Kultur zwischen Vorfreude, Frust und Motivation

Im Landestheater wird wieder geprobt, im Brucknerhaus und in Gmunden eifrig geplant

Mezzosopranistin Katharine Lerner bei der ersten Probe nach der coronabedingten Pause im Landestheater © Brunnader

Melodien aus „Land des Lächelns“ und Beethovens „Fidelio“ erklangen gestern im Landestheater. Zum ersten Mal wurde wieder geprobt — den vorgeschriebenen Bedingungen entsprechend nur mit einer Sängerin und einem Pianisten und mit drei Metern Mindestabstand.

„Ein Lichtstreifen am Horizont. Wir freuen uns, dass jetzt ein Trend zur Öffnung da ist“, sagt Intendant Hermann Schneider, der gleich ein großes Aber dranhängt: „Wir bedauern es, dass wir von der Politik nicht mitgenommen werden und unsere Erfahrungswerte und unsere Expertise da nicht oder zu wenig Eingang finden.“ Er wünsche sich sehr viel Genaueres und Praxisorientierteres zum Thema Personenanzahl oder Bühnengröße, Chor, Instrumente. Ohne klare Bedingungen sei das alles schwierig, zudem der Vorlauf unglaublich kurz.

„Besonders frustrierend ist die unklare Situation bezüglich Premieren im September“, so Schneider. „In den Werkstätten müssten jetzt dafür Kostüme und Bühnenbilder gebaut werden.“ Er hoffe, dass mit szenischen Proben ab Mitte Juni beginnen werden könne, die nächste Stufe der Öffnung sehe Arbeit mit zehn Personen vor. Das Landestheater bereite Projekte für das Schauspiel vor als coronataugliche Alternative zu dem Spielplan, der bereits jetzt für die erste Spielzeithälfte neu konzipiert wurde, so Schneider: Größere Stücke mit Massenszenen werden durch überschaubare Kammerspiele ersetzt. Und es werde geprüft, ob im Juni noch Liederabende oder Lesungen machbar sind.

Für die laufende Spielzeit rechnet Schneider mit einem Einnahmenverlust von vier bis fünf Millionen Euro, mit noch einmal so viel wegen geringerer Karteneinnahmen etc. in der nächsten.

„Es geht wenigstens weiter“

Im Linzer Brucknerhaus sei man gerüstet. „Wir haben schon vorab ein Vorzeigemodell für ganz Österreich geliefert. Wir haben nicht nur abgewartet“, ist der Künstlerische Vorstandsdirektor der Liva, Dietmar Kerschbaum, stolz auf den bereits vor zwei Wochen präsentierten Plan zur Wiederaufnahme des Veranstaltungsbetriebes im Brucknerhaus, dem Posthof und im Kuddelmuddel, der u.a. ein Wabensystem bei der Platzvergabe vorsieht und auch das mehrmalige Wiederholen einer Veranstaltung. So wird beispielsweise eine mit 1300 Besuchern geplante Sonntagsmatinee im Juli zwei- bis dreimal unter den geltenden Regeln gespielt. So komme man auf 750 Besucher, rechnet Kerschbaum vor. Anleihen für die Vorgehensweise habe man sich dank guter Verbindungen in Peking geholt.

Der Stufenplan der Regierung besagt, dass ab 29. Mai Veranstaltungen mit bis zu 100 Besuchern, ab 1. Juli bis zu 250 und ab 1. August 500 Besucher möglich sind.

