Kunstoasen zum Verweilen

„Auf ins Wolkenkuckucksheim!“, die Corona-Variante des Linzer Höhenrauschs, präsentiert sich verspielt, bunt und atmosphärisch – Bis 15. September geöffnet

In „Abhängen Vol. 2“ kann man dem Müßiggang frönen und das Erlebte einwirken lassen.
In „Abhängen Vol. 2“ kann man dem Müßiggang frönen und das Erlebte einwirken lassen. © Otto Saxinger

Wegen dem Coronavirus, dessen Auswirkungen auch in diesen Tagen in Oberösterreich im Alltag wieder zu spüren sind, gibt es in diesem Jahr einen etwas anderen Höhenrausch über den Dächern von Linz zu bestaunen.

Dieser wurde nämlich nicht als Ausstellung, sondern vielmehr als eine große „Verweilzone“ am Dach – mit Kunst, Barbetrieb und Veranstaltungen – konzipiert. Beim Presserundgang konnte sich das VOLKSBLATT einen ersten Eindruck von den Installationen verschaffen. Und man kann sagen, es ist dort oben wirklich eine kleine Kunstoase entstanden.

Flüsternder Kirschgarten

Die Stahlstruktur des voestalpine open space in gut 20 Meter Höhe wird zur Bühne für die herrlich verspielte Inszenierung eines natürlich-künstlichen Kirschgartens. Künstlerin Eva Schlegel erschafft in „under the cherry tree“ einen Paradiesgarten mit Bäumen, Pflanzen und Gräsern, die sich in riesigen Spiegelflächen reflektieren. Eingespielte Kirschblütengedichte schweben im undefinierten Raum umher. „Vieles erkennt man erst auf dem zweiten oder dritten Blick“, erzählt Martin Sturm, der künstlerische Verantwortliche des diesjährigen Mini-Höhenrauschs. Überhaupt spielt Schlegel in dieser Installation viel mit der Wahrnehmung; was ist echt, was eine Spiegelbild-Illusion. Die Devise also: sich Zeit nehmen, Sinne einschalten, es entsteht eine eigentümliche Atmosphäre. Tipp: auf einen der Bodenspiegel treten, nach unten sehen und (was gerade in Zeiten von Corona wichtig ist) zumindest einmal mit dem eigenen Geist auf Reisen gehen.

„Abhängen“ über Linz

Wer nach dieser sinnestäuschenden Erfahrung etwas Zeit braucht, das alles sacken zu lassen, wird sogleich belohnt: In der Hängematten-Installation „Abhängen Vol. 2“ machen großflächig verbundene Hängematten das ursprüngliche Parkdeck 13 zu einer einzigen bunten Entspannungszone. Bildhauer Michael Kienzer verbindet Hängematten, Seile und Stoffbahnen zu einer raumgreifenden Installation. Hier werden die Besucher praktisch dazu aufgefordert, zur Ruhe zu kommen. Sanft schaukelnd lassen sich vielleicht sogar neue Blickwinkel

und Gedankenräume eröffnen. Nicht ganz so spektakulär, aber nicht minder originell sind zwei Videoinstallationen gleich nebenan, wobei eine – nämlich Mark Formaneks „Standard Time“ – besonders hervorzuheben ist: In einer 24-stündigen Performance baut ein Trupp Handwerker synchron zur Echtzeit Holzlatten ganz analog und zu einer „digitalen Zeitanzeige“ um. Das Video dokumentiert nicht nur die Aktion selbst, es funktioniert gleichzeitig auch als aktuelle Zeitansage für die Besucher. „Man kann dabei zusehen, wie die Zeit entsteht und vergeht“, so Sturm.

Auch hier „schreit“ einem die Vergänglichkeit der Zeit und unseres Lebens bewusst ins Gesicht. Man könnte direkt philosophisch werden, würde nicht schon das nächste Kunstwerk auf uns warten. Neben der namensgebenden Klanginstallation „Kuckuck chipt es laut aus …“ des Soundkünstlers Wolfgang Dorninger, der den Kuckuck pünktlich zur vollen Stunde im Wolkenkuckucksheim erklingen lässt, bietet der Soundwalk auf dem Dachparcours ein Klangerlebnis via Kopfhörer. 15 leuchtend blaue Würfel verteilen sich wie Straßenlaternen auf dem Gelände. Ist man in ihrem Umfeld, machen sie Klangstücke österreichischer Komponisten des 20. Jahrhunderts mit Verbindung zu New York hörbar. Auf den Wegen zwischen den einzelnen Soundstationen taucht man in eine völlig andere akustische Umgebung ein und gerade das ist das Highlight.

New Yorker Soundkulisse

Während man so auf die Linzer Innenstadt hinabblickt, bekommt man nämlich durch das Hörempfinden den Eindruck vermittelt, man flaniere in Manhattan herum. Einen Art „Club der toten Dichter“ gibt es auch: In den „Luftschlosslesungen“ lesen junge Autoren (jeden Freitag um 19 Uhr) neben eigenen Texten auch die von verstorbenen Schriftstellern vor. Das alles im Freiluftlesesaal, wo man sich auch Bücher (etwa für die Hängematte) ausleihen kann. Fazit: „Auf ins Wolkenkuckucksheim!“ ist eine entspannt-spannende Entdeckungsreise geworden, die uns daran erinnert, der inneren Ruhe wieder etwas mehr Platz zu verschaffen. Bis 15. September geöffnet.

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