Volksoper: „Dreigroschenoper“ zwischen Musical und Operette

„Die Dreigroschenoper“: Johanna Arrouas (Polly), Marco Di Sapia (Brown), Sona MacDonald (Macheath) © APA/Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine Parade schriller Kostüme in knalligen Bonbonfarben, dazu ein nichtssagendes Show-Bühnenbild mit gelben, multifunktional einsetzbaren Stufen – vom reinen Hinsehen wäre man am Sonntagabend in der Volksoper niemals auf die Idee gekommen, „Die Dreigroschenoper“ vor sich zu haben. Von Hinhören leider auch nur in Ansätzen. Denn auch der musikalische Teil des Abends erinnerte mal an Musical, mal an Operette, doch nur selten an Bert Brecht und Kurt Weill.

„Die Dreigroschenoper“ ist ein ziemlich räudiges und rüdes Stück Musiktheater. Es wird gelogen und betrogen, geraubt und bestochen. Mitleid wird künstlich erzeugt, Recht auch von der Obrigkeit eher gebrochen als gesprochen und Liebe schamlos vorgetäuscht. In dieser Welt lässt sich am besten leben, wer ihre Spielregeln beherrscht, nicht wer sie ändern möchte, lautet die Grundthese, die in eine Musik verpackt wird, die kantig mit den Emotionen spielt und Erwartungen beständig unterläuft. An der Volksoper flutscht dagegen alles. Die Welt ist rund und bunt. Alles halb so schlimm.

Regisseur Maurice Lenhard setzt auf Künstlichkeit. Weder im Bühnenbild (Malina Raßfeld), noch in den Kostümen (Christina Geiger) gibt es einen Hauch Realismus, und Peachums Bettler-Riege scheint direkt vom Laufsteg einer schrägen neuen Haute Couture-Linie zu kommen. Dazu passen Gender-Cross-Besetzungen: Macheath wird von Sona MacDonald gesungen und gespielt, die Spelunkenjenny von Oliver Liebl. Soll sein, bringt aber keinen speziellen Erkenntnisgewinn, denn hier wird von allem Abstand gehalten, was weh tun könnte.

Die von Jakob Semotan angeführte Gaunertruppe ist an Harmlosigkeit kaum zu überbieten, während Carsten Süss als Peachum in seiner orangenen Designer-Daunen-Jacke zum Popanz zu werden droht, sorgt Ursula Pfitzner als Mrs. Peachum in knalligem Grün wenigstens für einige schrille Momente und den besten Lacher des dreistündigen Abends, als sie bestens gelaunt ihrer Tochter zuruft: „Polly, zieh Dich um! Dein Mann wird gehenkt!“

Diese Polly ist in Gestalt von Johanna Arrouas das Zentrum der Aufführung. In gewöhnungsbedürftige weiße und pinke Kostüme gesteckt, verlässt sie sich auf demonstrative Unbekümmertheit und ihre Gesangsstimme. Wo MacDonald noch angesichts der glatten, flüssigen Stabführung Carlo Goldsteins um einen rauen Weill’schen Duktus ringt, setzt die junge Wienerin, vor ihrem Volksopern-Engagement Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt, auf konventionellen Gesang, der auch in der Operette beheimatet sein könnte. Ihre Duelle mit Julia Koci als Lucy, Mackies anderer Frau, sind nicht die schlechtesten Szenen des Abends, den Oliver Liebl mit einem Schuss „Les Miserables“ auch in Musical-Nähe ankern lässt, während Marco Di Sapia als Tiger Brown erfolgreich versucht, seinen Trenchcoat knitterfrei zu halten.

Der Premierenjubel kannte kaum ein Ende, und doch hatte man das starke Gefühl, dass bei dieser „Dreigroschenoper“ nicht mit barer Münze, sondern mit Spielgeld gezahlt wurde. In Zeiten, in denen manche jeden Cent zweimal umdrehen müssen, eine erstaunlich abgehobene Botschaft. Diese Dreigroschenoperette könnte die Rechnung ohne die Inflation gemacht haben und den Ertrag schuldig bleiben. Ein Muster ohne Wert.

„Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann, Dirigent: Carlo Goldstein, Regie: Maurice Lenhard, Bühnenbild: Malina Raßfeld, Kostüme: Christina Geiger, Volksoper Wien, Nächste Vorstellungen: 2., 6., 11., 22.12., volksoper.at

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