Kunst-Duo Scheirl/Knebl: Biennale-Verschiebung „gut für uns“

Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl, Österreichs VertreterInnen bei der Biennale, haben es sich zum APA-Interview im Kunsthaus Bregenz mitten in der Installation „Die gescheiterte Hoffnung“ auf einem Plüschsofa gemütlich gemacht. Mit den Experimenten in der KUB-Ausstellung befreiten sich die beiden etwas vom „riesigen Druck“, den sie vor der Biennale-Teilnahme spüren. Die Verschiebung der Venedig-Schau kommt ihnen entgegen, denn nun bleibt mehr Zeit zum Ausprobieren.

Für die gemeinsame Ausstellung im Kunsthaus Bregenz, in der die KünstlerInnen auch Solo-Arbeiten zeigen, wählten sie wegen der zeitlichen Nähe zu Weihnachten den Titel „Seasonal Greetings“. „Zeitgenössische Kunst und saisonal – das passt nicht zusammen, das fanden wir spannend“, begründete Jakob Lena Knebl den Namen der bis 14. März dauernden Schau mit eigens für Bregenz entworfenen Arbeiten. Das titelgebende Postkarten-Bild zeigt die beiden als Hexen in frivoler Pose. Die Hexe ist für sie eine Identifikationsfigur. „Die Hexe ist eine Grenzgängerin. Und Uneindeutigkeit ist immer ein interessanter Moment, um Dinge aufzumachen, zu verändern“, so Jakob Lena Knebl. Für Ashley Hans Scheirl geht es dabei auch um das Altern. „Wie gehe ich damit um, dass ich altere, dass das Leben endlich ist? Die Hexe ist da eine tolle Figur, weil sie experimentiert, eigenständig und selbstbewusst ist.“

Die Corona-Pandemie ist in der Schau als ein von Caspar David Friedrichs „Eismeer“ inspiriertes Wohnzimmer präsent. „Wir haben durch Corona eine dystopische Realität – als wäre man in einem schlechten Film. Wir müssen eine neue Art des Umgangs miteinander finden, es ist aber auch eine Chance: Wir müssen das Gute im Schlechten finden“, so Jakob Lena Knebl. So könnte man nun etwa das bedingungslose Grundeinkommen ausprobieren. Corona mache wie ein Vergrößerungsglas viele Brüche sichtbar, die bereits da waren. Ob sie unsere Gesellschaft als gescheitert erleben? „Scheitern ist ein großes Wort. Vielleicht zeigt es an, dass etwas vorüber gegangen ist, dass nun was Neues kommen kann und muss“, sagte sie. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir erkennen, dass der Kapitalismus und der Neoliberalismus global am Scheitern sind“, ergänzte Scheirl, auch mit Verweis auf Klimakrise und Regenwaldabholzung.

Künstlerisch eröffnete sich für das Duo durch Corona das Verhältnis von Freiheit und Kontrolle als Spannungsfeld. „Ein Ausscheren aus der Norm bringt jetzt Repressalien mit sich. Wenn aber unsere Vorfahrinnen nie ausgeschert wären, hätten wir nun viele Dinge nicht, die heute normal sind“, sagte Knebl. Für Scheirl wurde das Abnormale im 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Teil der Künstlerpersönlichkeit. „Das wurde nun vom Mainstream übernommen. Diese Art von Freiheit haben nun diese geisteskranken Leaders übernommen und gebärden sich wie Künstler, wie das Klischee vom Künstler: die Haare, die Frisur“, so Scheirl in Anspielung auf US-Präsident Trump, „In diesem ästhetischen Kapitalismus ist Normalität ja out. Jeder will besonders sein, und jeder muss besonders sein. Es gibt schon fast einen Zwang zur Freiheit.“ Das werfe die Frage auf, inwieweit man als Gesellschaft nicht auch zu gemeinsamen Übereinkünften kommen müsse.

Die Verschiebung der Biennale, nun 2022 statt 2021, „ist eigentlich gut für uns“. Weil die Teilnahme per Ausschreibung vergeben wurde und daher die Einreichung recht genau sein habe müssen, erlaube die Verschiebung nun wieder Experimente. „Wir werden da gegenüber der Einreichung ein paar Dinge verändern“, verriet Knebl. Die KUB-Ausstellung sahen die beiden in dem Zusammenhang als gute Vorbereitung. „Thomas (Anm. KUB-Direktor Trummer) meinte: Probiert‚s was aus! Wir konnten uns hier also ein bisserl spielen, befreit von dem riesigen Druck, den man natürlich hat bei der Biennale. Das ist ja nicht nichts“, ergänzte Scheirl. „Man muss das aber in den Griff bekommen, sonst ist man nicht arbeitsfähig. Man muss die Angst verlieren, zu scheitern. Das kann natürlich passieren, vor allem, wenn man ein Risiko eingeht. Ohne ein Risiko einzugehen, kann man nichts gewinnen, aber man kann auch nicht scheitern“, so Knebl.

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Beide sind als Lehrende an der Akademie der bildenden Künste tätig und haben daher Einblick in die Situation junger KünstlerInnen. Deren Lage sei durch Corona „sehr, sehr schwer“. Viele Studierende müssten neben dem Studium arbeiten. „Gerade diese Jobs sind jetzt weggefallen. Und man kann in einem Lockdown nicht in die Werkstätten an der Uni – das ist sehr hart. Besonders trifft es den Performance-Kontext. Es ist schon die Gefahr, generell in der Event-Branche, dass der Live-Charakter wegfällt, eine Club-Szene zerstört wird“, sagte Knebl. Als Künstlerin brauche man aber den Input, denn: „Ich allein bin ja nichts.“ Es fehlten vor allem die ungeplanten, zufälligen Begegnungen.

Zumindest untereinander kann sich das Künstlerpaar austauschen. „Wir diskutieren viel, wir lesen gemeinsam, wir fordern uns heraus. Und wir versuchen, uns gegenseitig etwas zu vermitteln, was bei der anderen noch nicht angekommen ist“, beschrieben die beiden ihre Kooperation. Wenn man gemeinsam arbeite, sei es wichtig, auch Solo-Ausstellungen zu machen. „Sonst geht es nicht. Man muss sich ja auf etwas einigen, da bleibt immer etwas außen vor in dem Prozess“, erklärte Knebl. „Einiges mache nur ich. Ich kann aber zum Beispiel nicht malen und beneide die Ashley darum.“ Scheirl widersprach: „Sie wäre so eine tolle Malerin. Ich möchte immer so malen, wie ich mir vorstelle, dass sie malen würde. Sie hat so was Lockeres, was Schnelles“. „Jetzt ist die Biennale ja um ein Jahr verschoben – schau‘n wir mal“, ließ Knebl offen, ob es bei der Biennale auch Gemaltes von ihr zu sehen geben wird.

(Das Gespräch führte Angelika Grabher-Hollenstein/APA)

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