Leben bis zum Umfallen

Premiere: „Binge Living“ von Stefanie Sargnagel am Landestheater

Corinna Mühle und Katharina Knap
Corinna Mühle und Katharina Knap © Petra Moser

„Eigentlich wollte ich mit 16 nur auf ein Bier gehen, auf einmal war ich 27, wenigstens noch nicht dreißig.“ Spätestens mit 30 wollte Stefanie Sargnagel nämlich als Mitglied der feministischen Burschenschaft Hysteria, Königin von Österreich werden.

Zur Literaturprinzessin erhöhte man die mittlerweile 32-Jährige tatsächlich 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis. Kaffeehausliteratur ins Underground-Beisl verlegt. Da wie dort geht es um das Lächerliche in und um uns, das poetische Philosophen mit liebevoller Verachtung streicheln.

Sargnagel kratzt mit „Waschechten Fingernägeln und ernstzunehmenden Depressionen“ an der Gesellschaft, so poetisch, so goschert und angefressen, dass ihre Anarchie-Ästhetik des Punk auch ältere Semester beglückt.

Seit Samstag steht ihr Erstlingswerk aus 2013 „Binge Living“ abendfüllend auf der Studiobühne des Landestheaters. Regisseurin Fanny Brunner inszeniert eine zweistündige tragikomische Bühnencollage von zusammenhanglos auf die Bühne gestellten Callcenter- und FB-Meldungen, Auf der Bühne (Daniel Angermayr) hockt eine überlebensgroße Plastik-Venus-von-Willendorf. Eine Reihe überdimensionierter brauner Schokohasen metaphern vor sich hin.

„Wir sind alle sehr talentiert und arrogant auf interessante Art.“ „Hehehe“ lachen sie als Percussion zu Schlagzeug und zwei E-Gitarren. Der Soundtrack besteht aus Liedern, die mit dem Musiker Alex Konrad entstanden. Die irrwitzige Text-Mischung besetzen vier PrototypInnen.

Helmut Häussler am Schlagzeug ist Stefanie Sargnagel, mit schwarzem Kleidchen und roter Mütze. Angela Waidmann, nicht nur tolle Sängerin und Gitarristin, macht Appetit auf fettes Essen und Sex. Als Teufelsverschnitt sieht Katharina Knap Beziehungskram, schräge Vögel, Trotteln, verkrachte Existenzen mit verschmitzt lässiger Wurschtigkeit.

Die schöne, verklemmte Blondine Corinna Mühle spielt eine schüchterne Romantikerin, die mit Pornogetue und Alkohol ihre Sehnsucht nach einer einfachen Beziehung überspielt.

Ein Stück voller Pointen über Ängste, Druck, Sex und Überforderung, ohne Ziel und Handlung. Es endet irgendwie — wie das Leben. Heftiger Applaus.

Von Eva Hammer

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