„Lauschige Nacht“ für alle: Ziehrers „Die Landstreicher“ im Schloss Zell

Pramtaler Sommeroperette überzeugt heuer mit Ensemble und Orchester

Agnes Palmisano und Harald Wurmsdobler (Intendant) in den Titelrollen der beiden Landstreicher.
Agnes Palmisano und Harald Wurmsdobler (Intendant) in den Titelrollen der beiden Landstreicher. © Pramtaler Sommeroperette

Von Ingo Rickl

Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922), letzter Hofballmusikdirektor der habsburgischen Monarchie, lebt trotz eines umfangreichen Oeuvres leider nur mit einem Werk weiter: Den „Landstreichern“, die 1899 im Sommertheater „Venedig in Wien“ das Licht der Welt erblickten. Nun, 120 Jahre später, hat Intendant Harald Wurmsdobler die musikalische Komödie als siebente Produktion der Pramtaler Sommeroperette mit Hilfe der in Wien beheimateten Ziehrer-Stiftung ins idyllische Zell an der Pram geholt, wo die Verwechslungsgeschichte mit Hilfe des Bearbeiters Bernhard Maxara nun in Bayern spielt. Die Bearbeitung lässt nicht nur einen erweiterten Melodienreichtum aus der Feder Ziehrers zu, sondern verändert den Szenenablauf mehrmals.

„Lauschige Nacht“-Arie wurde ans Ende verlegt

Die bedeutendste Neuheit ist die Verlegung der schmalzigen Tenor-Arie „Sei gepriesen, du lauschige Nacht“ an das Ende der verwirrend-komischen Handlung. Aus einem manchmal zu Kitsch tendierenden Ziehrer-Schlager wird, sobald das gesamte Ensemble musikalisch in das Tenorlied einsteigt, ein echter „Rausschmeißer“, der noch lange im Ohr bleibt.

Die Geschichte hat auch mit Eröffnungsredner LH a. D. Josef Pühringer zu tun, der den genannten Schlager anfangs in sein Lob des Tages einbaute. Erstmals musste übrigens – wegen einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit von Regengüssen, die dann doch nicht eintraten – eine Premiere in Zell in den Mehrzwecksaal des Schlosses verlegt werden. Auch sonst zeigten sich Ausstatterin Daphne Katzinger und Regisseurin Manuela Kloibmüller der Operette gewachsen, was allerdings mit dieser rundum rollendeckenden Besetzung kein Wunder ist. Die Handlung ist verwirrend genug: Es geht um ein Landstreicher-Ehepaar, um scheinbare Diebstähle, um Liebesabenteuer verschiedener Gesellschaftsschichten sowie um falschen und echten Adel.

Das Orchester sINNfonietta unter Gerald Karl scheint für dieses Werk gegründet worden zu sein. Die Vielseitigkeit der Melodien wird durchgezogen, der Kontakt zu den Sänger-Darstellern könnte im (heißen) „überakustischen“ Saal nicht besser sein.

Landstreicher-Ehepaar komödiantisch verkörpert

Das Landstreicher-Ehepaar Fliederbusch wird vom Intendanten selbst und von der mit vielseitig eingesetztem Koloratursopran bis hin zum legendären „Wiener Dudler“ auftrumpfenden Agnes Palmisano komödiantisch verkörpert. Da muss sich Operetten-Diva Eva-Maria Kumpfmüller als vielbegehrte Mimi mit teils skurriler Mimik und gleichzeitig strahlendem Sopran persönlichkeitsstark wehren. Die Liebhaber an ihrer Seite: Erich J. Langwiesner als zwischendurch zu „Herrn Meier“ mutierender Fürst Adolar, die mit dem Hit „Das ist der Zauber der Montur“ aufwartenden Leutnants Michael Zallinger als Mucki von Muggenheim und Philipp Gaiser als Rudi von Rodenheim sowie der mit weinenden Rufen nach Mimi durch die Gegend ziehende Michael Kaltseis als Verlobter Lajos. Als Wirt Gratwohl ist Karl Glaser ein begnadeter Wienerlied-Sänger, Wirtstochter Anna – verkörpert durch Christine Ornetsmüller – erkämpft sich den Gerichtsassessor Roland, gespielt vom Tenor George Kounoupias. Entgegen dem Libretto von Leopold Krenn und Karl Lindau streut schließlich Gerichtsdiener Kampel alias Martin Dreiling melancholische Psychologie ein, weshalb offensichtlich aus Vorsicht Rupert Ramsauer den Diener des Fürsten mit Rollator absolviert.

Im August spielt man bei der Sommeroperette Heldritt im Coburger Land.

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