa Miyazato) drückt im gesamten Stück ihre Sehnsüchte, ihr geheim gehaltenes Liebesleben und ihre Beziehung zu den Töchtern in einer packenden, eleganten Tanzperformance aus. Sie ist dabei sprachlos wie in vielen Situationen des Alltags. Die jüngere Tochter ist ebenfalls lesbisch, anders als Alice bekennt sie sich zu dieser Lebensform.

Die Bühne: ein großer durchsichtiger Würfel, in der Mitte tanzt Alice; nach und nach reißen die von ihr wegführenden Stoffbänder, die an den Seiten des Würfels befestigt sind. Symbol der Befreiung?

Die drei Schwestern treten in einer Anfangsszene in dunkelblauen langärmeligen Shirts mit langen Schleppen auf, die möglicherweise die innere Beengtheit widerspiegeln sollen. Gegen Ende tritt die Mutter aus dem „Gefängnis-Würfel“, das Stück mündet in einen ekstatischen Tanz von Alice und ihren drei Töchtern.

Das vorwiegend junge Publikum war begeistert, der Applaus galt auch den anwesenden Autorinnen.

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