Untoter Tod im Volkstheater: „Heit bin e ned munta wuan“

Samuel Stoyanov liebt den Tod, jedenfalls auf der Bühne © APA/Marcel Urlaub / Volkstheater

Es wirkte wie inszeniert und war doch bittere Realität: Am Freitagabend musste die Premiere einer „Liebeserklärung an den Tod“ im Wiener Volkstheater unterbrochen werden, um einen Zuschauer medizinisch notversorgen zu können. Nach bangen Minuten gab der kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek grünes Licht für die Fortsetzung der Vorstellung. Wolfgang Menardis Versuch, dem Tod durch Texte der Wiener Gruppe zu huldigen, wurde allerdings im Dekor erstickt.

Während der Tod meist keine halben Sachen macht, erwies sich „Heit bin e ned munta wuan“ (der Titel entstammt einem Gedicht von H.C. Artmann) gleich mehrfach als Zwischending: Ästhetisch zwischen Christoph Marthaler und Manfred Deix angesiedelt, unentschlossen zwischen inszeniertem Liederabend und lebendem Bild schwankend und sich bei Texten von Artmann, Konrad Bayer, Friedrich Achleitner und Gerhard Rühm ebenso bedienend wie beim Dokumentarfilm „Die Pompfüneberer“ war der 100-minütige Abend weder sterbenslangweilig noch eine unsterbliche Erfahrung. Was sehr schade ist, denn an sich war viel Schönes dabei. Was abging, war ein innerer Kern. Ohne Seele war der Abend über den Tod jedoch selbst ein Untoter, ein etwas blutleer wirkender Theater-Zombie.

Der Innsbrucker Regisseur Wolfgang Menardi hat eine Figur ersonnen, die alte Vogelpräparatorin Frau Q., der er als eigener Bühnenbildner eine mit ausgestopften Vögeln und allerlei Nippes vollgeräumte Wohnung auf die Bühne gestellt hat, auf der sich auch eine dreiköpfige Combo tummelt, die Frau Q. mitunter vervierfacht. Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, gleichzeitig gibt es aber auch zu wenig Raum, um die ausgewählten Dichtungen – darunter „med ana schwoazzn dintn“ von H.C. Artmann – wirklich zur Entfaltung zu bringen. Die Sprache tritt hinter den übermächtigen Bildern zurück.

Dabei stehen mit Samuel Stoyanov und Claudia Sabitzer zwei an sich formidable Schauspieler auf der Bühne. Stoyanov haucht der alten, alleinstehenden Dame melancholische Grazie ein und streut immer wieder vulgäre Wutausbrüche dazwischen. Dass in der Wohnung offenbar ständig 31. Dezember gefeiert wird, erinnert mit zahlreichen Details an einschlägige Deix-Zeichnungen und verleiht dem Geschehen eine gruselige Note. Sabitzer darf als Beamte der städtischen Bestattung („Wohin woins – zum Rühm? Da sans hier völlig falsch, der is ja pumperlgsund!„) deutlich weniger interessante Facetten gestalten und agiert lange unabhängig vom Bühnengeschehen vor dem Vorhang – eine Zweiteilung, die sich als Handicap erweist. Matteo Haitzmann ist als eine Art Engel mit gestutzten Flügeln ein geheimnisvoller Wanderer zwischen den Welten und muss auch als Kaiser Franz Joseph mit seiner Sisi (Stoyanov) Donauwalzer tanzen.

Wie das alles zusammenpassen soll, ist schwer zu sagen. Den Schlusspunkt im Hause der Vogelpräparatorin setzte die Frau Pompfüneberer mit “Das Glück is a Vogerl“. Das Premierenpublikum erwies sich bereitwillig als Vogelfänger – und spendete langen, enthusiasmierten Applaus.

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(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

„Heit bin e ned munta wuan. Eine Liebeserklärung an den Tod unter Verwendung von Texten der Wiener Gruppe von H. C. Artmann bis Gerhard Rühm“ von Wolfgang Menardi, Regie und Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüm: Jelena Miletic, Komposition und Musikalische Leitung: Matteo Haitzmann. Mit Samuel Stoyanov, Claudia Sabitzer und Matteo Haitzmann. Wiener Knöpferlharmonika, Gesang: Ingrid Eder, Bratsche, Gesang: Flora Geisselbrech, Klavier, Gesang: Sixtus Preiss; Volkstheater Wien, Nächste Vorstellungen: 22.2., 16., 24., 31.3., volkstheater.at

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