Leander Haußmann über die „Stasikomödie“: Eine paradoxe Welt

Mit seiner „Stasikomödie“ zeigt Leander Haußmann (62) die Lächerlichkeiten des Spitzel- und Überwachungssystems der DDR. In Deutschland wurde der Film kontroversiell besprochen. Hierzulande läuft der Film mit David Kross, Jörg Schüttauf und Henry Hübchen in dieser Woche an. Mit der APA sprach der Deutsche, der schon mehrmals in Österreich inszeniert hat, über seine DDR-Erfahrungen, die Kunst der Komödie, den Ukraine-Krieg und seine Molière-Inszenierung am Volkstheater.

APA: Herr Haußmann, zu Beginn Ihrer „Stasikomödie“ besorgt sich Ihr Protagonist Ludger Fuchs seine Stasi-Akte. Haben auch Sie sich Ihre Stasi-Akte besorgt?

Leander Haußmann: Wer will schon im Visier eines Nachrichtendienstes sein? Ich will auch heute nicht im Visier der NSA oder des Bundesnachrichtendienstes sein. Damals war es nicht so toll, eine Akte zu haben, heute bedeutet es in gewissen Kreisen eine gesellschaftliche Akzeptanz, wenn man eine Stasi-Akte hatte. Ich war damals unter den „Neg-Deks“, den „negativ Dekadenten“ in der Boheme, und dadurch natürlich in der Beobachtung der Stasi. Natürlich habe ich eine Stasi-Akte, die sich teilweise auch sehr lustig liest. Da sind Einschätzungen meines Charakters, meiner Persönlichkeit, teilweise auch meines Talents drinnen. Mein Können kommt nicht so gut weg – ähnlich wie heute in der „FAZ“. Aber was haben wir gelacht in diesem Land! Wir haben uns damals in einer paradoxen Welt wiedergefunden, aber wir konnten uns Freiräume und Welten bauen, die überhaupt nichts mit dem System zu tun hatten. Wir sollten heute ein bisschen vom hohen Ross runterkommen beim Blick auf die Vergangenheit. Mit diesem „Gut und Böse“ kommen wir nicht weiter.

APA: Lachen ist für das Genre Komödie unabdingbar. Aber haben Sie nicht auch Angst, dass das etwa bei den echten Stasi-Opfern auch als Verharmlosung rüberkommen könnte?

Haußmann: Diese Frage ist so alt wie Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“. Ihm war der Aspekt der Unterhaltung und der Pointe wichtiger als jede politische Aussage. Ich bin ja nicht im Agitations- und Propagandaministerium der Bundesrepublik tätig. Der Schriftsteller und Dissident Lutz Rathenow hat gesagt: Die DDR gibt es 17 Millionen Mal. Jeder der dort gelebt hat, hat eine andere Erinnerung. Ich habe dort 30 Jahre gelebt, jetzt lebe ich 32 Jahre im Westen, ich kann das also ganz gut vergleichen. Im Verhältnis zu den Nazis war die DDR eine moderate Diktatur, in der Olympiade der Diktaturen würde sie wohl nicht mal Bronze bekommen. Ich sage das nicht, um etwas zu verharmlosen, aber wir ändern die Dinge nicht, wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, dass der Überlebenswillen des Menschen auf Hierarchien und auf Angst gebaut ist. Das gilt auch heute noch – und auch in unserem Beruf. Natürlich überlege ich mir, ob ich etwas Bestimmtes sage oder nicht, denn ich will ja auch weiterarbeiten können. Eine Komödie hat bestimmte Mechanismen und Techniken und einen Auftrag: die Leute zu unterhalten. Sie hat keinen anderen Auftrag. Sie schert sich nicht darum, was andere davon halten.

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APA: Sogar die heute 35-Jährigen haben keine persönliche Erfahrung mit der DDR oder mit dem Ost-West-Konflikt, der jetzt plötzlich wieder akut wird. Spüren Sie da keine größere Verantwortung, wenn Sie diesen Menschen ein Bild einer Zeit entwerfen, das sie vielleicht gar nicht einordnen können?

Haußmann: Wenn ich mir einen Western angucke, dann weiß ich doch, dass dort ein Genozid stattgefunden hat an den Ureinwohnern Amerikas, wenn ich mir die Drei Musketiere angucke, weiß ich doch, dass in der Zeit die Menschen gehungert haben – aber ich opfere das alles dem Unterhaltungswert. Es gibt ja Filme, die das alles erzählen, die kann man sich ja angucken, wenn man das Bedürfnis hat. Es kann nur nicht so sein, dass die Regisseure, die es nicht miterlebt haben, die Deutungshoheit gewinnen. 97 Prozent der Stasi-Tätigkeit war banaler Alltag und Bürokratie, dass so eine Gurkentruppe in die Szene rein sollte, war ja wirklich zum Lachen. Als dann nach der Wende die großen Outings kamen, waren das solche wie Ludger. Ich habe mich immer gefragt: Wie groß muss der Leidensdruck dieser Menschen gewesen sein? 90.000 Menschen haben beim Nachrichtendienst gearbeitet. Man muss endlich anfangen, sich auf einzelne Schicksale zu konzentrieren und nicht immer alles in Schwarz und Weiß zu sehen. Russen: böse, Ukraine: gut, Putin: böse, Selenskyj: gut. So kommen wir nicht weiter. So ändern wir die Welt nicht. Wir ändern uns selbst nicht, wenn wir das Böse in uns selbst nicht sehen. Die DDR war ein einzigartiges soziales Experiment, ich benutze sie als Metapher für menschliches Verhalten. Nur so kommt man mit einer Komödie weiter. Wir können ja nur dann lachen, wenn wir uns mit den Figuren identifizieren.

