Vladimir Vertlibs „Heimreise“ durchs sowjetische Absurdistan

Vladimir Vertlib hat über die Sowjetunion der 1950er-Jahre geschrieben © APA/GEORG HOCHMUTH

Die Sowjetunion – das ist der Staat, zu dem der autoritär herrschende russische Staatspräsident Wladimir Putin wieder zurück will. Doch die Mehrheit der Bevölkerung, die das miterlebt hat, erinnert sich an Zeiten der Drangsalierung, der Überwachung, der Verfolgung und Enteignung, der Hungersnot und der Misswirtschaft. In das Jahr 1956, die Phase der Entstalinisierung kurz nach dem Tod des kommunistischen Diktators, führt der Roman „Die Heimreise“ von Vladimir Vertlib.

Sein Roman habe „einen realen historischen Hintergrund“, schreibt der 1966 in Leningrad geborene Autor, dessen Familie 1971 emigrierte und sich 1981 in Österreich niederließ. „Er ist in besonderem Maß von den Erzählungen meiner Mutter und anderer Verwandter inspiriert.“ Man darf also annehmen, dass die Protagonistin, die jüdische Leningrader Studentin Lina, in manchem seiner Mutter nachempfunden ist.

Lina leistet in Kasachstan ihren verpflichtenden sommerlichen Arbeitsdienst als Erntehelferin für den propagierten „Sprung nach vorne“, als sie ein Telegramm nach Hause ruft: „Vater schwer krank. Komm rasch! Rückreise von Hochschule bewilligt. Mutter.“ Was folgt ist ein Roadtrip, der immer wieder etwas Albtraumartiges bekommt, nicht nur aus Angst darüber, zu spät zu kommen und den Vater nicht mehr lebend anzutreffen. Fahrpläne existieren nicht, nicht nur die Fortbewegungsmittel sind abenteuerlich, auch die politischen und sozialen Umstände in dem Riesen-Land sind es. Die Heimreise wird zur Odyssee.

„Nach Hause telefonieren“ ist ein nur an ausgewählten Postämtern überhaupt mögliches Unterfangen, Bahnstationen sind nicht immer Garantie dafür, dass regelmäßig Züge vorbeikommen, und Mitfahrgelegenheiten können sich für ein junges Mädchen auch im Land der großen, propagierten Gleichheit von Mann und Frau als gefährlich herausstellen. Doch Lina ist resolut und macht auch dann den Mund auf, wenn alle Mitreisenden sich möglichst unsichtbar machen – etwa bei einer schikanösen Ausweiskontrolle durch den Geheimdienst. Als der Dampfer nach dem Eklat bei der nächsten Station anlegt, wissen die Beteiligten nicht, was sie erwartet – von normaler Weiterreise bis zur kollektiven Verhaftung und Deportation nach Sibirien ist alles möglich.

Vertlib macht deutlich: Die Sowjetunion war eine Zeit der Willkür – aber auch des Zusammenhalts und der immer wieder überraschenden Solidarität. Er schenkt beidem Raum. Der Plot-Mechanismus der Reise funktioniert gut: Auf der Heimreise begegnet Lina vielen interessanten Menschen und Schicksalen, im Austausch mit wechselnden Reisegefährten und -gefährtinnen erfährt man viel über das Land, in dem nach Öffnung der Lager Tausende quer durch das Land nach Hause unterwegs sind. In diesem wahren Absurdistan wird die Eröffnung einer Bahnhofstoilettenanlage zu einem Blick in die Hölle, gerät ein Atombombentest zur Katastrophe, die von den Behörden mit allen Mitteln vertuscht wird. Vertlib gelingen große, eindringliche Schilderungen, in denen Schrecken und Komik einander die Waage halten.

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Lina freundet sich mit einer jungen Frau an, Tochter von deutschstämmigen Russen, die im „Großen Vaterländischen Krieg“ als Feinde behandelt und weggesperrt wurden. Ihr Schicksal ähnelt jenem der jüdischen Familie Linas, die ebenfalls bereits kurz vor der Deportation stand – doch Greta wird wirklich polizeilich gesucht. Bald durchkämmen Milizionäre den Zug nach Moskau. Doch im entscheidenden Moment siegt nicht die Angst vor der Obrigkeit, sondern die Menschlichkeit.

„Die Heimreise“ blickt in die Vergangenheit und zeigt die Gegenwart. Das wird in jeder Zeile deutlich, und das lässt Vertlib auch den aus langer Lagerhaft zurückkehrenden „Onkel Wanja“ resümieren: „Glaubst du wirklich, dass sich die Zeiten geändert haben? Oder dass sie sich jemals ändern werden?“

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

Vladimir Vertlib: „Die Heimreise“, Residenz Verlag, 352 Seiten, 25 Euro

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