Wiener Volksoper begeht 125-Jähriges mit besonderem Projekt

125 Jahre wird die Wiener Volksoper nun alt © APA/THEMENBILD/EVA MANHART

Sie ist Wiens zweitgrößtes Opernhaus mit rund 1.260 Sitzplätzen und steht seit bald 125 Jahren am Gürtel: die Volksoper. Das einstige Kaiserjubiläums-Stadttheater hat seit seiner Eröffnung am 14. Dezember 1898 zu Ehren des fünfzigjährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Josef eine wechselvolle Geschichte hinter sich gebracht. Dies spiegelt sich auch, wenn man am Jubiläumstag nicht zu geschichtsvergessenen Feierlichkeiten lädt, sondern zu einem künstlerischen Statement.

„Lass uns die Welt vergessen – Volksoper 1938“ lautet der Titel einer vom niederländischen Autor Theu Boermans und der israelischen Hausdirigentin Keren Kagarlitsky gestalteten Uraufführung. Die beiden rekonstruieren dabei die Lage der Volksoper im Jahr 1938 kurz vor der Machtübernahme der Nazis, als man am Haus die Beneš-Operette „Gruß und Kuss aus der Wachau“ probte. Flankiert wird die Inszenierung von einem Onlineprojekt, bei dem die Darsteller in die Haut ihrer realen Charaktere schlüpfen und sich in Videos direkt an die Zuschauer wenden. (volksoper.at)

Passend dazu hat man das Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ von Theatermuseumsdirektorin Marie-Theres Arnbom, das 2018 erstmals veröffentlicht wurde, mit einem neuen Vorwort abermals aufgelegt. Darin zeichnet die Historikerin die Schicksale von Künstlerinnen und Künstlern am Haus nach 1938 nach, was als eine der Grundlagen für Boermans bei der Erarbeitung von „Lass uns die Welt vergessen“ diente. Man setzt also nicht auf operettenhaften Eskapismus zum Jubiläum.

Dabei stand einst Operette gar nicht am Spielplan der Institution, hatte das Kaiserjubiläums-Stadttheater doch zunächst den Auftrag, als Sprechtheater Kultur in den Außenbezirken Wiens zu verbreiten. Zur Eröffnung zeigte Gründungsdirektor Adam Müller-Guttenbrunn Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“. 1903 übernahm Rainer Simons als künstlerischer Leiter das Haus. Der Kölner holte sich dann den jungen Alexander von Zemlinsky als Musikdirektor, etablierte den Begriff „Volksoper“ und zeigte am 15. September 1904 als erste Opernvorstellung den „Freischütz“. Ab 1906 wurde dann nur mehr Musiktheater gespielt, und die Volksoper entwickelte sich zu einer ernsthaften Konkurrenz für die damalige Hofoper.

Berühmte Sänger wie Leo Slezak oder Richard Tauber gastierten am ehemaligen Stadttheater, und man reüssierte mit epochalen Premieren. So zeigte man 1907 die Wiener Erstaufführung von Giacomo Puccinis „Tosca“, 1910 folgte „Salome“ von Richard Strauss. Zudem gelang Simons ein Kunststück, das keiner seiner Nachfolger bis heute zustande brachte: Er führte die Volksoper ohne jede Subvention.

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Raoul Mader und Felix Weingartner, die auf Simons folgten, konnten an die Erfolge ihres Vorgängers nicht anschließen. Inflation, Theaterkrisen und das Ausbleiben des Publikums führten dazu, dass das Haus 1925 Konkurs anmelden musste. In den Folgejahren wechselten Schließungen und Wiederöffnungen mit jeweils neuem Konzept ab. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde den jüdischen Mitarbeitern gekündigt. Die Volksoper wurde unter die finanzielle Verwaltung der Gemeinde Wien gestellt und nach einer Generalsanierung am 18. Oktober mit Ludwig van Beethovens „Fidelio“ eröffnet.

Nach Kriegsende diente das Haus wie das Theater an der Wien von 1945 bis 1955 als Ausweichquartier für die durch Bomben zerstörte Wiener Staatsoper. 1955 übernahm Franz Salmhofer die Direktion. Die Volksoper erhielt ein eigenes Ballett und zeigte in ihrem Spielplan neben Oper und Operette auch erstmals die angelsächsischen Musicals wie Leonard Bernsteins „West Side Story“ oder „Kiss me Kate“ von Cole Porter.

Auf Salmhofer als künstlerischen Leiter folgten Albert Moser (1963-1973), Karl Dönch (1973-1986) und schließlich Eberhard Waechter (1986-1992). Dieser hatte gemeinsam mit Ioan Holender 1991 als Generalsekretär auch die Leitung der Wiener Staatsoper übernommen, die damit erstmals unter gemeinsamer Direktion mit der Volksoper geführt wurde. Nach Waechters überraschendem Tod übernahm Holender 1992 die alleinige Direktion beider Häuser, und übergab 1996 die Leitung der Volksoper an Klaus Bachler (mittlerweile Nikolaus Bachler). Nach dem jetzigen künstlerischen Leiter der Osterfestspiele Salzburg trat 1999 Dominique Mentha sein Amt an, bevor er bereits 2003, statt wie geplant 2005, nach längerer Kritik an seinem Programm das Handtuch warf.

Auf dessen Nachfolger Rudolf Berger folgte schließlich 2007 der bayerische Burgschauspieler Robert Meyer, der das Haus wieder in ruhigere Fahrwasser führte. Als er im Vorjahr das Zepter an Lotte de Beer übergab, war Meyer mit 15 Jahren Dienstzeit der längstgediente Direktor der Volksoper, womit er selbst das legendäre Vorbild aus der Gründungszeit, Rainer Simons, in den Schatten stellte. Seither steht mit der 42-jährigen Niederländerin erstmals eine Frau dem Haus am Gürtel vor, die sich seit Amtsantritt daran macht, so manch vermeintlich eherne Gewissheit und so manche Formate auf den Kopf zu stellen. Und dazu gehört auch eine ungewöhnliche Feierstunde.

volksoper.at

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