Kusej zeigt Albees Ehehölle in Wien

Hinter dem sprichwörtlichen Scherbenhaufen einer Beziehung hat Martin Kusej vor genau fünf Jahren am Münchner Residenztheater Edward Albees Ehehölle-Klassiker “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” inszeniert. Nun hat er das Werk als Teil des Eröffnungsreigens seiner Intendanz am Burgtheater mit nach Wien gebracht. Eine gewisse Altersschwäche war der Premiere am Samstag deutlich anzusehen.

Klar, um zwei Uhr früh ist das Ehepaar Martha und George schon ein wenig müde. Nach einem gescheiterten Kopulationsversuch gilt es auch noch, die beiden jungen Gäste willkommen zu heißen, die in den folgenden Stunden die wohl schrecklichste Nacht ihres bisherigen Lebens ertragen müssen. Gestritten hat man sich in den letzten 20 Ehejahren auch schon genug, in den vergangenen fünf Jahren auch merklich erschöpfend auf der Bühne des Residenztheaters. Und so wälzt sich das erste Drittel des Abends etwas schwerfällig auf dem schmalen Streifen dahin, den Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh dem Quartett als Wohnzimmer überlassen hat. Gespielt wird vor einer weißen Wand, unter der Bühnenkante türmen sich zerbrochene Gläser und Flaschen. Sitzgelegenheiten sind den Akteuren nicht vergönnt, und so gilt es, die zwischenzeitliche Erschöpfung auf dem Boden liegend oder an der Wand lehnend zu übertauchen.

Durchsetzt von zahlreichen Blackouts, die den Handlungsbogen in kleine Häppchen zerteilen, raufen, kotzen und trinken sich die vier Protagonisten durch die Nacht, das Karussell der Gehässigkeiten und des Offenlegens von wohl gehüteten Geheimnissen dreht sich immer schneller, wird von Kusej aber auch durch zahlreiche Striche immer wieder zum Stillstand gebracht. Das hindert die furiose Bibiana Beglau nicht daran, den körperlich bis ins Publikum hinein spürbaren Wahnsinn ihrer Martha immer noch weiter auf die Spitze zu treiben, während Norman Hacker als geschundener Ehemann George mit immer wieder schaumgebremster Schadenfreude versucht, seiner Gattin einen Strich durch die Rechnung zu machen. Bei so geballter Bösartigkeit bleibt dem jungen Ehepaar Nick (Johannes Zirner) und Honey (Nora Buzalka) allzu wenig Raum, dem Geschehen ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Während Zirner etwas verloren zwischen karrieregeilem Jung-Biologen und liebevollem Ehemann pendelt, bleibt Buzalka stets nur die Rolle des Mauerblümchens, das den Wahnsinn um sich herum stets einen Deut zu spät überzuckert.

Während sich Regisseure allerorts große Mühe geben, antiken Klassikern die heutige Relevanz zu entlocken, bleibt der “Klassiker” “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” auch am Burgtheater gnadenlos im Uraufführungsjahr 1962 stecken. Martha ist lediglich die Tochter des College-Präsidenten, die ihr Dasein damit verbringt, ihrem Ehemann – einem mittelmäßigen Historiker und Untergebenen ihres Vaters – sein berufliches Versagen vorzuwerfen. Auch die junge Honey ist bloß hübsch anzusehendes (und mit einem dicken Erbe ausgestattetes) Anhängsel ihres Mannes. Eine Konstellation, die sich in heutigen akademischen Kreisen wohl nur mehr selten wiederfindet, die im Übrigen mehrheitlich sicherlich mehr mit dem herrschenden Prekariat zu kämpfen haben als dem Einheiraten in sichere Häfen. Sucht euch halt einen Job!, möchte man den Frauen zurufen. Schaut hinter die Fassade des Kinderwunschs eurer Frauen!, den Männern.

Ab der Mitte des Abends gewinnt die Inszenierung schließlich an Fahrt, kommen kleine Gesten – etwa wenn George der halbnackten Martha, die zerstört am Boden liegt, sein Sakko überwirft – deutlich besser zur Geltung und erreicht das Geschehen einen Grad von Abstraktion, der über den konkreten Scherbenhaufen hinausweist. Kräftiger Applaus für die sich verausgabenden Schauspieler und einen zufrieden wirkenden Regisseur Martin Kusej beendeten einen Abend, vor dem man sich nicht fürchten muss.

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