APA: Zu Russland und der Ukraine: Deutschland diskutiert gerade, ob man der Ukraine schwere Waffen liefern soll oder nicht. Wie ist da Ihre Position?

Haußmann: Ich halte mich im Grunde aus dieser Debatte raus. Ich bin erstaunt bei vielen meiner Kollegen, dass da lauter kleine Scharnhorste und Clausewitze entstehen, der ESC ist plötzlich die Weiterführung des Krieges mit anderen Mitteln. Jeder weiß genau, wie die Dinge laufen. Ich bin nur ein kleiner Komödienregisseur, ich versuche mir ein Bild zu machen, aber das ist in Zeiten der Kriegsrhetorik sehr schwer. Ich versuche zu helfen, wo ich helfen kann. Wenn jemand angegriffen wird, muss er die Möglichkeit haben, sich zu verteidigen. Daher bin ich für die Lieferung von noch schwereren Waffen, von guten Abwehrsystemen. Aber ich habe, wie gesagt, eigentlich keine Ahnung. Obwohl ich bei der Armee war. Als Panzerfaustschütze. Ich weiß also, dass man nicht hinter der Panzerfaust stehen sollte, wenn man die abschießt. Das ist einer der häufigsten Unfälle unter Panzerfaustschützen. Aber eine Frage habe ich mir gestellt: Sollte man jetzt Rüstungsaktien kaufen? Das war doch immer verpönt? Ist das noch immer verpönt, jetzt wo wir der Ukraine helfen?

APA: Und wie lautet Ihre Antwort?

Haußmann: Ja. Sollte man kaufen, angesichts der niedrigen Zinsen und der hohen Inflation, die einem das Geld wegfrisst. Aber ich muss mir keine Sorgen um mein Geld machen. Ich habe keines.

APA: Lassen Sie uns vom Krieg zurück zur Komödie kommen. Volkstheater-Direktor Kay Voges, bei dem Sie in der kommenden Saison Molières „Der eingebildete Kranke“ inszenieren werden, hat Sie „DEN Komödienexperten im deutschen Sprachraum“ genannt. Wieso dieses Stück?

Haußmann: Erstens habe ich das schon mal gemacht und es war kein Erfolg. Das hängt mir ein bisschen nach, ich muss da also noch was gutmachen. Ich habe den „Geizigen“ mit Jens Harzer am Thalia Theater gemacht und hatte so wahnsinnigen Spaß an dieser Molière-Technik, die eine Blaupause ist für alles, was wir heute machen. Man fängt mit einer Katastrophe an und dann steigert man sich… Herausfinden, wie es ist, wenn man sich genau an die Struktur des alten Meisters hält, das kann man nur am Theater. Im Film ist dafür der Stress einfach zu groß. Und es interessiert mich, wie es ist, wenn der eingebildete Kranke von einer Frau gespielt ist und die Töchter Männer sind. Alles umdrehen – auch das darf ich nur am Theater machen. Wie ist es, wenn sich eine Figur krank stellt, weil sie mit der Welt nicht mehr klar kommt? Sie erklärt sich zum Pflegefall – wie die Welt im Grunde ein Pflegefall ist. Man hat jetzt das Schwarze Loch akustisch vermessen. Man kann es hören. Es klingt wie der ungesunde Darm eines Menschen. Es klingt wie der Höllenschlund. Ich denke, dieses Schwarze Loch wird die Ausgangsbasis für „Die eingebildete Kranke“ sein.

APA: Lassen Sie uns als Epilog kurz ins Jahr 2019 zurückblicken, zu Ihrer bisher letzten Regiearbeit in Wien. Im Akademietheater sind Sie damals bei den „Stühlen“ für den schwer erkrankten Claus Peymann eingesprungen. Das war doch ziemlich spooky, oder?

Haußmann: Peymann war tot. Er starb, so kann man das sagen. Früher wäre er gestorben. Heute nicht. Heute ist er wieder da und schreit wieder Leute an. Er ist wieder gesund, so gesund, dass er wieder sein Sommerfest geben kann, zu dem ich auch eingeladen bin. Er hat diese Inszenierung nie gesehen. Schade eigentlich.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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