Für die Musiker gelten im Brucknerhaus Bestimmungen, die auf Erkenntnissen der Berliner Charité beruhen: 1,5 Meter zwischen den Streichern und zwei Meter zwischen den Bläsern. Bei neuen Erkenntnissen wird nachjustiert. „Es geht wenigstens weiter“, freut sich Kerschbaum darauf, den Menschen wieder Kultur bieten zu können. „Das ist genauso wichtig wie Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen.“ Zu bereits verschobenen Terminen — am 5. Juli bringt das Divertimento Viennese „Sehnsucht nach Wien“ auszugsweise zu Gehör und am 12. Juli spielt das Orchester Wiener Akademie Beethovens Pastorale — werden nun sukzessive neue Veranstaltungen bekanntgegeben, so Kerschbaum. Karten für die Juli-Termine im Brucknerhaus gibt es ab 15. Juni. Bis zur Wiedereröffnung stelle man in Videos heimische Künstler vor, am 27. Mai startet das Martin Gasselsberger Trio. Manche bereits abgesagte Abende im Brucknerhaus werden nachgeholt, wie etwa Franzobels „Hanni“ am 31. Jänner 2021.

Auch der Posthof reagiert schnell auf die neuen Entwicklungen. Bereits am 13. Juni findet ein Konzert von folkshilfe statt, am 19. Juni schenkt der Blonde Engel dem Publikum reinen Wein ein und am 26. Juni sind BlöZinger mit einem Best-Of in Linz zu Gast. Für die drei Veranstaltungen wird die Sitzplatzkapazität auf jeweils 100 Plätze reduziert und sie dauern je maximal 90 Minuten – ohne Pause. „Es ist sehr ermutigend, dass die Posthof-Saison zusammen mit Kulturschaffenden aus der Region so unverhofft wie wunderbar zu einem würdigen Abschluss finden kann und die Organisation dabei auch nicht auf das uns selbst auferlegte Qualitätsniveau verzichten muss“, sind sich die Leiter Gernot Kremser und Wilfried Steiner einig. Karten sind ab heute erhältlich.

„Großteil realisieren“

Große Erleichterung herrscht bei den Verantwortlichen der Salzkammergut Festwochen. „Wir haben entschieden, unter den Vorgaben der Bundesregierung einen Großteil unseres Programmes zu realisieren“, sagt Pressesprecherin Gertraud Pöstlberger. Wo und unter welchen Voraussetzungen was stattfinden kann, das bedürfe erst einer Abklärung nach dem Vorliegen des Verordnungskataloges, der für 25. Mai angekündigt wurde. „Sobald wir ein bissl mehr Infos von der Regierung vorliegen haben, das ist ja letztlich ausschlaggebend“, sagt Pöstlberger. „Der Brocken wurde uns ja ohne Rundumdetails serviert.“ Jetzt werde es erst einmal Gespräche mit den Künstlern geben, für wen die Bedingungen dann auch passen. Pöstlberger: „Wir möchten mit möglichst vielen Veranstaltungen ins Kongresshaus Toscana gehen. Dort finden normalerweise 720 Personen Platz, unter den aktuellen Bestimmungen maximal 360.“ Auch an den geplanten Terminen möchte man unbedingt festhalten: „Wir werden versuchen, mit möglichst vielen schönen Veranstaltungen im Sommer präsent zu sein.“

Lehár Festival wird abgesagt

Was für die einen die Grundlage zum Weitermachen bildet, macht das für andere unmöglich: Als Reaktion auf die Vorgaben der Bundesregierung wurden nun sämtliche Veranstaltungen des Lehár Festivals 2020 abgesagt. „Natürlich ist diese Absage sehr schmerzlich, aber es freut uns, Ihnen mitzuteilen, dass Sie keine der Veranstaltungen versäumen werden“, hieß es gestern in einer Aussendung. Wenn 2021 das 60-jährige Jubiläum des Festivals stattfindet, werden die für heuer geplanten Stücke nachgeholt. Eröffnet wird 2021 mit „Die Csardasfürstin“, auch die Vorstellungen von „Dein ist mein ganzes Herz“ werden auf den Sommer 2021 verschoben. Als weiteres Highlight gibt man im Jubliäumsjahr den Lehár-Klassiker „Der Zarewitsch“. Die Vorstellungen von „Frau Luna“ schließlich werden im Sommer 2022 nachgeholt.

Von Mariella Moshammer und Melanie Wagenhofer

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