Lachen über das Finanzamt: „Der Fiskus“ von Felicia Zeller

Auf der Bühne des Kasinos am Schwarzenbergplatz empfangen Bauplanen, Gerüste und dicke Staubschichten die Besucher. Wird auch die Nebenspielstätte des Burgtheaters umgebaut? Nein, das Stück „Der Fiskus“ von Felicia Zeller, das am Samstag hier zur Österreichischen Erstaufführung gelangte, spielt in einem baufälligen Finanzamt, in dem immer wieder der Strom ausfällt und das „Faust & Auge-IT-Service“ Wartungsarbeiten schmählich vernachlässigt. Ein sehr vergnüglicher Abend.

Meist ist uns ja eher nicht zum Lachen zumute, wenn wir mit dem Finanzamt zu tun haben. Und auch in der 2020 in Braunschweig uraufgeführten Komödie der deutschen Autorin erfahren wir Dinge, die uns grundsätzlich nicht überraschen. Intrigen und Machtkämpfe bestimmen den Büroalltag, die Steuerprüfer nehmen ihr Insiderwissen um bestehende Schlupflöcher des Steuerrechts ungeniert für sich selbst in Anspruch, und die Grundregel des erfahrenen Staatsbürgers gilt auch hier: Die Kleinen hängt man, und die Großen lässt man laufen. Doch erstens hat Felicia Zeller unterhaltsame, lebensnahe, immer wieder abgehackte Dialoge geschrieben, zweitens wird in der schwungvollen, an Skurrilitäten reichen Inszenierung von Anita Vulesica mit Verve gespielt, und drittens gibt es verdienstvolle, hartnäckige Sachbearbeiterinnen wie Bea Mtinnen.

Bea, der von Sabine Haupt die tragische Größe einer Märtyrerin verliehen wird, deren Opferbereitschaft im Dienste der Steuergerechtigkeit nicht zur Heiligsprechung, sondern buchstäblich ins Abstellkammerl führt, wird zwar bei der anstehenden Beförderung übergangen, ignoriert aber die Dienstanweisung der neuen Vorgesetzten Nele (Dorothee Hartinger als Karrieristin auf Partnersuche), die großen, heiklen Fälle einfach durchzuwinken, um in der Statistik der erledigten Akten nicht ins Hintertreffen zu geraten. Sie kommt einem Steuerbetrug in Millionenhöhe auf die Spur, bei dem es um Rückzahlungen von Kapitalertragssteuer geht, die in Wahrheit nie gezahlt wurde. Und auch Betriebsprüferin Angie Außen (Stefanie Dvorak) ist vom Geist der Unbestechlichkeit beseelt: Kein unrechtmäßig deklariertes Arbeitszimmer ist vor ihrer Enttarnung sicher. Die verheirateten Kollegen mit den sprechenden Namen Elfi Nanzen und Reiner Lös (Deleila Piasko und Bardo Böhlefeld) haben den eigenen Schuppen dagegen lieber als „Studio/Werkstatt/Atelier“ deklariert, schließlich ist Reiner Nebenerwerbs-Singer-Songwriter und auch sonst recht kreativ.

Der rund 110-minütige Abend wirkt wie eine Mischung aus der ORF-Beamtensatire-Serie „MA2412“ und einer Inszenierung von Christoph Marthaler. Henrike Engel setzt in ihrer Ausstattung auf halb vergessene Büroausstattung der frühen 80er (Faxgeräte, Geräusche der ersten Internet-Modems und Nadeldrucker!) und einen stets stecken bleibenden Lift. Kostümbildnerin Janina Brinkmann punktet mit poppigen Kleidern und lockigen Perücken. Regisseurin Anita Vulesica hat eine Menge absurde Rituale ersonnen, die diese Bürogemeinschaft als Sekte erscheinen lassen. Angebetet wird ein heiliger Schrein, dessen Credo gelegentlich aufblinkt: „If you really love God, show him with your money“.

Von diesem Abend, den man sich schärfer und böser, kaum aber lustiger vorstellen könnte, merkt man sich jedoch einen anderen Spruch: „Das ist nicht überkomplex. Kann aber dazu gemacht werden.“ Eine Verschleierungstaktik, die man nicht nur von Steuererklärungen, sondern auch von Politikerinterviews und Untersuchungsausschüssen kennt. – Herzlicher, langer Applaus für eine Premiere, bei der man erfahren konnte, wie es ist, sich nicht ins Fäustchen, sondern in die Maske zu lachen.

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(S E R V I C E – „Der Fiskus“ von Felicia Zeller, Österreichische Erstaufführung im Kasino des Burgtheaters, Regie: Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Andreas Radovan, Choreografie: Mirjam Klebel, Mit Sabine Haupt, Dorothee Hartinger, Deleila Piasko, Bardo Böhlefeld und Stefanie Dvorak, Nächste Vorstellungen: 23., 24., 26., 27.5., Kreditkartenhotline: 01 / 514 44 4545, )

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