Keine weiteren Affenpocken-Verdachtsfälle in Österreich

Nachdem in Wien ein bestätigter Fall einer Infektion mit dem Affenpocken-Virus aufgetreten ist, haben die österreichischen Gesundheitsbehörden zunächst keine weiteren Verdachtsfälle identifiziert. Das teilte das Gesundheitsministerium am Montag auf Anfrage der APA mit. Die Wiener Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien hat unterdessen im ORF-Ö1-„Morgenjournal“ auf die verhältnismäßig schwere Übertragbarkeit der Affenpocken von Mensch zu Mensch hingewiesen.

Die Vorbereitungen auf allfällige weitere Fälle laufen unterdessen auf Hochtouren. Die „Fachdokumente für das Kontaktpersonenmanagement“ sollen spätestens am Dienstagvormittag den zuständigen Gesundheitsbehörden in den Ländern zur Verfügung gestellt werden. Dann sollen sie auch auf der Homepage des Gesundheitsministeriums veröffentlicht werden. Ähnliches gab bzw. gibt es auch für die Corona-Pandemie. Laut Gesundheitsministerium soll ebenfalls bis spätestens Dienstagvormittag die Meldepflicht für die Affenpocken umgesetzt sein.

Man stehe in enger Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden der WHO und der ECDC, es werde an möglichst einheitlichen Vorgaben auf europäischer Ebene weiterhin gearbeitet. In Abstimmung mit den europäischen Behörden werde auch geprüft, ob und welcher Impfstoff allenfalls für den Einsatz in Österreich in Frage käme. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass der Pockenimpfstoff auch bei Affenpocken zu 85 Prozent vor einer Infektion schützt. Allerdings wird dem Ressort zufolge noch abgeklärt, ob dies tatsächlich so ist. „Man ist in Österreich gut auf die aktuellen Gegebenheiten rund um die Affenpocken vorbereitet“, betonte das Ministerium. Es bestehe in Österreich auch weiterhin kein Grund zur Besorgnis, europaweit handle es sich „bei den bestätigten Fällen um Einzelfälle“.

Ähnlich sah das Redlberger-Fritz: „Angesichts der Affenpocken würde ich mir im Moment wirklich keine allzu großen Sorgen machen, denn die Affenpocken sind nicht so leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und dementsprechend werden wir nicht so eine Pandemie oder Epidemie sehen, wie wir sie von anderen Viruserkrankungen kennen“, sagte sie im „Morgenjournal“. Den Ausbruch bezeichnete sie als „ungewöhnlich“, weil die Affenpocken eine Zoonose seien und „normalerweise in Nagern oder Mäusen oder kleinen Hörnchenarten eben heimisch und beheimatet“ seien und dann „nur durch engen Kontakt eben auf den Menschen übertragen“ würden. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen „kommen eigentlich sehr selten vor und das ist schon eine ungewöhnliche Häufung“.

Der Virologin zufolge sind die Affenpocken in der Regel „eine leichte, selbst limitierende Erkrankung“. Selten gebe es schwere Fälle, die auch zum Tod führen können. Diese seien aber häufig bei Patienten berichtet worden, „die prinzipiell ein sehr schlechtes Immunsystem hatten, also immunsupprimiert per se waren“. Warum die Affenpocken, die normalerweise vor allem in Westafrika auftreten, nun verstärkt in Europa auftreten, sei eine Frage des Contact Tracing. Die Virologin bestätigte im übrigen, dass Pocken-Geimpfte – bis 1981 eine Pflicht-Impfung – auch gegen die Affenpocken einen sehr guten Schutz haben.

Laut Mario Dujakovic, Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ), sind im Umfeld des Affenpocken-infizierten Patienten bisher keine weiteren Verdachtsfälle aufgetreten. Die – einstellige – Anzahl enger Kontakte kontaktiere man derzeit. Das Contact Tracing läuft den Angaben zufolge derzeit aber auf Empfehlungsbasis: Die Betroffenen sollen auf allfällige Symptone bei sich – insbesondere auf die auffälligen Hautpusteln achten und im Bedarfsfall die Gesundheitshotline 1450 kontaktieren. Dujakovic verwies darauf, dass es sich derzeit – noch – nicht um eine meldepflichtige Krankheit und auch nicht von vornherein um eine spitalspflichtige Krankheit handelt. Kontaktpersonen wird derzeit jedenfalls nicht empfohlen, sich in Quarantäne zu begeben.

