Kuschen in Claires Bordell

Premiere: Linzer Theater Phönix spielt „Der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt

Großes Spiel: Ingrid Höller und Walter Ludwig
Großes Spiel: Ingrid Höller und Walter Ludwig © Helmut Walter

Am Bahnhof warten die honorigen Herren auf Claire Zachanassian. Leider kommt die steinreiche alte Dame im Hubschrauber, was das Empfangszeremoniell empfindlich stört. Immerhin stellt Claire den erhofften Geldsegen für die darniederliegende Stadt in Aussicht. 100 Milliarden, allerdings unter einer Bedingung.

Die Welt hat sie zur Hure gemacht, höhnt die Zachanassian, jetzt macht sie die Welt zum Bordell. Die Stadt heißt lautmalerisch Güllen, sie war einst stolze Kulturstadt, ja sogar Kulturhauptstadt. Unverkennbar Linz, Güllen ist im pessimistischen Welt- und Menschenbild des Friedrich Dürrenmatt überall möglich. Zeitlos der Stoff von „Der Besuch der alten Dame“ (Uraufführung 1956), das Linzer Theater Phönix gibt dem Klassiker des Schweizer Dramatikers die Sporen. Poppiges und packendes Drama, heftig akklamierte Premiere war am Donnerstag.

Walter Ludwig als Alfred Ill der Übeltäter, der vor 45 Jahren auf die Liebe der 17-jährigen „Kläri“ pfiff. Hochschwanger flüchtete die spätere Claire aus der Stadt, begleitet von spöttischen Blicken der Mitbürger. Der Ölmagnat Zachanassian las sie im Bordell auf, mittlerweile steuert Claire auf ihre achte Ehe zu. Jetzt fordert sie „Gerechtigkeit“, den Kopf des Ill.

Psychologische Abgründe

Regisseur Andreas Baumgartner macht Tempo, arbeitet die Komödiantik heraus und lässt genüsslich die psychologischen Abgründe wirken. Eindringliche Szenenbilder wie in einer Graphic Novel, die Handlungsorte hinter einer Hausfassade erinnern an die Fenster auf einem Computerbildschirm. Ein Bühnenpreis für Michaela Mandels Bühne! Dem Ill kann man beim seelischen Verfall zuschauen. Alle Güllener kuschen vor dem Mammon, sogar Ills Frau, eine ihm längst entfremdete Nadine Breitfuß.

Tom Pohl als Lehrer kassiert viele Lacher, sein „Humanismus“ zerbröselt, er besäuft sich. Witzig auch Anna Maria Eder, die stoisch-strenge Anwältin Claires. Der Polizeiobere (Stefan Lasko) war von Anfang an auf der Seite von Madame, der aalglatte Bürgermeister (ganz stark: Martin Brunnemann) schwingt slimfitte Reden.

Sven Sorring als virtuos heuchlerischer Pfarrer suhlt sich in Ills Angst vor dem mordlüsternen Mob: Nicht die Menschen, sondern Gott sollst du fürchten! Die pure Freude, Ingrid Höller bei der Arbeit zuzusehen. Als Claire Zachanassian, eine verfallene Jet-Set-Diva mit riesigen Sonnenbrillen, verfolgt sie vom Balkon aus stumm, wie die Mechanismen des ungut Menschlichen greifen.

Sensationell die zweite Waldszene mit Ill, als all die Verzweiflung des 17-jährigen Mädchens aus der kaputten alten Frau quillt. Die Wunde ist noch frisch. Im kalten Neonlicht fällt ein Schuss, Ill sinkt tödlich getroffen zu Boden. Geld ist Gott, manchmal auch Göttin. In den langen Applaus mischte sich Getrampel, das Phönix hat einen Theater-Hit gelandet.

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