„Wir schauen alle auf dieselben Sterne“

„One World“: UNESCO-Friedenskonzert von und mit Sir Karl Jenkins im Linzer Brucknerhaus

Sir Karl Jenkins tritt mit vereinten Chören im Linzer Brucknerhaus auf.
Sir Karl Jenkins tritt mit vereinten Chören im Linzer Brucknerhaus auf. © Dagmar Titsch

Am Sonntag um 18 Uhr erwartet das Publikum im Linzer Brucknerhaus als Weltpremiere des UNESCO-Friedenskonzertes ein völlig neues Musikstück mit dem Titel „One World“, das Sir Karl Jenkins (79) selbst am Pult aus der Taufe heben wird.

Vor der Generalprobe traf das VOLKSBLATT den international erfolgreichen britischen Komponisten zu einem Interview im Chorhaus Frohsinn. Im Beisein des OÖ. Jugendchorverbandleiters Alexander Koller, der das Ereignis nach Linz holte und dessen Hard-Chor neben dem World Choir for Peace, dem One World Orchestra for Peace und dem Stay at Home Choir sowie dem Chor des Musischen BORG Linz (in Summe über 400 Akteure) mitwirkt. Dazu kommen virtuelle Chöre, die aus mehr als 40 Ländern zugeschaltet werden und die besondere Aufführung wird weltweit per Livestream übertragen.

VOLKSBLATT: Allein der Titel dieser musikalischen Novität macht neugierig darauf, was Sie zu dem ungewöhnlichen Weg verführte?

SIR KARL JENKINS: Das neue Opus hat zwei Vorgänger: das „Audiemus“ und die Messe „The Armed Man“. Das 1995 entstandene erste Werk bestellte das Fernsehen und wollte eine spezielle geistliche Musik. Ich wählte diese in Gedanken an die Ethnologie (Anm., ehemals Völkerkunde), die weltweit die klanglichen, kulturellen und nationalen Aspekte der Völker verbindet und untersucht, womit ich fünf Jahre später mit „The Armed Man“ (Anm., 2017 in Linz) mein Ziel sensationell erfolgreich erreichte. Zigtausende Aufführungen belohnten die Arbeit. Die Beschäftigung mit der spirituellen Musik und der Eigenheit verschiedener Kulturen hat mich zum Weitermachen beflügelt.

Sie haben mit dem Stück „One World“ Ihren eingeschlagenen Weg fortgesetzt. Können Sie uns vorweg etwas darüber verraten?

Das Stück dauert eine Stunde, umfasst 13 Sätze, von denen der Finalsatz besonders eine eigene gemeinsame Sprache auf der Welt spricht. In der Art einer Improvisation, vielfach an Jazz angelehnt, der gar nichts mit Unterhaltung oder Atonalität zu tun hat, mit einem frei erfundenen Text komponiert ist, der ganz aus der Seele gesprochen wird.

Was müssen die Interpreten lernen, damit diese Sprache verstanden wird?

Ich habe dafür einen eigenen Code entwickelt, wo jeder Buchstabe, jeder Vokal den anderen ersetzt, wie bei einer Enigma-Maschine den Text vorgibt. Das ist auch das Neue daran, also eigentlich eine Rätsel- oder Geheimsprache, die alle leicht erlernen und dabei genau verstehen, was sie singen.

Kann diese Kompositionsmethode die Gemeinsamkeit und das gegenseitige Kennenlernen bei dem Nebeneinander von Stilen fördern und zum Ausdruck bringen und in Krisenzeiten wie jetzt die Menschen trösten?

Ja, ganz gewiss. Der Text aus mehreren Kulturen ist die wichtigste musikalische Kraft der Erzählungen und auch ein Respektbeweis unter allen, egal ob „One World“ auf Japanisch, nach der Bibel interpretiert wird oder ob Dichter die Botschaft verbreiten. Das Grundkonzept sagt es, wir schauen alle auf unsere Sterne, wir teilen uns denselben Himmel, haben gemeinsam nur ein Universum.

Haben Sie Nachfolger gefunden für diese Ideologie, vielleicht pädagogisch weitergegeben?

Nein, auf der Universität in Cadiz habe ich viele Stilmöglichkeiten kennengelernt, meine Liebe zur Musik reichte bis Arnold Schönberg, auch abstrakter Jazz war so möglich. In England haben junge Regisseure (Anm., Ridley Scott) meiner früher ausgeübten Werbefilmtätigkeit die Türen zur Weiterbildung geöffnet. Alles auf qualitätsvoller Stufe.

Mit SIR KARL JENKINS sprach Georgina Szeless

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