Leben scheint durchs Fenster

Franz Schuhs essayistische Sammlung „Lachen und sterben“

Verehrer des „größten deutschen Komikers“ Karl Valentin, Kritiker einer „Konfliktstrategie von oben“: Franz Schuh
Verehrer des „größten deutschen Komikers“ Karl Valentin, Kritiker einer „Konfliktstrategie von oben“: Franz Schuh © APA/Neubauer

Hierzulande ist Wahrheit dem Menschen nicht zumutbar. Franz Schuh in seinen Betrachtungen zu Karl Kraus: „Die Tradition der Polemik, die im zwanzigsten und im 21. Jahrhundert mit den Namen Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek verbunden ist, erkläre ich mir daraus, dass in einem Klima der Wahrheitsunfreundlichkeit der Versuch, den verbreiteten Lügen nicht nachzugeben, nur polemisch, also kriegerisch ausfallen kann.“

Auf Bernhard kommt Schuh wenige Seiten später wieder zu sprechen, in einer Hommage an Heinz Conrads. Dieser litt wie Bernhard die längere Zeit seines Lebens an körperlicher Atemnot (Conrads nach der Tischlerlehre, Bernhard nach der Lehre beim Gemischtwarenhändler Podlaha). Schuh ist zu klug, allzu lange bei der naheliegenden Komplementarität zu verweilen. Hie „absolute Versöhnlichkeit mit allen Dingen“, da „Verkörperung der absoluten öffentlichen Unversöhnlichkeit“.

Schuh zieht Gedankenkreise und -spiralen, landet beiläufig beim Verschwinden der Heimeligkeit, wie sie noch Conrads vermittelt hatte. Ein politischer Paradigmenwechsel, der – zufällig – mit Conrads´ Todesjahr 1986 einsetzte: „Die Zeiten sind andere geworden, die Sozialpartnerschaft, dieser verankerte Inbegriff des Versöhnlichen, ist einer Konfliktstrategie von oben gewichen.“

Franz Schuh bloß einen „Essayisten“ zu nennen, wenn auch gegenwärtig den bedeutendsten dieses Landes, griffe zu kurz. Der Philosoph und Literat, beheimatet in Humanismus und Wiener Moderne ebenso wie in „Schwarzwaldklinik“ und „Simpsons“, erfreut die Leser mit der frischen Sammlung „Lachen und sterben“. Eine „Hommage an das Jahr 2020“, dem ersten Corona-Jahr in Österreich. Der mehrfach ausgezeichnete Autor (Jean-Améry-Preis 2000, heuer Merck-Preis), Jahrgang 1947, ist altersbedingt Teil der „Risikogruppe“, wie er einleitend konstatiert. Das Morbide, klischeehaft und real, ist dem Wiener nicht auszutreiben. Im Gedicht „Erledigt“ lästert Schuh über bürokratische Zettelwirtschaft (deren Digitalisierung ignoriert er nobel): „Wenigstens/das Leben erledigt sich von selbst./Sonnig sieht es manchmal/beim Fenster herein.“

Komik und Langeweile

Franz Schuh auf den Spuren dessen, was ein Witz ist. Der tragische schlichte Neid des „größten deutschen Komikers“ Karl Valentin auf Heinz Rühmann, Walter Benjamins Feststellung, dass Komik sich auf „Fahlheit der eingebürgerten Stimmung, auf eine massenhafte Langeweile“ beziehe. Der mainstreamtaugliche kalte Humor eines Harald Schmidt in den 1990ern: „Schmidt war nun einer, der seine Zeit, nämlich die Hochzeit des entsolidarisierenden Neoliberalismus, auf der Bühne und fürs Fernsehen verkörperte.“ Rechter Humor, der nur „gemeinster Zynismus“ sein kann. („Gut, dass das Flüchtlingslager brennt. Jetzt kann keiner mehr jammern, dass die Flüchtlinge erfrieren.“)

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Bedenkenswerter, oft subtil komischer Stoff für dieses schöne Land. Zum Kichern wie die FPÖ-„Historikerkommission“, über die Corona netterweise den Mantel des Vergessens gebreitet hat.

Franz Schuh: „Lachen und Sterben“. Zsolnay, 336 Seiten, 26 Euro.        Von Christian Pichler

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