Von der Schuld angezogen: Kafkas „Prozess“ in Linz

Peter Wittenberg inszenierte das Stück nach dem Kafka-Roman © APA/Petra Moser

Trist, grau, ausweglos: Wie Bühne und Kostüme, so stellt sich die Situation Josef K.s in Kafkas „Prozess“ (Inszenierung: Peter Wittenberg) dar, der am Freitag im Schauspielhaus des Linzer Landestheaters Premiere feierte. Dass Kafkas Romanfragment keine leichte Kost ist, versteht sich von selbst. Aber trotz überzeugender schauspielerischer Leistungen blieb das Publikum am Ende etwas zu ratlos zurück.

Josef K. wird eines Morgens verhaftet. Warum, erfährt er nicht. Ein paar Tage später erhält er einen kryptischen Anruf für eine Vorladung – zu welcher Uhrzeit allerdings, erfährt er ebenso wenig. Aus einer Mischung aus Pflichtbewusstsein und Neugierde begibt er sich dorthin, wird aber weiterhin über sämtliche Hintergründe im Dunkeln gelassen.

K. könnte seinen Alltag weiterleben, wenn er dies denn wollte, denn er ist zwar verhaftet, aber nicht eingesperrt. Doch er lässt sich immer mehr hineinziehen in den Prozess und die undurchsichtigen, ungreifbaren Strukturen des vorgeblichen Rechtssystems. Er sucht Hilfe bei mehreren Frauen, einem Advokaten, dem Maler Titorelli – „zu viel fremde Hilfe“, wie der Gefängniskaplan ihm am Ende attestiert. Denn sie alle täuschen ihren Einfluss nur vor und helfen ihm im Endeffekt nicht, den Fängen des Systems zu entfliehen.

Kafka wählte für sein Romanfragment den personalen Erzähler – umgesetzt wird dies in der Linzer Inszenierung durch zwei K.s (Julian Sigl und Daniel Klausner), die im Stück fluide zwischen Erzähler und Protagonist wechseln. So funktioniert es auch, dass ein K. zeitweise die Funktion der moralischen Instanz – oder des Freud’schen „Über-Ichs“ – des in der Szene agierenden K. einnimmt. Mit Fortdauer des Stücks werden die beiden sogar zu Antagonisten, als es darum geht, dem Advokaten Huld die Vertretung des Falles zu entziehen.

Aus dem übrigen Ensemble stechen Katharina Hofmann für ihre Darstellung des Onkels und Alexander Julian Meile als ohne Punkt und Komma plappernder Maler Titorelli heraus. Aber auch Gunda Schanderer, Theresa Palfi, Jan Nikolaus Cerha und Lutz Zeidler wechseln flink und textsicher zwischen Rollen und Geschlechtern.

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Das Bühnenbild (Florian Parbs) soll ein verlassenes Aufnahmestudio darstellen – warum, erschließt sich nicht recht. Es vermag allerdings durch die düstere Farbgebung die von Kafka beschriebenen tristen Gerichtsräumlichkeiten auf Dachböden ärmlicher Mietshäuser zu vermitteln. Die Kostüme (Marie-Luise Lichtenthal) fügen sich in diese ästhetische Gestaltung ein und belassen das Stück in seiner Zeit.

Dass Kafkas Roman ein Fragment geblieben ist, fällt punktuell auf, meist ist aber ein Erzählstrang zu erkennen. Der Fokus der Linzer Inszenierung liegt auf dem inneren Prozess K.s, der durch die Doppelung der Hauptfigur besser greifbar wird und auch jenem Franz Kafkas, wie eingestreute an den Vater gerichtete Monologe zeigen. Dass K. jedoch immer wieder abbiegen und sich aus seiner scheinbar ausweglosen Situation selbst hätten befreien können, scheint an keinem Punkt eine Option und die Feststellung des Kaplans gegen Ende ist so an Zynismus kaum zu überbieten: „Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst und es entlässt dich, wenn du gehst.“ Entlassen wird das Publikum mit einem wortgewaltigen Stück, aber auch manchem Fragezeichen, das wohl nicht nur Kafka geschuldet ist.

„Der Prozess“ nach dem Roman von Franz Kafka, Inszenierung: Peter Wittenberg, Bühne: Florian Parbs, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Musik: Bernhard Moshammer, Dramaturgie: Martin Mader. Mit Julian Sigl, Daniel Klausner, Katharina Hofmann, Alexander Julian Meile, Gunda Schanderer, Theresa Palfi, Jan Nikolaus Cerha, Lutz Zeidler. Weitere Vorstellungen am 27. September, 3., 6., 13., 21. Oktober 2022, Schauspielhaus Linz. landestheater-linz.at

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