Kulturquartier steckt Parcours für die Sinne aus

Der „Sinnesrausch“ bringt nicht nur die Kunst, sondern auch die Besucher in Bewegung

„Common Clearings“ von Urgent Agency
„Common Clearings“ von Urgent Agency © Otto Saxinger

Von Melanie Wagenhofer

Als er damals entdeckt habe, dass durch Zerschneiden aus einfachen Objekten komplizierteste Formen entstehen, sei er selbst in einen Sinnesrausch geraten, erinnert sich der oö. Künstler Helmuth Gsöllpointner gestern bei der Präsentation des diesjährigen „Sinnesrausches“ im OÖ Kulturquartier in Linz. Die Ausstellung wird heute eröffnet und kann bis 13. Oktober besucht werden. Die von Gsöllpointner gezeigten Arbeiten, darunter die variable Skulptur „Die Runde“ (2003), zählen zu einer Reihe von prominenten, regional und international renommierten Positionen, mit denen die Schau mit dem Titel „Kunst in Bewegung“ glänzt.

Eine solche liefert auch Künstler und Bühnenbildner Achim Freyer: Er hat für das OK einen Raum unter dem Titel „Verschüttungen — Die Dekade des Pythagoras“ mit Punkten zum Bild gemacht. Pioniere des Aufbrechens der Kunst, die seit den 1960er- Jahren in Bewegung gekommen und auch in andere Disziplinen wie die Architektur hineingegangen ist. „Die Grundelemente Punkt, Linie, Fläche, Raum und Zeit ziehen sich in einem Parcours bis hinauf aufs Dach“, erklärt Genoveva Rückert, die den „Sinnesrausch“, der rund 650.000 Euro gekostet hat, gemeinsam mit Katharina Lackner kuratiert hat.

Irgendwann wurde der Punkt zum Pixel

Irgendwann wurde der Punkt zum Pixel und man ist im digitalen Zeitalter angekommen. „Cubic Limit“ von Manfred Mohr aus 1973-74 zählt zur Computerkunst älteren Datums. In einem dunklen Raum flimmern grelle Farben und Punkte über einen Bildschirm. Das Plätschern, das die Bilder begleitet, sorgt nur wenig für Entspannung. „29 Punkte Programm“ stammt vom Linzer Künstler Dietmar Brehm und aus 2017. Genial die begehbare Blackbox mit den mit Schwarzlicht beleuchteten Fäden, die von Motoren und von Menschenhand vorsichtig bewegt werden können und dem Raum seine Form geben: der „Spazio elastico“ von Gianni Colombo aus den Sechzigern. Der Punkt, die Fotografie, sei ihr irgendwann zu statisch gewesen, erklärte die ebenfalls anwesende brasilianische Künstlerin Helena Martins-Costa. Sie wechselte zur Videokunst und damit zur Bewegung, zur Linie: Ihr an die Decke projiziertes Video („Por um Fio“, 2012) zeigt eine Seiltänzerin, die mit ihrem Spaziergang in luftigen Höhen den Besuchern den Weg in der Ausstellung weist.

Ein Seil, Tunnel und eine Riesenblase

OK-Direktor Martin Sturm betonte den „starken Bezug auf die Sinne“. Je höher der Besucher komme, umso mehr werde er zur Bewegung animiert. Aber schon im ersten Stock zieht ein besonderes Objekt, Kunstwerk wie Möbel, an. Es heißt „The Rope“, übersetzt Seil, und ist auch ein solches und zwar mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern und einer Länge von 60 Metern ein überdimensionales. Der Besucher ist, wie Menschen in vielen Ländern der Welt, die Schöpfer Ief Spincemaille schon damit bereist hat, angehalten, etwas mit dem blitzblauen „Wurm“ zu machen. Ein anderer Wurm schlängelt sich, wie an dieser Stelle bereits ausführlich berichtet, auf dem Dach des OK: „Tube Linz“ von Numen/For Use besteht aus zwei Tunneln aus Netzen und lädt im voestalpine open space zum Klettern und Erkunden ein. Ein weiteres Highlight ist die begehbare Riesenblase „NO. 99“ von Te-Yu Wang, mit der die taiwanesische Künstlerin den OK-Saal füllt und damit ein ganz besonderes Raumerlebnis bietet.

Das Stadtentwicklerkollektiv Urgent.Agency, das in Kopenhagen und Oslo tätig ist, hat auf dem OK-Dach die leuchtendrote Installation „Common Clearings“ (Anm., Kollektive Lichtung) aus Metall und wehenden Stoffbahnen geschaffen, die zum Innehalten einlädt und je nach Wind und Wetter oder Tageszeit andere Gestalt annimmt. Innen drin bewegt man sich wie in einem Labyrinth, an einer Stelle tut sich eine Lichtung auf.

Benjamin Bergmann hat seinen Brunnen „Fontana_il due“vom „Höhenrausch“ im vergangenen Jahr erweitert und lädt damit in der Spielzone auf dem Dach zu Wasserspielen ein. Aktivität auch für die Großen: Die interaktive Installation „City of Abstracts“ (2000) von Choreograf und Tänzer William Forsythe macht den Betrachter zum Akteur. Ein Bildschirm in Form eines Riesenspiegels gibt Bewegungen davor stehender Menschen zeitverzögert und stark verzerrt wieder. So entsteht eine eigene Choreografie. Und natürlich darf, wenn es um Punkte und Linien geht, auch das cholerische Strichmännchen La Linea nicht fehlen … www.sinnesrausch.at

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