Dem Affenpocken-Patienten in Wien geht es nach Angaben des Gesundheitsverbundes den „Umständen entsprechend gut“. Er erhalte derzeit symptomatische Therapie, „zum Beispiel Schmerzmittel gegen die schmerzhaft geschwollenen Lymphknoten“. Wie lange er in der Klinik bleiben muss, sei noch nicht absehbar, weil eine Isolation sei „nötig, bis die Hautläsionen verkrustet sind.“ Dies könne länger, bis zu drei Wochen, dauern.

Die Wiener Gesundheitsbehörden empfehlen eine sogenannte Abschirmungsimpfung Personen, „die einen sehr engen Kontakt mit nachweislich Infizierten hatten“. Die Impfung erfolgt in solchen Fällen mit dem Pocken-Impfstoff, da es ein eigenes Vakzin gegen die Affenpocken nicht gibt.

Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC gab am Montag bekannt, dass zwischen 15. und 23. Mai 67 Fälle in neun EU-Mitgliedsstaaten bekanntgeworden sind. Der Fall in Österreich war da bereits dabei. Dabei wurde empfohlen, dass die Staaten Augenmerk auf die schnelle Identifikation des Virus, auf das Management, auf das Contact Tracing und die Registrierung neuer Fälle legen sollen. Die Contact Tracing-Mechanismen sollten upgedatet werden, die Diagnose-Kapazitäten für Orthopoxviren (Säugerpocken, Anm.) ausgebaut und die Verfügbarkeit von Pocken-Impfstoff, Medikamenten und Schutzausrüstung für das Gesundheitspersonal geprüft werden. „Die Möglichkeit einer Weiterverbreitung des Virus durch engen Kontakt, beispielsweise durch sexuelle Aktivitäten unter Personen mit mehreren Sexualpartnern, ist als hoch anzusehen“, warnte ECDC-Direktorin Andrea Ammon.

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen nach eigenen Angaben laut Berichten der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters keine Hinweise vor, dass der Erreger der Affenpocken mutiert ist. Die Leiterin des für Pocken zuständigen Sekretariats bei der UNO-Organisation, Rosamund Lewis, sagte am Montag, dieses Virus neige weniger zu Mutationen. Ihre Kollegin Maria van Kerkhove erklärte, die bekannten Fälle in Europa und Nordamerika wiesen keine schweren Verläufe auf. „Das ist eine beherrschbare Situation.“ Bei der Verbreitung des Virus sahen die WHO-Experten allerdings noch offene Fragen. Gleichzeitig wandte sich die WHO gegen eine Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen. „Das ist keine Krankheit von Schwulen“, sagte WHO-Experte Andy Seale. Sexueller Kontakt sei eine Übertragungsmöglichkeit, aber es reiche auch Hautkontakt.

Derzeit sieht die WHO auch keine Notwendigkeit für Massenimpfungen gegen Affenpocken. Maßnahmen wie Hygiene und präventives Sexualverhalten würden helfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, sagte Richard Pebody, Leiter des Teams für Krankheitserreger bei der WHO Europa, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Die wichtigsten Maßnahmen zur Bekämpfung des Ausbruchs seien die Rückverfolgung von Kontakten und die Isolierung von Infizierten. Die Impfstoffbestände seien relativ begrenzt.

Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA empfahl unterdessen laut dpa für enge Kontaktpersonen von Affenpocken-Infizierten eine dreiwöchige Quarantäne. Als hochwahrscheinlich infiziert gelte, wer entweder im selben Haushalt mit einer erkrankten Person lebe, mit einer solchen Geschlechtsverkehr gehabt oder deren Bettwäsche ohne Schutzkleidung gewechselt habe, hieß es in einer Mitteilung am Montag. Diese Gruppe soll demnach neben der Empfehlung zur Quarantäne auch eine schützende Pockenimpfung erhalten. Vermieden werden solle insbesondere der Kontakt mit Schwangeren, Kindern unter zwölf Jahren sowie Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, hieß es weiter.

Unterdessen werden laut dpa nach dem Auftreten erster Fälle von Affenpocken in Deutschland nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Eindämmungsmaßnahmen vorbereitet. Für Deutschland würden aktuell Empfehlungen zu Isolation und Quarantäne erarbeitet, sagte der Minister am Montag am Rande der Weltgesundheitsversammlung in Genf. Er gehe davon aus, dass sie bereits an diesem Dienstag vorgelegt werden könnten. Zudem werde über Impfempfehlungen für besonders gefährdete Personen nachgedacht.

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