Wienbibliothek lädt Madln und Buam zur Heinz-Conrads-Schau

„Griaß eich die Madln, servas die Buam!“ – Mit diesen Worten begrüßte Heinz Conrads jahrzehntelang sein Publikum. Die Wienbibliothek im Rathaus hat sich das inzwischen geflügelte Wort nun als Titel für ihre ab Dienstag geöffnete Ausstellung rund um die 1986 verstorbenen Entertainer-Legende geliehen. Mit vielen Fotos, Plakaten, persönlichen Dokumenten und Fanbriefen gespickt, will das Kuratorenduo auch auf die nahezu vergessenen Seiten des frühen Medienstars aufmerksam machen.

Wert legen die Konzeptverantwortlichen Thomas Mießgang und Suzie Wong darauf, dass man keine „hagiografische“, sondern eine „psychoarchäologische“ Schau habe machen wollen. Nicht zuletzt wegen der räumlichen Knappheit im schlauchartigen „Ausstellungskabinett“ gegenüber den eigentlichen Räumlichkeiten der Wienbibliothek ist das Vorhaben, sich dem „Phänomen“ dieses zeitweise omnipräsenten Radio- und TV-Lieblings anzunähern, äußerst kompakt ausgefallen.

„Wir haben Heinz Conrads hier nicht neu erfunden, aber Schichten freigelegt, an die sich niemand mehr erinnert“, sagte Mießgang bei einem APA-Vorabbesuch. Das betrifft vor allem sein Wirken als Bühnenunterhalter sowie am Theater und im Kabarett. Der ausgebildete Modelltischler, geboren 1913, wollte ursprünglich nämlich in der Schauspielerei und hier im hochkulturellen Fach reüssieren. Die NS-Herrschaft und der Zweite Weltkrieg – für eine immer wieder in den Raum gestellte Nähe Conrads‚ zu den Nationalsozialisten habe man bei der Recherche übrigens keinerlei Hinweise oder gar Belege gefunden, betonen die Kuratoren – warfen ihn immer wieder zurück.

Schon in den frühen 1940er-Jahren tingelte der noch wenig bekannte Wiener von Modeschau zu Jazzkonzert, von Kinovorstellung zu Ballabend, um als Moderator gute Laune zu verbreiten, wie Fotos, Flyer und Ankündigungsplakate belegen. Nach dem Krieg spielte Conrads wiederholt im Simpl an der Seite von Fritz Muliar, Karl Farkas, Max Böhm oder – ganz genderfluid als Dior-Model, wie man in der Schau staunt – mit Cissy Kraner. In den 50ern wirkte er in Unterhaltungskomödien von Franz Antel oder Ernst Marischka mit. Auf einem Szenenfoto zu „Im Sonnenschein und Wolkenbruch“ (1955) entdeckt man auch Helmut Qualtinger, damals noch ein Twen. Den großen Durchbruch im Filmgeschäft schaffte der „beliebteste Nebendarsteller“ (Mießgang) Conrads aber nie.

Das gilt auch für seine Theaterkarriere. Zwar war der Tausendsassa schon ab 1942 an diversen Wiener Häusern zu erleben, spielte im Volkstheater, in der Josefstadt oder gab 1952 bei den Salzburger Festspielen den Dünner Vetter im „Jedermann“, doch ein – als ausgestellter Zeitungsausschnitt nachzulesender – gnadenloser Verriss des gefürchteten Kritikers Hans Weigel 1959 für Conrads‘ Darbietung in „Charleys Tante“ in den Kammerspielen bescherte dem „Heinzi“, dem eine gewissen Dünnhäutigkeit und permanente Unzufriedenheit nachgesagt wird, einen „psychologischen und Karriere-Knick“ im Theatermetier, wie Mießgang meint.

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Warum sich an diese Facetten kaum noch jemand erinnert? „Seine Prominenz in Radio und Fernsehen hat alles andere überdeckt“, so der Kurator. Hunderttausende saßen vor ihren Geräten, wenn „Was gibt es Neues?“ ab 1948 aus dem Lautsprecher und „Was sieht man Neues“ ab 1957 (ab 1967: „Guten Abend am Samstag“) wöchentlich über den Bildschirm kam. Beide Formate waren weder innovativ noch wurden sie im Laufe ihres drei bzw. vier Dekaden währenden Bestehens großartig erneuert. Wong und Mießgang sehen genau in dieser heimelige Kontinuität aus harmlos-humoriger Wienerlied- und Habsburger-Seligkeit nach den Katastrophenjahren einen Grund des Riesenerfolgs und nicht zuletzt auch einen Beitrag zur kleinstaatlichen Nachkriegsidentität Österreichs.

Der zweite Grund: „Conrads Genialität war nicht inhaltlicher Natur, sondern er hat als erster in Österreich erkannt, wie man mit der Fernsehkamera umgeht“, verweist Mießgang auf das Phänomen der „parasozialen Interaktion“. Er habe seinem Publikum den Eindruck vermitteln können, zu jedem einzelnen persönlich zu sprechen. „Das ging soweit, dass die Leute daheim mit ihrem Fernseher geredet haben“, sagt der Kurator.

On air blieb Conrads bis zu seinem Todesjahr 1986. Wiewohl es freilich gerade in Zeiten der ORF-Reform Mitte der 60er-Jahre Absetzungsbestrebungen gegeben habe, sagt Wong. Kiloweise Fanbriefe – ein paar Prachtexemplare hat die Wienbibliothek ausgestellt – und Medienkampagnen machten derlei Vorhaben schnell einen Strich durch die Rechnung. „Er hat das alles überlebt“, resümiert die Kuratorin. Oder wie Conrads Zeit seines Lebens gesungen hat: „Den Wurschtl kann kaner derschlogn.“

(S E R V I C E – „Griaß eich die Madln, servas die Buam! Das Phänomen Heinz Conrads. Conférencier, Schauspieler, Medienstar“ in der Wienbibliothek im Rathaus, Ausstellungskabinett, Stiege 6, 1. Stock, ab Dienstag und bis 31. Mai 2022, Mo bis Fr 19 Uhr, Eintritt frei; Buch zur Ausstellung 29,90 Euro, 312 Seiten, Residenz Verlag; )

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