Kurze Geschichte eines Anarchisten

Wilfried Steiners brillanter zeitgeschichtlicher Essay „Gustav Landauer oder Die gestohlene Zeit“

Der Linzer Schriftsteller Wilfried Steiner beamt sich in seinem Essay in die Münchner Räterepublik des Jahres 1919.
Der Linzer Schriftsteller Wilfried Steiner beamt sich in seinem Essay in die Münchner Räterepublik des Jahres 1919. © Volker Weihbold

Eine Fußnote nur, ein Aufflackern der Weltgeschichte. Einen fast zwei Meter großen Mann stellt Autor Wilfried Steiner vor den Leser hin. „Pazifist, Hölderlin-Liebhaber, Walt-Whitman-Verehrer“.

Eine auffallende Erscheinung, „hager, schmales Gesicht mit weißdrahtigem Bart, die Haare wie Farngewächse vom Kopf abstehend“: Gustav Landauer, 1870 in Karlsruhe als Sohn jüdischer Eltern geboren, Anarchist und Publizist. Maßloser Romantiker, der schließlich das Herz der Dichterin Hedwig Lachmann erobert.

Diese Dichterin eine der Entdeckungen in Steiners brillantem Essay „Gustav Landauer oder Die gestohlene Zeit“. Wie ihr Mann, der Pazifist Landauer, schreibt auch Hedwig Lachmann im kriegsgeilen Europa gegen das große Morden des 1. Weltkriegs an: „Preist ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt/Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden –/Ich will indessen, in den Staub gebückt,/Erniedrigung mit den Besiegten leiden.“

Der Autor Wilfried Steiner, im „Zweitberuf“ künstlerischer Leiter der Linzer Kulturstätte Posthof, hat penibel recherchiert und den Lebenslauf Landauers, eines Weggefährten von Ernst Toller und Erich Mühsam, künstlerisch verdichtet und verknappt. Ein Leben, das in den Monaten nach dem Ende des Weltkriegs im November 1918 auf seinen tragischen Höhepunkt zusteuert.

Landauer trauert noch immer um seine Lebensliebe Hedwig, die am 21. Februar 1918 an einer Lungenentzündung gestorben ist. Politisch eine turbulente Zeit in Bayern. Die Monarchie am Ende, eine wackelige Weimarer Republik wird entstehen, der Brüllaffe aus Braunau betritt gerade erst die politische Bühne.

Seid ihr noch Menschen?

Am 7. April 1919 wird in München die Räterepublik ausgerufen, kurz spült es sogar ein Häuflein Münchener Bohème und romantischer Anarchisten an die Macht. Landauer aus Lethargie und Trauer erwacht, er hat die „Volksaufklärung“ über. Der Dichter Walt Whitman sei fortan Pflichtlektüre in den Schulen, informiert ein Zeitungsartikel dieser Zeit.

Nur eine knappe Woche, bis 13. April 1919, hält die Regierung der „Narren und Schwärmer“ (Steiner). Landauer wird am 1. Mai verhaftet. Beim Transport in den sogenannten Weiberspazierhof kommt es zu schweren Misshandlungen. Landauer am Boden, Tritte von allen Seiten. Spontaner Beschluss, Landauer soll gleich erschossen werden. So geschieht es. Landauers letzte Worte: „Seid ihr noch Menschen?“

Zu spät erreicht ein Telegramm der „Liga zur Beförderung der Humanität“ am 19. Mai die bayrische Landesregierung. Gebeten wird um Schonung Landauers, „der immer jede Anwendung der Gewalt in Wort und Schrift zurückgewiesen hat“. Vorsitzender der „Liga“: Albert Einstein.

Wilfried Steiner: „Gustav Landauer oder Die gestohlene Zeit“. Essay.
Limbus Verlag, 88 Seiten, 12 Euro.

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