Lauwarmes Lüfterl nach Stillstand

Wiedereröffnung des Landestheaters mit Nestroys „Häuptling Abendwind“

Lieferte eine beachtliche schauspielerische Leistung in einer leider schwachen Inszenierung: Christian Higer
Lieferte eine beachtliche schauspielerische Leistung in einer leider schwachen Inszenierung: Christian Higer © Brunnader

Nestroys „Häuptling Abendwind“ (Uraufführung 1862), Biedermeier-Trash, der vor Chauvinismus und Frauenfeindlichkeit nur so strotzt, seinerzeit wie heute steigen Theatermachern die Grausbirn auf ob seiner politischen Unkorrektheit. Als leutselig, selbstmitleidig und sadistisch blattelt Nestroy rechte Herrschertypen auf.

Unzivilisierte Völker fressen degenerierte Europäer. Potenzial also, um es zur freudig erwarteten Wiedereröffnung des Landestheaters richtig krachen zu lassen. Leider verpasst. Die angekündigte Operette mit Musik geht als Einpersonen-Stück über die Bühne. Im Zuschauerraum eine gespenstische Corona-Besetzung, an die 100 Menschen, die erst im Sitzen ihre Masken abnehmen dürfen.

Vorhang auf, der große Chor stimmt an: „Wir sind wieder da.“ (Musik: Udo Jürgens, Text: hausgemacht). Die Botschaft stimmt leider nicht, der Chor verschwindet und kommt nicht wieder. Vor den Vorhang tritt Schauspielchef Stephan Suschke und verkündet gerührt das Ende der kommunikations- und dialoglosen Zeit.

Kannibalisches Solo von und mit Christian Higer

Endlich Bühne frei für das kannibalische Solo von und mit Christian Higer. Im Hier und Jetzt spöttelt er kurz über Corona, liest dann Titel und Personen des Kommenden vor. Sein Text liegt auf dem Pult. Das schwarze Nichts der Bühne ist das Südseeterritorium der Kannibalenvölker Papatutu und Gross-Lulu. Attala, die Tochter von Häuptling Abendwind, verliebt sich ausgerechnet in den Leckerbissen, den ihr Vater dem Häuptlingskollegen Biberhahn zum Abendessen servieren will. Gegenseitig verdächtigen sich die Stammesfürsten, die Gattin des jeweils anderen verspeist zu haben, was aber nicht weiter schlimm ist. Erst als herauskommt, dass es der Sohn von Biberhahn war, der als Festmahl serviert wurde, meint der Gastgeber zwar „Jaja, man kann nie wissen, was aus den Kindern wird“, der Häuptlingsvater muss aber, wenn auch widerwillig, das Publikum um Kriegsgeschrei ersuchen. Happyend nach Klärung des Irrtums.

Auf dem Speiseplan: Altbackene Prototypen

Christian Higer serviert altbackene Prototypen. Papa Abendwind stammt von Hans Moser, das süße Mädel entlehnt bei Frau Knackal, der junge Mann kommt aus der Wiener Bobo-Szene und Häuptling Biberhahn macht sich „hörbigerisch“ wichtig. Gestik, Mimik oder Körperhaltung gehen sich hinter dem Lesepult kaum aus, einzig das Mädel erhält ein durchgängig körperliches Klischee. Die Häuptlingsrollen verschwimmen gelegentlich, macht aber nichts angesichts ihrer politischen Gleichartigkeit. Auf der Bühne ein Korb voll Requisiten. Vergeblich der Versuch, zumindest eine Perücke ins Spiel zu bringen. Für die Würste das unmotivierte Wurstsemmelessen. Statt aufgelegtem Bezug zur Menschenfresserei ein Rückfall in Corona-Schmäh.

Darstellerische Leistung, halbherzige Inszenierung

Erst in den letzten Minuten entsteht ein wenig Sog, die Vielschichtigkeit des Palavers zieht als „Labyrinth ohne Boden“ in Bann. „Ende“, liest der Schauspieler. Ende einer beachtlichen schauspielerischen Performance in einer halbherzigen Inszenierung, bei der auch akustisch einiges auf der Strecke bleibt, als einzige Überraschung bleiben unerwartete Fanfarenklänge aus dem Publikum. Der Applaus galt mehr der Freude, dass es wieder Theater gibt denn für die Vorstellung.

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